Mit Kampf und Sieg der Arbeiterklasse nahm in Neubrandenburg alles seinen Anfang, berichtet Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos). Das zweiteilige Fresko des Brandenburgers Wolfram Schubert wurde 2023 im Zuge der Sanierung des Rathauses freigelegt. Das Wandbild aus DDR-Zeiten, das Marx und Lenin zeigt, entstand in den 60er-Jahren im Auftrag der SED-Bezirksleitung und des Rats des Bezirks und verschwand 1991 hinter einer weißen Wand.1
Seine Wiederentdeckung löste nicht nur eine Debatte um den Umgang mit DDR-Kunst aus: Soll das Fresko, welches unter Denkmalschutz steht, restauriert werden? Und wenn ja, wie soll es künftig präsentiert werden? Es war auch der Beginn einer Zusammenarbeit zwischen der Stadt, der örtlichen und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege (LAKD). Sie wollen eine „Generationenaufgabe“ anstoßen, wie es Ramona Dornbusch, Landeskonservatorin beim LAKD, formuliert.
Ende August 2024 präsentierte sie gemeinsam mit Vertreterinnen der Sparkassenstiftungen, dem Oberbürgermeister und Landeskulturministerin Bettina Martin (SPD) den Grundstein für eine – so der Plan für die kommenden Jahrzehnte – flächendeckende Erfassung von DDR-Kunst und -Architektur in MV. Die Vorreiterrolle übernimmt Neubrandenburg. Wie bereits in den vergangenen zwei Jahren.
Immer mehr Kunstwerke verschwinden
Seit 2022 hatten sich die Beteiligten im Rahmen des Projekts Drinnen und draußen – Kunst im Norden der DDR mit DDR-Kunst im öffentlichen Raum, besonders in Neubrandenburg, beschäftigt. Dazu fand neben Ausstellungen mit DDR-Kunstwerken aus den Kunstsammlungen Neubrandenburg und dem Kunstarchiv Beeskow (Brandenburg) sowie Führungen durch die Vier-Tore-Stadt auch eine Fachkonferenz statt. Entstanden ist ein knapp 250-seitiger Tagungsband, ein erster Wegweiser zum weiteren Umgang mit DDR-Kunst in MV. Landeskonservatorin Dornbusch kommt darin zu einem unmissverständlichen Schluss: Eine Erfassung und Dokumentation des vorhandenen Bestandes an Kunstwerken „ist aufgrund der mindestens 30-jährigen Standzeit der Objekte unerlässlich“. Schon allein, um sie instandsetzen zu können.2 Es verschwanden und verschwinden beispielsweise auch immer mehr „Wandbilder an Schulen oder Ornamentflächen an Wohnhäusern durch neue Wärmedämmungen“. Und da ist noch nicht von den Werten gesprochen, die öffentlich noch gar nicht bekannt sind.3 Daher sei eine Erfassung „nicht mehr aufschiebbar“.4 Nur so ließen sich drohende Verluste verhindern.

Für Neubrandenburg hat das jetzt begonnen. Unter dem Titel Ostmoderne in Neubrandenburg sollen in den nächsten zwei Jahren „Zeugnisse der Architektur, des Städtebaus und der Kunst im öffentlichen Raum von 1945 bis 1990“ erfasst werden. Dabei muss, so erklärt es Dornbusch, die Stadt mehrfach abgegangen, Archivmaterial gesichtet und eine Bewertung vorgenommen werden. Daraus soll sich eine Auswahl von Objekten für einen Inventarband ergeben. Die, die besonders beispielhaft für ihre Zeit stehen, könnten unter Schutz gestellt werden. Die Denkmalschützerin ist zuversichtlich, dass der Zeitplan eingehalten werden kann.
Kunst als „wertvolle Zumutung“
Neben einer differenzierten Befassung mit den Objekten soll innerhalb der Gesellschaft auch eine kontroverse Debatte über sie geführt werden. Denn einerseits, wie Kulturministerin Martin es formuliert, prägten die wenigen Jahrzehnte der DDR die Menschen im Land, was eine größere Sichtbarkeit notwendig mache. Andererseits, betont Kirsten Cummerow von der Sparkassenstiftung Neubrandenburg/Demmin, verknüpfen die Menschen ganz unterschiedliche Erlebnisse und Empfindungen mit den Kunstwerken und Bauten dieser Zeit. Gutes, aber eben auch Schlechtes.
Gerade ideologisch geprägte Werke mit politischen Motiven – wie Kampf und Sieg der Arbeiterklasse – sind umstritten. Jörg Kirchner von der Landesdenkmalpflege hat dazu eine klare Meinung: Mit dem Schutz der Werke solle nicht „die einst beabsichtigte politische Agitation bis in die Gegenwart“ fortgesetzt, sondern vielmehr „ein Erinnerungszeichen für eine vergangene Epoche“ erhalten werden. Die Werke seien „wichtige Geschichtszeugnisse und Informationsträger“.5 Deshalb trifft die von Kirchner gewählte Umschreibung der Kunstwerke als „wertvolle Zumutung“6 wohl den Nagel auf den Kopf.
Die teils emotionale Aufgeladenheit des Themas macht einen sachlichen Diskurs schwer. Weite Teile der Gesellschaft gehören durch ihr Leben in der DDR selbst zu den Zeitzeug:innen. Daher fehle naturgemäß eine gewisse Objektivität, erklärt Patricia Werner, Geschäftsführerin der Ostdeutschen Sparkassenstiftung. Dabei sei die Debatte wichtig. Nicht nur, um Stolz auf das zuzulassen, was in der DDR geschaffen wurde, sondern auch und noch viel grundsätzlicher, um Wissen über die Werke und deren Bedeutung zu vermitteln und eine Aufarbeitung zu ermöglichen.
Daher war es das Ziel des Projektes Drinnen und draußen auch nicht nur, „in die Wissenschaft hineinzuwirken“, stellt Dornbusch klar. Man wolle die ganze Gesellschaft erreichen. Folglich gehören zu den greifbaren Ergebnissen ein Taschenführer für Neubrandenburg und ein virtueller Stadtrundgang.

Erfassung ist kein Selbstzweck
Die Verantwortlichen möchten Verständnis nicht nur in der Gesellschaft erzeugen, sondern auch in der Politik. Ohne den Rückhalt politischer Entscheidungsträger:innen funktioniere es nicht, so Landeskonservatorin Dornbusch. Und da ist noch Überzeugungsarbeit nötig. Das sagt zumindest Oberbürgermeister Witt mit Blick auf seine Amtskolleg:innen. Die Reaktionen seien bisher oftmals eher verhalten gewesen, schildert er seinen Eindruck.
Spricht man die Verantwortlichen in Städten wie Greifswald, Rostock oder Schwerin auf das Neubrandenburger Projekt an, so scheint dieser Eindruck durchaus begründet. Aus Greifswald heißt es, das Neubrandenburger Projekt sei in der eigenen Denkmalschutzbehörde nicht bekannt und „Wichtigkeit und (…) Sinn eines solchen Projektes“ könnten für die Stadt nicht eingeschätzt werden.7 Die Rostocker Denkmalpflege hält das Vorhaben für Neubrandenburg zwar für sinnvoll, man könne aber seine Zielsetzung „nicht ganz nachvollziehen“, so Amtsleiter Thomas Werner. Es stelle sich die Frage nach dem „Mehrwert eines Überblicks über Bauten, die zu DDR-Zeiten entstanden sind“. Die bloße Erfassung dürfe aus seiner Sicht „kein Selbstzweck sein“.8
Dennoch, darauf weist auch Ramona Dornbusch hin, sei man etwa in Rostock mit der Erfassung schon „gut dabei“. Beispiele für eine Unterschutzstellung von Bauten und Ensembles gibt es dort einige, wie eine Auflistung des Denkmalpflegeamtes zeigt. So gehören zum Beispiel das Terrassenhaus in der Bertolt-Brecht-Straße in Evershagen, der Grünraum Lichtenhäger Brink oder Teile des Lichtenhäger Sonnenblumenhauses zur geschützten DDR-Architektur an der Warnow.
Ziel: Wichtige Zeugnisse der DDR-Zeit erhalten
In der Landeshauptstadt sieht man sich ebenfalls auf einem guten Weg. Die Kunstobjekte im öffentlichen Raum, und damit auch die aus DDR-Zeiten, seien erfasst, sagt Jakob Schwichtenberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Schweriner Museen. Eine Veröffentlichung der Objekte auf der Homepage der Stadt ist geplant. Es gebe aber noch Lücken bei der Dokumentation der Entstehung von Kunstwerken im öffentlichen Raum. Daher hält Schwichtenberg „eine Sensibilisierung für (…) angebracht“.9
Für eine flächendeckende Erfassung in ganz MV muss die Landesdenkmalpflege also an weiteren Fronten als „nur“ der denkmalpflegerischen arbeiten, sagt Jörg Kirchner: „Es ist ein andauernder Prozess, darauf hinzuweisen und dafür einzutreten, wichtige Zeugnisse aus der DDR-Zeit zu erhalten.“ Grundlage dafür sei deren Erfassung und Bewertung. Zu diesem Zweck sei der Landesdenkmalschutz fortwährend dabei, „die Entscheidungsträger auf allen Ebenen vom hohen Wert der erhaltenen Kunst- und Bauzeugnisse zu informieren“. Dass es für das Vorhaben in Neubrandenburg so viel Unterstützung gibt, mache aber Mut für den weiteren Weg, findet Kirchner.
Ohne die Menschen vor Ort geht es nicht
Wie es also in zwei Jahren, nach Neubrandenburg, weitergeht, ist derzeit noch offen. Im Landesdenkmalschutz hält man ein schrittweises Vorgehen für sinnvoll. Dabei könne sowohl räumlich, von Städten zu Landkreisen zu Gemeinden, gedacht werden, als auch zusätzlich nach Gattungen der Kunst und Architektur vorgegangen werden, überlegt Kirchner. Die Denkmalpflege geht davon aus, dass sich mehr Objekte in Städten als im ländlichen Raum befinden.10
Doch ob Stadt oder Land, wenn man nicht weiß, wo man suchen muss, findet man auch nichts. Und wenn man nicht weiß, was man sieht, wenn man es sieht, dann ist auch das ein Problem, ergänzt Patricia Werner. Sprich: Für das Finden und Erfassen von DDR-Kunst und -Architektur, die sich bei Weitem nicht nur auf Außenräume beschränken, sind Ortskenntnisse und Erfahrung nötig. Diese, das unterstreicht auch Ramona Dornbusch, können nur aus der Bevölkerung, von den Menschen vor Ort kommen. Dieser Ansatz der sogenannten Oral History ist zwar für Neubrandenburg nicht geplant, doch für die „Generationenaufgabe“ wird es perspektivisch nicht ohne gehen.
Weiterlesen:
Dieser Artikel wurde für die Online-Veröffentlichung am 25. Februar 2025 ergänzt und aktualisiert.
- Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg (Hg.): Schubert-Fresken im Rathaus kommen ans Tageslicht, auf: neubrandenburg.de (11.9.2019). ↩︎
- Landesamt für Kultur und Denkmalpflege MV (LAKD); Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg (Hg.): Drinnen und draußen – Kunst im Norden der DDR, S. 234 (2024). ↩︎
- E-Mail des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege MV vom 9.9.2024. ↩︎
- LAKD/Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg 2024, S. 234. ↩︎
- Ebd., S. 232. ↩︎
- Ebd., S. 234. ↩︎
- E-Mail der Pressestelle der Universitäts- und Hansestadt Greifswald vom 11.9.2024. ↩︎
- E-Mail des Amtes für Kultur, Denkmalpflege und Museen Rostock vom 10.9.2024. ↩︎
- E-Mail der Pressestelle der Landeshauptstadt Schwerin vom 11.9.2024. ↩︎
- LAKD/Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg 2024, S. 232. ↩︎