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American Football

Aus Vorpommern in die Nationalmannschaft

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Lesedauer: ca. 7 Minuten

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Das wöchentliche Training der Rostock Griffins verläuft jedes Mal etwas anders. An diesem Dienstagabend weht ein kühles Lüftchen über das Trainingsgelände in Warnemünde. Vor der eigentlichen Übungseinheit werden kurze Videoclips für die Social-Media-Kanäle produziert. Kein alltägliches Prozedere, aber es gehöre zur Saisonvorbereitung dazu, erklären die Spieler. Genauso, sich gegenseitig in die Kluft zu helfen. Eine komplette Ausrüstung bringt es im American Football schon mal auf knapp zehn Kilogramm. Bis das Team, bestehend aus etwa 50 erwachsenen Männern, vollständig auf dem Platz ist, vergehen etwa 20 Minuten. Dominierende Sprache: Englisch, manchmal hört man Deutsch. Die Sonne steht schon tief und die Flutlichter fahren langsam hoch. Auf dem Nachbarplatz trainieren die Fußballer vom SV Warnemünde.

Runningback Julian Hagen läuft auf das Feld. Der Reinbeker spielte 2019 seine erste Saison für die Griffins und ist mittlerweile ein fester Bestandteil des Teams. Bei der Mannschaft angekommen, setzt er seinen Helm auf, das Training beginnt. Zunächst das Warm-up, um die neuen Spieler in die Übungsabläufe zu integrieren. Später geht es dann ins Spezialtraining. Der 31-jährige Hagen ist bei den Griffins der Leading Runningback, also derjenige, der den Ball auf dem Platz nach vorne treibt. Vor dem Mannschaftstraining absolviert er daher ein eigenes Training speziell für seine Position. Dabei hat er schon eine gewisse Routine entwickelt. Euphorie setzt bei ihm ein, wenn man nachfragt, worauf er am meisten hinfiebere: „In der kommenden Saison freue ich mich am meisten darauf, wieder mit meinen Brüdern“ – Hagen meint damit seine Mitspieler – „auf dem Feld zu stehen und natürlich ganz besonders ein weiteres Mal im Ostseestadion spielen zu können.“

Sieben Teams in Meck-Vorp

Der nicht nur wegen seiner vielen englischen Bezeichnungen sehr internationale Sport American Football erfreut sich auch in Deutschland immer größerer Beliebtheit. Jährlich veranstaltet die NFL mehrere Spiele in London und eines in Mexiko-Stadt. Vergangenen November machte die Liga zum ersten Mal in Deutschland Station. Bis 2025 sollen noch drei Spiele in München und Frankfurt am Main folgen.

Innerhalb Deutschlands haben sich bereits 1979 die ersten eigenen Football-Ligen herausgebildet. Gespielt wurde bereits seit 1945, nachdem die US-amerikanischen Besatzungstruppen den Sport nach Deutschland brachten. Einen organisierten Spielbetrieb gibt es seit den Achtzigerjahren. In den Neunzigern kamen die ersten amerikanischen Profis nach Europa.

Auch in Meck-Vorp gibt es mittlerweile sechs Mannschaften im Amateurbereich: die Baltic Blue Stars Rostock, die Tollense Sharks aus Neubrandenburg, die Vorpommern Vandals und Mecklenburg Bulls aus Schwerin sowie die Pikes und die Pirates aus Stralsund. Letztere sind derzeit noch beim Aufbau einer kompletten Herrenmannschaft. Eine Jugendmannschaft haben sie schon seit ihrer Gründung vor knapp vier Jahren – derzeit spielen dort nach eigenen Angaben etwa 35 Kinder. Auch fast jede andere der Footballmannschaften in MV hat ein Jugendteam. Diese spielen aber eher Flag Football anstatt Tackle. Dabei ist im Gegensatz zur bekannteren Variante kein Körperkontakt erlaubt. Ein Frauenteam gibt es bisher nicht.

Im professionellen Bereich sind die Rostock Griffins die landesweit einzige Mannschaft, die sich seit 2016 in der zweithöchsten deutschen Liga etablieren konnte.

Das Seuchenjahr ist vorbei

Die vergangene Saison verlief jedoch für die Griffins alles andere als optimal. Intern war gar von einem „Seuchenjahr“ die Rede: Etliche Verletzungen warfen das Team immer wieder zurück. Besonders mit dem krankheitsbedingten mehrmonatigen Ausfall ihres Starting Quarterbacks Arthur Riemer direkt zu Saisonbeginn wurde die Mannschaft auf die Probe gestellt. Diesen Verlust zu kompensieren, fiel den Rostockern zunächst schwer. Die Topteams der NFL haben in der Regel zwei Quarterbacks, also Spielmacher, als Reserve. Rostock hatte keinen. Der universell einsetzbare Nicholas Thomas Alberto sprang für Riemer ein und machte seine Sache gut, so die Bilanz von Trainer Markus Grahn. Eine langfristige Lösung war das jedoch nicht. Der Amerikaner Shon Michael Belton von den Citadel Bulldogs aus South Carolina wurde kurzerhand ins Team geholt und brachte die Saison zu Ende.

Aber es waren noch weitere Ausfälle zu verkraften: Grahn standen teilweise nur noch 30 von möglichen 50 Spielern zur Verfügung. Dennoch kämpfte sich das Team vor allem in der zweiten Saisonhälfte zurück und landete am Ende auf Platz fünf von acht.

Für die neue Saison haben sich die Rostocker personell verstärkt: Grahn war mit seinem Trainerteam in Florida, um talentierte Spieler zu sichten. Mit der Verpflichtung des neuen Quarterbacks Isaiah Weed möchte man das Team „vor einer Katastrophe wie im letzten Spieljahr bewahren“, heißt es in einer Pressemitteilung zum Saisonauftakt. Mit dem 25-jährigen Weed, der gemeinsam mit dem letztjährigen Publikumsliebling Maurice Wright jr. an der Northwestern Oklahoma State University spielte, „kommt zudem ein erfahrener Mann an die Ostsee, der auch Arthur noch mal auf ein anderes Level bringen kann“, so Grahn weiter. Ebenfalls neu dabei: die beiden 26-jährigen Ruben Saint-Jean und Aharon Barnes aus Oklahoma sowie der 23-jährige Dante Anderson von den Assindia Cardinals aus Essen.

Immer dienstags trainieren die Griffins in Warnemünde. (Foto: André Gschweng)

Nationalkaderluft

Vor allem für Running Back Julian Hagen könnte der neue Quarterback von Bedeutung werden. Der Rushing Leader von 2021, also derjenige mit den meisten gelaufenen Yards der Liga, wird je nach Spielzug vom Quarterback eingesetzt, um mit einem Lauf einen Raumgewinn zu erzielen. Hagen, der während seines Studiums auch in Greifswald bei den Vandals spielte, wird von seinen Mitspielern hoch geschätzt. Für ihn ist es der ultimative Mannschaftssport: „Jedes Element ist unerlässlich für den Erfolg des Teams. Man kann keine Komponente vernachlässigen und gleichzeitig erfolgreich sein.“ Der 31-Jährige weiß, wovon er spricht: Im letzten Jahr wurde er sogar in den erweiterten Kader der deutschen Nationalmannschaft berufen. Diese Saison ist er vorerst nicht dabei. Im Zuge eines Trainerwechsels in der Nationalmannschaft sei auch der Kader komplett neu aufgestellt worden, erklärt er. Nicht zuletzt spielen aber auch die Ligaplatzierungen und junge Nachwuchstalente eine Rolle. So spielt Hagen diesmal ausschließlich seine inzwischen vierte Saison für die Rostocker.

Gemeinsam Nachwuchs aufbauen

Wenn man sich etwas länger mit American Football beschäftigt, fällt auf, dass das Motto „Football is family“ von vielen Spielern gelebt wird. Mit Daniel Pohl und Julian Hagen spielen beispielsweise zwei ehemalige Greifswalder Vandalen bei den Griffins, der 23-jährige Roman Draheim wechselte stadtintern von den Baltic Blue Stars. Zudem unterstützen sich die Teams untereinander bei Weiterbildungen, geben sich Tipps und organisieren gemeinsame Trainingslager in MV. So kamen Ende März dieses Jahres Verantwortliche aus der ELF (European League of Football), GFL2 und anderen Ligen zusammen, um bei den Stralsund Pikes die Prüfungen für eine Trainerlizenz abzunehmen. „Wir konnten sehr, sehr viel dazulernen“, heißt es auf dem Instagram-Profil der Pikes. Nicht zuletzt war Rostocks Trainer Grahn auch Nationalcoach. Die Verbindungen sind eng gestrickt.

Am 27. Mai beginnt nun die neue Saison für die Rostocker in der Bundesliga. Es geht auswärts zu den Münster Blackhawks. Das besondere Highlight für Hagen und die Griffins werde jedoch ihr erstes Heimspiel sein, betonen sie. Bereits zum fünften Mal findet ein Spiel der zweiten Liga auf dem Rasen des Ostseestadions statt. Am 10. Juni empfangen die Hansestädter dann die Oldenburg Knights. Selbstgestecktes Ziel: 10.000 Karten verkaufen. Im Wohnzimmer des FC Hansa Rostock soll es nämlich laut werden, wünscht sich Griffins-Chef Jens Putzier.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 19 von KATAPULT MV.

Korrekturhinweis: In einer ersten Version der Titelgrafik haben wir geschrieben, dass die Rostock Griffins gegen die Hildesheim Invaders gewonnen haben. Sie spielten aber in diesem Fall gegen die Lübeck Cougars.

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