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Maritime Wirtschaft

Aufwerten statt Abwracken

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Lesedauer: ca. 5 Minuten

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Direkt vor dem Wiecker Sperrwerk, wo der Ryck in den Greifswalder Bodden mündet, liegt seit dem Spätsommer ein neues Schiff: die „Nordland III“. 1944 in Swinemünde gebaut, wurde sie im Zweiten Weltkrieg als einer von 600 Kriegsfischkuttern eingesetzt. Danach veränderte sich ihr Erscheinungsbild noch einige Male, ebenso ihre Funktion und die Besitzer. An Deck befanden sich bis Kriegsende noch zwei Kanonen. Danach wurden sie abmontiert und die Nordland zum Fischkutter. Zuletzt kam sie vom schleswig-holsteinischen Strande nach Greifswald. Die Tür zum Schiffsinnenraum steht tagsüber stets offen. Auf einer schwarzen Tafel, die außen am Schiff angebracht ist, werden Getränke angeboten. Kapitän Lars Benn werkelt draußen herum und streicht ein Stück Holz in roter Farbe an: „Komm rauf“, ruft er.

Von 1.000 Euro zum Geschenk

Der gelernte Matrosen-Motorenwart wohnt seit etwa zwei Jahren in Loitz. Unter normalen Umständen hätte er für das Schiff 1.000 Euro bezahlt. So viel verlangte der Vorbesitzer, der in Polen lebt, auf Ebay-Kleinanzeigen. Bei der ersten Besichtigung stand das Schiff jedoch schon halb unter Wasser: „Ich habe ihn dann sofort angerufen und ihm gesagt, dass sein Schiff gerade untergeht“, erzählt Benn. Der Vorbesitzer habe sofort eingelenkt und ihm die Nordland als Geschenk angeboten.

Am Schiff muss zwar noch einiges getan werden, aber beim Betreten verwandelt es sich in einen Mix aus Trödelmarkt und kleiner Kneipe. Direkt am Eingang eine Theke. Hier macht der Kapitän Kaffee und Glögg. In der Messe finden sich alte Seekarten, Objekte aus der DDR, Bücher, Spiele, Regenschirme, Jacken, Schmuck und andere nostalgische Stücke. Mit den Einnahmen finanziert er kleine Reparaturen an Bord. Die Inneneinrichtung stammt aus den 90er-Jahren.

Ein Mann in Lederjacke an Bord eines Kutters.
Lars Benn ist neuer Besitzer der Nordland III (Fotos: Lukas Voigt)

Vom Vorbesitzer alleingelassen

Die Nordland III lag bis Juni 2018 im Strander Hafen, einem kleinen Ort bei Kiel, und galt dort als Wahrzeichen. Als Touristen- und Bestattungsdampfer fuhr sie damals regelmäßig raus. Danach wurde das Schiff von einer Privatperson gekauft. Der Besitzer habe sich dann fünf Jahre kaum um die Nordland gekümmert, erzählt der neue Eigentümer Benn. Erst stand sie sehr lange in der Museumswerft im Greifswalder Hafen. Dort darf ein Schiff anlegen, wenn aktiv daran gebastelt wird. Der damalige Besitzer war aber kaum vor Ort. Dann musste er die Nordland III nach Wieck bringen. An der dortigen Mole lag sie die folgenden zweieinhalb Jahre, bis sie unterzugehen drohte. Benn erinnert sich: „Ich bin runter in den Maschinenraum und nicht mal zur Maschine gekommen. So hoch stand das Wasser.“ In nur wenigen Tagen wäre das Schiff auf Grund gegangen und die Bergung hätte viel Geld gekostet. Lars Benn entschied sich also, das alte Schiff wieder instand zu setzen. Für einen gelernten Motorenwart der Binnenschifffahrt sei das kein Problem.

Dennoch steht er dabei vor großen Herausforderungen: Allein von der Decksauflage musste er Schichten verschiedener Stoffe herunterreißen, um das darunterliegende Holz zu erneuern. „Die Schichtung war ungefähr so: Teerpappe, Aluriffelblech, Teerpappe, Pressholz. Darüber eine fette Schicht Farbe. Das gibt dem Boot nicht die Möglichkeit, zu atmen, und hält nicht ewig“, erzählt er und deutet nach oben: „Da oben war alles feucht. Die ganze Decke war komplett nass, wie eine Tropfsteinhöhle. Die Fenster waren beschlagen.“ In die Schichten sei Wasser eingetreten. Auch der Maschinenraum brauche viel Pflege: Zwei Balken, die an der Vorpiek undicht sind, müssten von einer Werft ausgetauscht werden. Generell gibt es auf dem Schiff noch viel morsches Holz. Hinzu kommt die Elektrik. Alles in allem geht Benn von Kosten in Höhe von 30.000 bis 40.000 Euro aus.

Der Kapitän hat große Pläne

Mit dem Getränkeservice an Bord oder zum Mitnehmen und mit dem kleinen Trödelmarkt sollen die ersten Reparaturen am Schiff finanziert werden. Sowohl in der Messe als auch an Deck stehen Sitzmöglichkeiten bereit: „Hier kannst du immer schön gucken, wenn die Boote rein- und rausfahren, und den Ausblick über den Bodden genießen“, schwärmt Benn.

Und dann? Wenn die Nordland III wieder fahrbereit ist, soll es auf Reisen gehen. Der Kapitän hat schon genaue Vorstellungen: „Ich möchte in zwei Jahren dahin, wo jedes Jahr Saison ist, also zum Mittelmeer.“ Gemeinsam mit seiner Familie will er dort den Getränkeservice weiterbetreiben. Doch damit nicht genug: „Der Plan ist, ein zweites Schiff zu kaufen und dann geht’s noch weiter weg“, erzählt der Vater von zwei Kindern.

Auf dem zweiten Schiff möchte er dann wohnen, mit seiner Familie und Tauchkursteilnehmer:innen. Damit habe er schon Erfahrung: Die letzten 30 Jahre hat Benn als Tauchlehrer in Ägypten, der Dominikanischen Republik, Vietnam und Honduras gearbeitet. Bis zu 6.000 Tauchgänge hat er schon hinter sich gebracht. Die Nordland III würde sich dann hervorragend als Unterrichtsraum und Ausrüstungslager für die Tauchschule eignen, so der 56-Jährige.

Für diese Zukunftsprojekte aber braucht es noch mehr Zeit zum Reparieren der Nordland III und Einnahmen für die Finanzierung. Dafür hofft Benn auf sehr viel mehr Gäste als bisher. Aber jetzt komme ja die Frühlings- und Sommersaison.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 8.

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Fußnoten

  1. Arndt, Eckhard-Herbert: „Nordland III“ wartet auf neue Gebote, auf: thb.info (1.12.2016).
  2. Alle Angaben sind den Infotafeln an Bord der Nordland III entnommen.
  3. Budde, Jan T.: Legendärer Kutter ist verkauft, auf: kn-online.de (30.5.2017).
  4. Budde, Jan T.: Nordland verschwindet aus dem Hafen, auf: kn-online.de (14.6.2018).

Autor:innen

Freie Reporterin in Greifswald.

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