Zum Inhalt springen

Montagsdemonstrationen sind zurück

4.500 Menschen protestieren in Schwerin

Von

Karte von Montagsdemonstrationen mit Anzahl der Teilnehmer:innen in MV. Die größten waren Schwerin (4.500), Wismar (1.400), Parchim (1.000), Ludwigslust (800), Güstrow (700), Neubrandenburg (650) und Rostock (350). Weitere kleinere gab es in Barth, Stralsund, Grimmen, Bergen, Greifswald, Teterow, Waren, Neustrelitzund Pasewalk.

Artikel teilen

Daniel Gurr organisierte seit Dezember 2021 regelmäßig Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Schwerin. Nachdem im Frühsommer die Beteiligung deutlich nachließ, legten die Aktivist:innen eine Sommerpause ein. Nun sind sie wieder zurück, mit Demonstrationen gegen steigende Preise, gegen Russlandsanktionen, gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, für die Öffnung von Nord Stream 2 und für ein bisschen Kritik an der Corona-Politik. Die gestrige Demo war für Gurr und die übrigen Veranstalter:innen1 der Auftakt zu einem Herbst mit regelmäßigen Demonstrationen.

Anfangs rechnete auch Organisator Gurr nur mit etwa 2.000 Teilnehmenden. Doch die Versammlung habe eine ganz neue Dimension erreicht, meinte Gurr zufrieden. Weil es jedoch an Ordner:innen mangelte, setzte sich der für 19 Uhr geplante Demonstrationszug durch die Innenstadt erst mit etwa 40 Minuten Verspätung in Bewegung.

Keine Zeit mehr für Blümchen

Gurr überbrückte die Wartezeit mit einer längeren Eröffnungsrede und wies darauf hin, dass auf der Veranstaltung „Klartext“ geredet werde und die Teilnehmer:innen sich dadurch nicht abschrecken lassen sollten. Die Kundgebungen seien keine Plattform für Parteien und Kampagnen, es handele sich bei den Versammlungen vielmehr um Treffen „von und für Menschen“, betont Gurr die Neutralität der Organisator:innen.

Versammlungsleiter Daniel Gurr (gelbe Weste) will Parteien und Kampagnen keine Plattform bieten. (Foto: Chris Loose)

Mit Blick auf weitere Demos beschrieb er den kommenden Winter als „historisch“. Und was die Kommunikation mit Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) angehe, sei die „Zeit für Blümchen vorbei“. Bis Ende Dezember habe er bereits Demonstrationen bei der Verwaltung der Landeshauptstadt angemeldet.

Statistik im „Telegram-Stil“

Weiter forderte Gurr bezahlbare Lebensmittel-, Strom- und Gaspreise. Regierung und Politik müssten handeln. Die Lösung liefert der erfahrene Redner mit einer Statistik aus seinen Telegram-Kanälen. In diesen würden 98 Prozent der 900 Mitglieder fordern: „Stoppt den Krieg mit Russland – Nord Stream 2 öffnen.“

Gurr verwies mehrmals darauf, dass es sich um eine friedliche und angemeldete Demo handele. Auf seine rhetorische Frage: „Warum angemeldete Demos?“, gab er sich selbst die Antwort: „Ganz einfach, weil wir noch nicht so weit sind, dass es unangemeldet geht.“ Würde er zu unangemeldeten Zusammenkünften aufrufen, hätte er schnell „ein Strafverfahren an der Backe“ und dies sei „strategisch“ unklug.

Gurr droht Politik

Er forderte die Anwesenden auf, zu entscheiden, ob aus ihrer Sicht richtige Anliegen mit den richtigen Leuten auf der Demonstration vertreten würden. Dann könne der friedliche Protest weiter wachsen, so Gurr.

Würde dann die Politik die Demonstrierenden und ihre Forderungen weiterhin nicht ernst nehmen, könne es sein, „dass die Politik es kaputtmacht“, deutet Gurr schon einmal zaghaft an, wer die Verantwortung trage, falls die Proteste nicht mehr friedlich verlaufen.

Dann ist es die Politik, die dafür sorgt, dass irgendwann die Wut überquillt.
Daniel Gurr, Organisator und Anmelder der Montagsdemonstrationen in Schwerin

An der Demonstration nahmen auch Personen teil, die sich schon im Winter und Frühjahr an den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen beteiligt hatten. Offensichtlich hatten sich auch ansonsten unpolitische Menschen aufgrund der gestiegenen Preise entschlossen, bei dieser Demo mitzulaufen. Doch „Querdenker:innen“ und Impfgegner:innen fehlten auch bei dieser Demo nicht. Und auch die Anhänger der von Sahra Wagenknecht gegründeten Aufstehen-Initiative präsentierten ihr Banner.

Die Polizei geht wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole zwei Anzeigen nach. Die Demo selbst verlief nach Polizeiangaben friedlich.

Wie auch bei den Demonstrationen in der ersten Jahreshälfte gab es eine kleine Gegendemonstration von zehn Aktivist:innen. (Foto: Chris Loose)

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 5.369 Abonnent:innen

189,9 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Fußnoten

  1. Hasselmann, Silke: Demonstrantin: „Dürfen hier nicht alles gegen die Wand fahren“, auf: deutschlandfunk.de (20.9.2022).
  2. Polizeipräsidium Rostock (Hg.): Versammlungsgeschehen im Polizeipräsidium Rostock am 19. September 2022, auf: presseportal.de (19.9.2022).

Autor:innen

haut als freier Journalist in Schwerin für KATAPULT MV in die Tasten. Manchmal knipst er auch.

Neueste Artikel

Deutschlandkarte mit der Überschrift "Wo Menschen an Long Covid erkranken", "Wo ein Long-Covid-Institut eröffnet wird", ein Pfeil zeigt nach Rostock

Erstes Long-Covid-Institut Deutschlands öffnet

Die Krankheit nach der Krankheit: Auch nach milden Covid-Verläufen leiden viele unter Long und Post Covid. Hunderttausende sind schon erkrankt. Long Covid ist eine eigenständige chronische Erkrankung, die unheilbar und deren Ursache immer noch ungeklärt ist. Bei einigen ist die Krankheit so schwerwiegend, dass sie dauerhaft erwerbsunfähig werden. Umso erstaunlicher ist es, dass sich bisher kaum jemand damit beschäftigt hat. Ein neues Institut in Rostock soll dies nun ändern.

Landesweite Kunstschau

In der ersten Oktoberwoche findet zum 15. Mal die Kunstveranstaltung „Kunst heute“ in MV statt. Mehr als 130 Ateliers, Literaturhäuser, Museen, Galerien, Gutshäuser, Schlösser und Kirchen öffnen dafür ihre Türen. Rund 500 Kunstschaffende sind daran beteiligt.

Kreativbranche sucht neues Quartier

Kreative und Kulturschaffende der Hansestadt sollen ein neues Quartier erhalten, um sich entwickeln und gemeinsam wachsen zu können. Der Standort soll mithilfe einer Machbarkeitsstudie festgelegt und anschließend ausgebaut werden.