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Wegen geschlechtergerechter Sprache

Ärzteblatt MV tauft Einrichtung um

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Sternchen raus, generisches Maskulinum rein: So änderte das Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern in seiner vorletzten Ausgabe kurzerhand den Eigennamen „Psychosoziales Zentrum Rostock für Geflüchtete und Migrant*innen“ (PSZ) zu „Psychosoziales Zentrum Rostock für Geflüchtete und Migranten“.

Franziska Rebentisch, Ärztin am PSZ, machte ihrer Irritation in einem Leserinnenbrief an das Magazin der Ärztekammer MV Luft: „Dieser (der Eigenname, Anm. d. Red.) wurde von unserem Team, welches zu großen Teilen aus Ärzt*innen besteht, bewusst gewählt, da wir auch Patient*innen betreuen, welche aufgrund ihres Geschlechtes Gewalt erlebten, diskriminiert und zur Flucht gezwungen wurden.“ Sie bat das Magazin, künftig den Eigennamen der Einrichtung zu nutzen. Nach weiteren inhaltlichen Kritikpunkten am Ärzteblatt kündige sie ihr Abo vorerst.

Der stellvertretende Chefredakteur des Ärzteblatts MV, Vizepräsident der Ärztekammer MV und Facharzt für Chirurgie in Rostock, Wilfried Schimanke, antwortete auf den Brief seiner Kollegin. Das Magazin drucke den gesamten Schriftwechsel ab, um zu „verdeutlichen, wie skurril die Entstellung der deutschen Sprache durch den Genderwahn werden kann“. Doch während im öffentlichen Diskurs in der Regel die immer gleichen Argumente gegen das Gendern wiederholt werden, hat die Wissenschaft diese eigentlich schon längst widerlegt.

Zu den am besten untersuchten Phänomenen der deutschen Sprache gehört das sogenannte generische Maskulinum – die Gewohnheit, Menschengruppen im grammatisch maskulinen Geschlecht zu bezeichnen: Ärzte, Migranten, Leser. Die empirische Forschung dazu ist kaum noch überschaubar, doch in ihren wesentlichen Ergebnissen stimmt sie weitgehend überein.

Hier kommen die Argumente Schimankes gegen geschlechtersensible Sprache und ihre Widerlegung durch die Wissenschaft.

1. Maskulina sind geschlechtsneutral

Der Chirurg schreibt, das Maskulinum sei geschlechtsneutral und bezeichne gar nicht nur Männer. Das grammatikalische Geschlecht habe nichts mit dem biologischen zu tun. Unzählige Studien belegen hingegen, dass maskuline Personenbezeichnungen nicht geschlechtsneutral verstanden, sondern männlich interpretiert werden.

Man kann zwar unterhalb des Inhaltsverzeichnisses darauf hinweisen, dass alle Menschen gemeint seien – wie es das Ärzteblatt MV tut. Doch auch das wirkt sich nicht auf die Sprachwirklichkeit aus: Kommunikativer Erfolg bemisst sich nicht an Absichtserklärungen, sondern danach, was bei den Leser:innen ankommt. Und Studien zeigen, dass Fußnoten oder Hinweise auf das Mitgemeintsein aller Geschlechter entweder im besten Fall gar keinen Einfluss haben, oder die männliche Schlagseite geschlechtsübergreifend gemeinter Maskulina noch verstärken.

2. Gendern entstellt die Sprache

„Falsch verstandener Feminismus entstellt nicht nur die Sprache, sondern besitzt das Potential zur Spaltung der gesamten Gesellschaft.“ Schon dieser Vorspann zum Schlagabtausch enthält ein häufiges Argument: Geschlechtergerechte Formulierungen würden die Sprache entstellen. Zahlreiche Studien zeigen jedoch: Wird geschlechtergerechte Sprache geschickt eingesetzt, hemmt sie die Ästhetik und Eleganz von Texten keineswegs.

Im Brief selbst schreibt Schimanke zum zweiten Vorwurf: „Wenn Sie diese Spaltung der Gesellschaft wirklich wollen, müssen Sie konsequenterweise den (phänotypisch überwiegend) weiblichen Teil der Menschheit nicht mehr als Menschen, sondern als Menschinnen bezeichnen.“ „Person“ hingegen sei feminin: „Sind Männer keine Personen?“, fragt Schimanke.

Bei „Mensch“ und „Person“ handelt es sich um geschlechtsabstrahierende Personenbezeichnungen, das grammatikalische Geschlecht ist willkürlich. Sie werden oft als geschlechtersensible Alternativen verwendet. Doch durchaus hat „der Mensch“ oft eine männliche Lesart – wie die Pionierin der feministischen Linguistik, Luise F. Pusch, bereits 1984 feststellte. Deshalb wird mitunter tatsächlich „Person“ bevorzugt.

Doch bei den meisten anderen Personenbezeichnungen gibt es einen starken Zusammenhang zwischen grammatikalischem und (angenommenem) biologischen Geschlecht: Fast alle femininen Personenbezeichnungen beschreiben Frauen, fast alle maskulinen Männer. Häufig entstehen die femininen Bezeichnungen durch die Endung „-in“ an den maskulinen Bezeichnungen. Sollte durch die Sprache die Gesellschaft gespalten sein, ist sie es schon seit Langem: Das Geschlecht ist tief in die deutsche Sprache, ihre Worte und Grammatik eingesickert.

Fun Fact: Im Deutschen gibt es lediglich drei Wörter, die Frauen primär bezeichnen und aus deren Ableitung die maskulinen Formen gebildet werden: Braut, Witwe und Hexe.

3. Sprache kann keine Ungerechtigkeit beseitigen

Im Brief wirft Schimanke seiner Kollegin außerdem vor, sie würde „ideologisch motivierten sprachlichen Unsinn“ propagieren. Sprache könne Ungleichheiten nicht aus der Welt schaffen.

Fakt ist, dass es komplexe Wechselwirkungen zwischen Sprache, Denken und Realität gibt. Sprache kann dazu führen, dass Stereotype unbewusst und unreflektiert beibehalten werden. Und im Gegenteil: Sprache kann auch dazu beitragen, Denkgewohnheiten zu verändern und so Benachteiligung und Diskriminierung entgegenzuwirken. Natürlich nicht im luftleeren Raum, losgelöst von tatsächlichen, außersprachlichen Gegebenheiten.

4. Geschlechtergerechte Sprache ist schwer zu verstehen

In seiner letzten Antwort meint Schimanke, Sternchen seien zu schwierig zu verstehen. „Migranten sind dringlich darauf angewiesen, die deutsche Sprache zu erlernen. Dies ist für die meisten ohnehin nicht leicht und wird durch eine derart sperrige Bezeichnung zusätzlich erschwert.“ Doch auch hier belegen verschiedenste Studien: Gendersensible Sprache hemmt weder Verständlichkeit und Prägnanz von Texten, noch beeinflusst sie ihre Einfachheit und Lesbarkeit. Ausnahme: Die Schrägstrich-Schreibweise, wie in „Ärzt/inn/e/n“.

Für Interessierte:

  • Blake, Christopher; Klimmt, Christoph: Geschlechtergerechte Formulierungen in Nachrichtentexten, in: Publizistik (55)2010, S. 289-304.
  • Braun, Friederike u.a.: Können Geophysiker Frauen sein? Generische Personenbezeichnungen im Deutschen, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik (3)1998, S. 265-283.
  • Braun, Friederike u.a.: „Aus Gründen der Verständlichkeit…“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten, in: Psychologische Rundschau (3)2007, S. 183-189.
  • Hansen, Karolina u.a.: The Social Perception of Heroes and Murderers: Effects of Gender-Inclusive Language in Media Reports, in: Frontiers in Psychology (22.3.2016).
  • Klein, Josef: Benachteiligung der Frau im generischen Maskulinum – eine feministische Schimäre oder psycholinguistische Realität?, in: Norbert Oellers (Hg.): Germanistik und Deutschunterricht im Zeitalter der Technologie. Selbstbestimmung und Anpassung. Vorträge des Germanistentages Berlin 1987, 1988, S. 310-319.
  • Klimmt, Christoph u.a.: Geschlechterrepräsentation in Nachrichtentexten. Der Einfluss von geschlechterbezogenen Sprachformen und Fallbeispielen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen und die Bewertung der Beitragsqualität, in: Medien & Kommunikationswissenschaft (1)2008, S. 3-20.
  • Kollmayer, Marlene u.a.: Breaking Away From the Male Stereotype of a Specialist: Gendered Language Affects Performance in a Thinking Task, in: Frontiers in Psychology (19.6.2018).
  • Kotthoff, Helga u.a.: Genderlinguistik. Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht, 2018.
  • Nübling, Damaris: Genus und Geschlecht. Zum Zusammenhang von grammatischer, biologischer und sozialer Kategorisierung, 2020.
  • Pöschko, Heidemarie; Prieler, Veronika: Zur Verständlichkeit und Lesbarkeit von geschlechtergerecht formulierten Schulbuchtexten, in: Zeitschrift für Bildungsforschung (8)2018, S. 5-18.
  • Rothmund, Jutta; Christmann, Ursula: Auf der Suche nach einem geschlechtergerechten Sprachgebrauch. Führt die Ersetzung des generischen Maskulinums zu einer Beeinträchtigung von Textqualitäten?, in: Muttersprache (2)2002, S. 115-135.
  • Stahlberg, Dagmar; Sczesny, Sabine: Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen, 2001.
  • Stahlberg, Dagmar u.a.: Representation of the sexes in language, in: Klaus Fiedler (Hg.): Social communication, 2007, S. 163-187.
  • Steiger-Loerbroks, Vera; Stockhausen, Lisa von: Mental representations of gender-fair nouns in German legal language: An eye-movement and questionnaire-based study, in: Linguistische Berichte (237)2014, S. 57-80.

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Fußnoten

  1. Rebentisch, Franziska: Leserbrief zum Artikel „Ehrenamtliches Engagement junger Ärztinnen und Ärzte“, Ausgabe 12/2021, S. 47, auf: aerzteblatt-mvp.de (Februar 2022).
  2. Schimanke, Wilfried: Antwort Dr. Schimanke vom 08.12.2021, S. 47 f., auf: aerzteblatt-mvp.de (Februar 2022).
  3. Gendern meint das Vermeiden des generischen Maskulinums. Dies kann nicht nur durch die ausführliche Nennung zweier Geschlechter passieren, sondern auch durch Kurzformen mit Sonderzeichen oder die Neutralisierung von Personenbezeichnungen.
  4. Liste ausgewählter Studien am Ende des Artikels.
  5. Ärzteblatt MV (Hg.): Inhalt, S. 39, auf: aerzteblatt-mvp.de (Februar 2022).
  6. Pusch, Luise F.: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik, 1984, S. 15-19, 156-167.

Autor:innen

Geboren in Rostock.
Aufgewachsen in Rostock.
Studierte in Rostock. Und Kiel.

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