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Protest gegen Kreuzfahrtbranche

Klimaaktivist:innen sehen Blockade als vollen Erfolg

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Lesedauer: ca. 6 Minuten

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Eine Gruppe von 14 vermummten Personen paddelt am Samstag in Kajaks und Schlauchbooten durch das Fahrwasser der Unterwarnow in Warnemünde. Innerhalb weniger Minuten erreichen sie das Kreuzfahrschiff AidaDiva, das am Kai auf seine Abfahrt nach Skandinavien wartete. „Smashcruiseshit“, so nennt sich die Gruppe der Klimaaktivist:innen, bringt zunächst Banner und Graffitis an der Außenwand des Kreuzfahrtriesen an. „Make Cruiseships History“ steht auf einem, auf einem anderen ist „Seenotrettung im Mittelmeer, statt Luxusdampfer in jedem Meer“ zu lesen. Andere sprayen „Fight Neocolonialism“ und „Lützi Lebt“ an die Flanke des Schiffs. Danach paddeln die Aktivist:innen vor der AidaDiva umher – und hindern sie so für fast drei Stunden am Auslaufen. Keine der Demonstrant:innen versucht in dieser Zeit auf das Schiff zu gelangen, wie der NDR fehlerhaft berichtet. Mit ihrer Protestaktion fordern die Aktivist:innen den sofortigen Stopp des Kreuzfahrttourismus: „Kreuzfahrtunternehmen sollen für die ökologischen und sozialen Schäden, die sie verursachen, zur Rechenschaft gezogen werden“, heißt es später in einer Pressemitteilung.

Die vermummten Aktivist:innen bringen verschiedene Banner an und sprayen Parolen an eine Schiffsseite. Bei erkennungsdienstlichen Maßnahmen verweigern sie später ihre Identität. (Foto: Wilhelm Hermann)

Zum ersten Mal fanden sich „Smashcruiseshit“ 2019 zusammen. Ihre Akteure entstammen der linken, klimaaktivistischen Szene. Viele von ihnen legen ihren Fokus auf Klimagerechtigkeit. Bisher sei man bis auf die Corona-Jahre 2020 und 2021 jeden Sommer zusammengekommen, um Blockaden von Kreuzfahrtschiffen zu planen, sagt eine Sprecherin der Gruppe, die sich als Juli Anders vorstellt. Im Kieler Hafen haben die Aktionen von „Smashcruiseshit“ bereits zwei Mal für Aufsehen gesorgt.

Aida versucht Aktivist:innen abzuschrecken

An diesem Samstagabend ist auch KATAPULT MV aufgrund eines anonymen Hinweises in Warnemünde vor Ort. Von einem Presseboot aus beobachten wir die Blockade, haben direkte Sicht auf die Aktivist:innen und die Arbeit der Einsatzkräfte.

Einige Minuten nach Beginn der Blockade nimmt die Crew der Aida den ersten Kontakt zu den Aktivist:innen auf. Sie fordern von den Beteiligten, sich vom Schiff zu entfernen. An Land tummeln sich derweil Hunderte Schaulustige und auch Passagiere des Kreuzfahrtschiffes beobachten die Protestaktion. Sowohl die Aktivist:innen als auch wir Journalist:innen im Presseboot werden mehrfach beschimpft. Aber es gibt auch Zuspruch. Viele nach oben gerichtete Daumen werden in Richtung der Aktivist:innen geschickt. Andere rufen: „Weiter so!“ und „Für Umweltschutz!“

Von der Aida ertönt gegen halb sieben ein schmerzhafter, unerträglicher Piepton von einem sogenannten „Long Range Acoustic Device“ – ein überdimensionaler Lautsprecher, welcher der Piratenabwehr auf hoher See dienen soll. Als sich eine Aktivist:in im Wasser direkt vor dem Bug befindet, wird das Bugstrahlruder, was eigentlich zum Manövrieren dient, aktiviert. Dabei ist das Schiff auch weiterhin mit Tauen am Kai befestigt. Es erzeugt Wellen, durch die die Aktivist:in in Richtung der befahrenen Rinne der Warnow getrieben wird. Was soll das denn?, denken wir.  Schließlich kommt von dort ein Lotsenboot heran. 

Auch dieses sorgt mit seinem Wellengang dafür, dass die Aktivist:innen in ihren Kajaks nicht mehr manövrieren können. Wir verlieren die Übersicht. Neben uns ein Sog und vor uns Wellen, die immer stärker werden. Kurz darauf erwischt uns eine Welle so stark, dass wir einmal komplett abtauchen. Kameras nass, Handys nass, Klamotten nass. Das Lotsenboot verlässt daraufhin die Protestaktion. Danke.

Polizeieinsatz in der Kritik

Auch die hinzugerufenen Einsatzkräfte von Polizei, Zoll und Küstenwache bringen die Aktivist:innen in gefährliche Situationen. Die Küstenwache versucht zunächst, die Aktivist:innen näher an die Aida zu drängen. Es folgen weitere Boote des Zolls und der Polizei. Auch sie kesseln die Protestaktion weiter ein, umkreisen die Aktivist:innen. Diesen Einsatz kritisiert „Smash Cruiseshit“ im Nachgang stark. Vor und während der Räumung habe es an Kommunikation seitens der Polizei gefehlt, heißt es. Ein Aktivist wird schonungslos aus seinem Kajak gezerrt, während die Einsätzkräfte weitere Kajaks der Aktivist:innen zum Kentern bringen. Unser Eindruck: Die Polizei handelt rigoros. Und auch die Aktivist:innen berichten später von unterschiedlich starker Gewalt durch Einsatzkräfte ihnen gegenüber.

Nachdem verschiedene Einsatzkräfte die Aktion erreichen, kesseln sie die Aktivist:innen zunächst ein, um sie dann voneinander zu trennen. (Foto: Wilhelm Hermann)
Unteres Bild: Die Einsatzkräfte versuchen, die Aktivist:innen zu stellen. (Foto: Wilhelm Hermann)
Die Dimensionen – Zwei Aktivist:innen im Kajak und ein Boot mit Einsatzkräften vor der AidaDiva. Im Hintergrund rückt das Schiff der Küstenwache die übrigen Demonstrant:innen näher an die Aida. (Foto: Wilhelm Hermann)

In fast keinem Fall konnte die Polizei Aktivist:innen direkt aus dem Wasser holen. Es läuft immer wieder gleich ab: Ein Polizeiboot holt eine:n Aktivist:in ein, fährt auf sie zu und bringt das Boot zum Kentern. Aus unserer Perspektive sieht es aus, als würden die Polizist:innen einfach über die Demonstrant:innen hinwegfahren. Diese sind teils vollständig unter Wasser. Manchmal sind nicht mal mehr ihre leuchtenden Schwimmwesten zu sehen. 

Während der Räumungsaktion bringen Einsatzkräfte die Aktivist:innen gezielt zum Kentern, u.a. indem sie sie anfahren. (Foto: Wilhelm Hermann)
Nachdem die Aktivist:innen aus ihren Kajaks ins Wasser fielen, versuchen sie vor den Einsatzkräften wegzuschwimmen. Manchmal geraten sie aber auch unter deren Boote. (Foto: Wilhelm Hermann)

Die Aktivist:innen schwimmen vor den Polizei- und Zollbooten weg, deren Rumpf nicht wie der Rest aus weichem Gummi, sondern aus hartem Kunststoff oder Aluminium besteht Deshalb erklären „Smash Cruiseshit“ nach der Aktion: Mehrfach habe die Polizei im Wasser schwimmende Menschen in Gefahr gebracht. Darüber hinaus hatten wir den Eindruck, dass die Einsatzkräfte mehrfach versuchten, unser Sichtfeld für die Presse einzuschränken. 

Kurz vor Ende der Räumung: Die Boote der Aktivist:innen holt die Polizei später aus dem Wasser, um sie als Beweismittel zu sichern. (Foto: Wilhelm Hermann)

Nach anderthalb Stunden wird die letzte Person von „Smash Cruiseshit“ aus dem Wasser und in die Gefangenensammelstelle gebracht. Aktivist:innen berichten im Nachhinein von Durchsuchungen, bei denen sie sich komplett entkleiden mussten. Ein Sprecher erzählt, es seien unter Zwang erkennungsdienstliche Behandlungen durchgeführt worden. Mehreren Menschen habe die Polizei dabei heftige körperliche Gewalt angetan. Auch wir konnten dies in einem Fall beobachten. Denn trotz entsprechender Nachweise wurden auch wir Journalist:innen eine Stunde an der Gefangenensammelstelle festgehalten. Um 20 Uhr durften wir schließlich gehen.

Noch zwei Tage nach der Aktion kann sich die Polizei nicht zu den Vorwürfen äußern. Da vier verschiedene Behörden am Einsatz beteiligt waren, sei die Nachbereitung umfangreicher als sonst. Tobias Gläser, Sprecher des Polizeipräsidiums Rostock erklärt weiter: „Die Vorwürfe – die die Polizei im Übrigen nur über die Presse erreicht haben – werden selbstverständlich sehr ernst genommen.“

„Smash Cruiseshit“ wertete die Aktion am Sonntag trotz allem als Erfolg. Das Ziel, die umwelt- und klimaschädlichen Folgen der Kreuzfahrt zum Diskussionsthema zu machen, habe man in Rostock, Meck-Vorp und über die Landesgrenzen hinaus erreicht.

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Fußnoten

  1. E-Mail von Robin Krämer, Sprecher von „Smash Cruiseshit“, vom 17.6.2023.
  2. Spiegel Reise: Umweltaktivisten kaperten Kreuzfahrtschiff, auf: spiegel.de (10.6.2019) / Hamburger Abendblatt (Hg.): Aktivisten blockieren Kreuzfahrtschiffe im Kieler Hafen, auf: abendblatt.de (3.7.2022).
  3. E-Mail von Robin Krämer, Sprecher von „Smash Cruiseshit“, vom 18.6.2023.
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Bundespolizei, Zoll, Polizeipräsidium Rostock, Wasserschutzpolizei MV.
  7. E-Mail von Tobias Gläser, Pressestelle Polizeipräsidium Rostock, vom 19.6.2023.

Autor:innen

Freie Reporterin in Greifswald.

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