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Nachhaltigkeit

„Dann ist es wenigstens wirklich Schrott“

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MV-Karte mit den Standorten von Reparaturcafés; Ludwigslust, Schwerin, Wismar, Rostock (2), Ribnitz-Damgarten, Stralsund, Greifswald, Gatschow und Neubrandenburg

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In Mecklenburg-Vorpommern wurden im Jahr 2020 9.941 Tonnen Elektroaltgeräte entsorgt. Das waren 6,2 Kilogramm pro Einwohner:in. Doch nicht jeder Computer, Toaster oder Mixer muss sofort auf den Schrott und damit in diese Statistik. So manches Gerät braucht nur eine Wiederbelebungschance. Zwar lässt sich die Zahl der Geräte, die mit einer Reparatur noch funktionsfähig wären, für MV nicht beziffern. So gibt das Landesumweltamt auf Nachfrage an, dass solche Informationen nicht erhoben würden. Doch in der Praxis erleben die Reparaturinitiativen in MV genau das regelmäßig. „Heutzutage wird vieles leichtfertig weggeworfen“, sagt Stephan Raabe vom Reparaturcafé in Gatschow (Mecklenburgische Seenplatte). Dabei seien oft nur einige Kleinigkeiten nicht in Ordnung und eine Reparatur mit dem richtigen Werkzeug schnell gemacht.

Auge in Auge mit dem Gast

Kann der Kaffeemaschine kein Lebenszeichen mehr entlockt werden, sind Reparaturinitiativen wie Repair Cafés eine gute Möglichkeit, Hilfe zu bekommen. Trotzdem stellen sie nicht etwa einen kostenlosen Reparaturservice dar. Vielmehr engagieren sich in diesem Format ehrenamtlich engagierte Bastler:innen und Reparierende. „Wir machen die Reparatur mit den Leuten gemeinsam. Sie sehen jeden Handgriff genau und helfen auch mit“, erklärt Hartmut Pfüller, Gründer des Repair Cafés Ribnitz-Damgarten. „Auge in Auge mit uns“, sozusagen.

Bei der Reparatur selbst Hand anzulegen, das geht in MV mittlerweile schon an zahlreichen Orten. In Ribnitz-Damgarten etwa wird das Repair Café bereits seit November 2015 regelmäßig angeboten. Damals seien sie nur zu zweit gewesen, erinnert sich Hartmut Pfüller. Doch bevor es mit der Initiative habe losgehen können, habe er erst mal einen passenden Raum finden müssen. „Das war ein Problem.“ Überall habe er angefragt, alles vergeblich, erzählt er. Erst an der Volkshochschule wurde er fündig. Dort findet das Repair Café auch heute noch zweimal im Monat statt. Derzeit reparieren regelmäßig sechs Leute für die Initiative. Über die Zeit seien immer mehr dazugekommen, berichtet Pfüller.

150. Repair Café in Rostock

Pfüller hat nicht nur die Reparaturinitiative in Ribnitz-Damgarten ins Leben gerufen. Auch beim Repair Café in Rostock ist er regelmäßig dabei. Das war er schon, bevor es mit der eigenen Initiative losging. Er sei einfach mal dorthin gefahren, erinnert sich Pfüller. Anfangs skeptisch, aber am Ende habe es gepasst, sagt er. In Rostock, im alten Schifffahrtsmuseum, in den Räumlichkeiten der Societät Maritim, wird die Reparatur von elektrischen und elektronischen Geräten seit 2014 von einer Gruppe Ehrenamtlicher angeboten. Genau wie in Ribnitz-Damgarten, nämlich zweimal im Monat, wird hier repariert. Am 7. April feierte die Initiative rund um Initiator Thomas Kielhorn sogar ihr mittlerweile 150. Repair Café.

Im Repair Café im alten Schifffahrtsmuseum in Rostock werden seit 2014 elektronische und elektrische Geräte repariert (Foto: Patrick Hinz)

Geschätzte Erfolgsrate von 60 Prozent

Auf eine solch hohe Anzahl Reparaturcafés kann Stephan Raabe noch nicht zurückblicken. Erst seit vier Jahren bietet der Verein Landkombinat in Gatschow einmal im Monat gemeinschaftliches Reparieren an. Im Rahmen ihres Offene-Werkstätten-Projekts entstand der Plan, regelmäßig auch ein Reparaturcafé abzuhalten. Die Idee habe man sich bei den bereits existierenden Initiativen abgeschaut, sagt Raabe. Es hätten sich auch Leute gefunden, die mithelfen wollten. Auf dem Land sei es jedoch nicht so einfach, auch wegen der langen Wege, um zu den Terminen zu kommen. „Das sind leider keine Stadtverhältnisse hier.“ Obwohl es aktuell nur zwei bis drei Reparierende gebe, mache die Arbeit ansonsten aber wirklich großen Spaß. „Gemeinsam in ein Gerät reingucken. Das macht es aus“, findet Raabe.

Und dafür kommen die Leute nicht nur aus dem Dorf. Um ihre kaputten, aber liebgewonnenen Geräte reparieren zu lassen, kommen sie auch aus der nächsten Stadt – Demmin – oder nehmen sogar Fahrzeiten von einer Stunde auf sich. Dabei ist es gar nicht sicher, ob das alte Stern-Radio auch wirklich wieder zum Spielen gebracht werden kann. Hartmut Pfüller aus Ribnitz-Damgarten schätzt aus Erfahrung die allgemeine Erfolgsrate der Reparaturversuche auf circa 60 Prozent. „Das Gerät kann aber auch Schrott bleiben“, sagt er trocken. Deshalb sei es ihm wichtig, dass den Leuten dies schon vorher bewusst ist. Einige seien trotzdem traurig, wenn es mal nicht klappt. Obwohl das auch sein Gutes habe: „Wenn die Reparatur nicht funktioniert, hat man wenigstens die Gewissheit, dass es wirklich Schrott ist und so ein Problem weniger, das einen belastet.“

Ein Klassiker: der Rührstab

Kommen Leute mit ihren Geräten zur Reparatur, so sind dies in Ribnitz-Damgarten größtenteils die Älteren, erzählt Pfüller. Sie brächten meist ganz alltägliche Sachen, die wieder in Gang gesetzt werden müssten. So etwa die Kaffeemaschine oder den Toaster. Das kann auch Stephan Raabe aus Gatschow bestätigen. Hier werden ebenfalls Haushaltsgeräte am häufigsten zur Reparatur mitgebracht. Besonders Küchengeräte sind oft dabei. Der Klassiker: Rührstäbe. Diese seien oft billig gekauft und schnell kaputt, weiß Raabe. Immer wieder kommt es allerdings auch vor, dass die Reparierenden nach einem Blick auf oder in das Gerät gar nicht werkeln müssen. Einmal war in einer Körperwaage die Batterie einfach nur falsch herum drin, schmunzelt Pfüller. Die Reparierenden helfen auch da gerne.

Und das können sie ja auch oft, weiß Raabe. Vieles lässt sich reparieren, ist er sich sicher. Vom alten Filmprojektor, auf dem nun wieder selbstgedrehte Familienfilme laufen können, bis zum Defibrillator vom Schrottplatz, den dann aber doch niemand ausprobieren wollte. Natürlich kämen ihnen auch manchmal wirklich spezielle Sachen unter, aber auch die „kriegen wir eigentlich meistens hin“. Manchmal müsse man – auch was die Ersatzteile betrifft – einfach ein bisschen kreativ sein und sich zu helfen wissen. „Augenöffnend, was so geht“, findet Raabe. „Wir sind ja findig.“ So drückt es Hartmut Pfüller aus.

Auf Spenden angewiesen

Da Repair Cafés auf ehrenamtlichem Engagement der Helfer:innen gründen, sind Initiativen wie in Ribnitz-Damgarten oder Gatschow auf Spenden angewiesen. Und die Leute, die mit ihren kaputten Dingen vorbeikommen, spenden auch. Das Geld brauche es, zum Beispiel für Material, den Aufwand und so weiter, weiß Pfüller. Für mehr reicht es allerdings oft nicht. In Gatschow beim Landkombinat decken die eingenommenen Spenden gerade so die Kosten der Reparaturen. Gebäude, Fahrtkosten oder eine Ehrenamtspauschale könnten damit realistisch gesehen eben nicht finanziert werden, erzählt Stephan Raabe.

Dennoch ist ihm das Ziel, mit Reparaturen zu etwas mehr Nachhaltigkeit beizutragen, wichtig. Zwar seien kleine Initiativen wie seine da nur der Tropfen auf den heißen Stein, doch hoffe er, dass zukünftig vieles weniger leichtfertig weggeworfen werde. Auch Hartmut Pfüller erkennt die nachhaltige Seite ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. Als „natürlichen Nebeneffekt“ der Reparaturen bezeichnet er das. „Das tragen wir aber nicht auf einer Fahne vor uns her“, winkt er ab. 

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 6.

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Fußnoten

  1. Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie: Mail vom 17.3.2022; Zahlen bei Redaktionsschluss (18.3.2022) vorläufig.
  2. Verquer (Hg.): Reparatur Café, auf: bildung-verquer.de.

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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