KATAPULT MV: Sie waren 1992 Senator für Soziales und Gesundheit in Wismar und erster Stellvertreter der damaligen Bürgermeisterin. Wie haben Sie die Zeit erlebt?
Thomas Beyer: 1992 waren wir erst im dritten Jahr der Kommunalpolitik nach der deutschen Einheit. Und wir steckten mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Für jeden Menschen in Ostdeutschland und damit auch in Wismar hatte sich so gut wie alles verändert: die Arbeit, staatliche Institutionen, Schule, Ausbildung, Währung, was es zu kaufen gab – alles.
Wir mussten Infrastrukturen für alles Mögliche aufbauen, gerade für Soziales: ein Netz der Gemeindepsychiatrie, Unterstützungsstrukturen für Bezieher von Sozialhilfe, Beratungsdienste, und dann kam die Unterbringung von Asylbewerbern noch on top. Aus meiner Sicht war es eine Fehlentscheidung der damaligen Bundesregierung, dass wir zu dem Zeitpunkt bereits genauso viele Asylbewerber aufnehmen sollten wie die westdeutschen Bundesländer, gemessen an der Einwohnerzahl. Wir waren darauf schlicht nicht vorbereitet.
Wie wurden die Asylsuchenden in Wismar damals untergebracht?
Die erste Unterkunft war in der ehemaligen medizinischen Fachschule, ein fürchterlicher Bau. Die Holzbaracke war nicht groß und uns war schnell klar, dass wir ein größeres Objekt brauchen. Dann haben wir ein ehemaliges Lehrlingswohnheim in der Hans-Grundig-Straße aktiviert – ich glaube, Anfang 1992. Dort haben wir auch Obdachlose untergebracht. Offiziell gab es in der DDR keine Obdachlosen. Inoffiziell gab es mit Sicherheit welche, aber es gab für sie keine Unterkünfte.
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Irgendwann haben wir dann das Gebäude Haffburg 2 gekauft, in dem sich noch heute die Geflüchtetenunterkunft befindet. Dadurch hatten wir eine deutlich größere Kapazität und waren erst mal für viele Jahre aller Sorgen ledig. Diese Möglichkeiten hatten wir 1992 aber noch nicht.
Warum wurde die Unterkunft tagelang von Neonazis angegriffen?
Die Angriffe sind durch nichts zu rechtfertigen, das schicke ich erst mal voraus! Die Stimmung in der Bevölkerung war gereizt und die Rechtsextremen und Nazis – die es auch schon zur DDR-Zeit gegeben hat, nur offiziell nicht – traten offen auf. Diese haben auch sehr deutlich ihre ausländerfeindliche Haltung gezeigt. Als dann Lichtenhagen passierte, haben wir in Wismar gebangt, dass das auf uns übergreift.
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Im Grunde lief die Einrichtung in der Hans-Grundig-Straße gut. Von der Einrichtung ging nichts aus, was hätte Unruhe erzeugen können. Es reichte, dass Asylbewerber dort lebten, Bestandteil des Stadtteils und letztlich der Stadt insgesamt waren, um derartige Exzesse auszulösen.
Es herrschte eine gereizte Stimmung und es brauchte nur noch einen Anlass. Den lieferte eine Messerstecherei auf unserem Herbstmarkt, der fand damals noch im Weidendamm statt. Daraufhin ist eine Gruppe von dort losgezogen und hat die Asylunterkunft angegriffen.
Die Asylsuchenden, die in der Unterkunft untergebracht waren, müssen eine Woche lang jede Nacht Todesangst gehabt haben.
Die Menschen in der Unterkunft waren natürlich verängstigt. Wir haben versucht, sie mit zusätzlichem Personal zu beruhigen. Damals gab es dafür durchaus auch Unterstützung aus der Zivilgesellschaft – wenn auch verhalten.
Wissen Sie, was mit ihnen passiert ist, wo sie heute sind, was sie heute machen?
Nein. Es waren vornehmlich Menschen aus Rumänien, auch Roma, und ich vermute, dass die Asylanträge abgelehnt wurden. Ich weiß nur, dass sie während der Angriffe besonders betreut worden sind, sodass sie halbwegs ruhig blieben. Auch die Polizei hat ihnen deutlich gemacht: „Wir schützen euch.“ Das ist ja für Menschen aus anderen Ländern nicht unbedingt selbstverständlich, dass eine Polizei sie wirklich schützt.
Gerade für Rom:nja.
Genau.
Wissen Sie, wer die Täter:innen waren?
Ich weiß, dass ein bis heute bekannter Rechter aus Jamel zu der Zeit dabei war. Außerdem hat die Polizei damals Personalien festgestellt und insofern gehe ich davon aus, dass dort ermittelt wurde und dass es auch Verfahren gegeben hat. Aber Konkreteres weiß ich nicht.
Die Neonazis konnten in Wismar nicht ansatzweise so stark mobilisieren wie in Lichtenhagen. Es waren nicht Tausende, die den Gewalttätigen Schutz geboten haben, sondern „nur“ hundert. Es sind auch nicht Hunderte Neonazis angereist, sondern „nur“ fünfzig. Wie erklären Sie sich, dass es in Wismar „nur“ zu einem versuchten Pogrom gekommen ist?
Ich habe einen Versuch der Erklärung.
Zum einen meine ich mich zu erinnern, dass die Kommunalpolitik eine sehr eindeutige Haltung gezeigt hat: Ausländerfeindlichkeit gehört nicht in unsere Stadt. Und schon gar keine gewalttätigen Angriffe, die Menschen nach Leib und Leben trachten.
Zum anderen lag Rostock bereits hinter uns und das wird die Polizei ausgewertet haben. In Wismar hat sie anders agiert. Ich habe damals die Polizei als Glücksfall bezeichnet. Ich habe es ihr wirklich hoch angerechnet, wie konsequent sie die Angreifer ferngehalten hat. Und wir hatten einen extrem aufmerksamen Polizeichef, der den Einsatz geleitet hat, Walter Schuldt. Er war auch mit dabei, als die Polizei einmal die Revolver ziehen musste, um die Einrichtung zu verteidigen. Und sie waren erfolgreich: Es ist nichts in Brand gesetzt worden. Gar nichts. Nach etwa 14 Tagen war die Situation in der gesamten Stadt weitestgehend befriedet. Natürlich gab es weiter rechtsextreme Leute, leider.
Wie sieht es heute in Wismar und Umgebung mit Neonazi-Netzwerken und rechtsextremen Strukturen aus? Gibt es die heute noch?
Wir sind nicht frei von Nazis. Absolut nicht. Ich sehe das gerade bei Stadtfesten wie dem Schwedenfest oder dem Hafenfest. Da sind sie unterwegs und wollen gesehen werden. Beim letzten Schwedenfest1 sind sie mir besonders aufgefallen. Aber auch da hatten wir einen sehr konsequenten Sicherheitsdienst und eine sehr präsente Polizei. So konnten die Rechtsextremen nichts ausrichten.
Und wie sieht es mit der Stimmung der Bevölkerung gegenüber Geflüchteten und Migrierten aus?
Mittlerweile sind wir darauf eingestellt, dass Asylbewerber zu uns kommen, dass wir sie unterbringen, betreuen und integrieren. Wir leben mit dieser Realität und sind eine vielfältige Stadt.
Außerdem ist es in vielen Branchen mittlerweile Wirklichkeit, dass dort Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten. Wenn wir in der Gastronomie, Hotellerie oder im Einzelhandel auf sie verzichten würden, wäre hier manche Einrichtung geschlossen. Das gilt auch für die Pflege, das Krankenhaus, die Kindertagesstätten und für Industrieunternehmen.
Wenn sich morgen ein rassistischer Mob vor die Haffburg stellen würde, was wäre anders als 1992?
Ich glaube, die Polizei wäre genauso konsequent. So kenne ich jedenfalls die Polizeiinspektion – die würde dafür sorgen, dass die Einrichtung geschützt wird. Wir würden heute ganz andere Kommunikationskanäle bedienen und die Bevölkerung dazu aufrufen, Ruhe zu bewahren und Angriffe zu unterlassen. Und wir könnten heute auch die Zivilgesellschaften mobilisieren. Das war damals noch nicht so in dem Maße möglich. Und das ist eine der Konsequenzen, die wir daraus gezogen haben. Frau Dr. Wilcken, also die Bürgermeisterin, und ich wollten für solche Situationen eine Liste von Menschen haben, die wir anrufen können – Kirchengemeinden, Vereine, Stadtteilgruppen, meinetwegen Parteigruppierungen – und sagen: „Bitte helft uns.“ Es war aber mühselig. Aber später ist genau ein solches Netzwerk entstanden.
Als sich dann in den frühen 2000ern in Wismar wieder rechte Strukturen etabliert hatten und der rechte Werwolfshop in der Altstadt angesiedelt war, hat sich antirassistisches Engagement in der Stadt entwickelt. Damals haben wir die Kampagne Wismar. Neugierig. Tolerant. Weltoffen. gestartet. Wir wollten keine Stadt sein, die von Rechten dominiert wird. Und die Kampagne ist eine Plattform, auf der sich Leute zusammenfinden können und sich klar gegen Rechtsextremismus und für eine weltoffene Stadt positionieren können, bis heute.
Würden Sie sagen, sowas wie im September 1992 könnte heute in Wismar wieder passieren?
Ich kann es nicht ausschließen. Weil ich weiß, dass Leute mit rechter Haltung hier in der Stadt leben. Ich glaube aber, dass sie wenig Chancen hätten – auch aufgrund der Stadtgesellschaft. Wir haben unterschiedliche Netzwerke und lose Bündnisse wie Wismar für alle. Auch einige demokratische Parteien sind sehr wach und versuchen dagegenzuhalten. Wir haben auch viele nicht so stark in Erscheinung tretende zivilgesellschaftliche Strukturen. Das Projekt Stadtmütter zum Beispiel. Frauen aus unterschiedlichen Nationen begleiten andere Frauen und vermitteln, wie das Leben in Deutschland ist, und lernen dabei selbst viel. Es gibt insgesamt viel mehr Begegnung. Letztens hat eine Dame bei einem Stadtteilgespräch die Kinder aus der Nachbarschaft als ihre „syrischen Enkelkinder“ bezeichnet. Da geht mir das Herz auf.
Wir haben den Frauentreff von den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten, wo sich regelmäßig Frauen aus Afghanistan, dem Iran, Syrien und unterschiedlichen afrikanischen Ländern treffen. Der Verein Das Boot führt Sprachkurse und Sprachcafés durch, auch in der Bibliothek gibt es Sprachkurse. Es gibt das Tiko, ein Projekt, in dem Veranstaltungen unterschiedlichster Art auch zur Auseinandersetzung mit Ausländerfeindlichkeit organisiert werden, und den Verein Kaso, in dem Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern arbeiten und der dabei hilft, in Arbeit zu vermitteln. Auch Sportvereine, wie Schiffahrt und Hafen, haben viele Kinder und Jugendliche aus der Haffburg 2 in ihre Fußballabteilung integriert. Beim Fußballtreff Kopfgrätsche spielen Menschen mit allen möglichen Nationalitäten zusammen Fußball. Und das Museum hat Menschen aus dem Iran, Afghanistan und Syrien darin ausgebildet, Führungen in ihren Landessprachen durchzuführen.
Eines soll jedoch noch betont werden. Der Staat darf sich nicht auf zivilgesellschaftlichem Engagement ausruhen. Er muss selbst aktiv, viel aktiver als jetzt werden. Ich glaube, dass wir vor allen Dingen auch gute Strukturen aufgebaut haben. Und dass das Thema Integration von uns positiv besetzt ist und wir das als unsere Aufgabe sehen, das hat sich – glaube ich – hier weitgehend herumgesprochen.
Gleichwohl – ich will sowas nicht herbeireden, aber ich kann nicht ausschließen, dass so etwas wie im September 1992 noch mal passiert. Aber ich bin mir sicher, es würde sofort eine starke Reaktion geben: von der Zivilgesellschaft, von der Stadt und von der Polizei.
Das Interview erschien vor zwei Jahren in unserer Druckausgabe.
Außerdem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde heute auch Gudrun Heinrich.
Zum Artikel: Bundesverdienstkreuz für Rostocker Politikwissenschaftlerin
- 15. bis 18. August 2024. ↩︎

