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Trotz Fachkräftemangels

Desolate Bedingungen in der Pflegeausbildung

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Mittlerweile habe ich mich in die Pflege verschossen“, schwärmt Emma von ihrer Ausbildung zur Pflegefachkraft. „Aber es wird einem schwer gemacht. Vom Arbeitgeber und vom Land.“ Emma absolviert die Ausbildung zusammen mit ihrer besten Freundin Billy an der Universitätsmedizin Rostock (UMR).

„Elf Wochen war ich in einem Pflegeheim eingesetzt. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt Emma. Neben der fehlenden Wertschätzung machte ihr der permanente und massive Personalmangel zu schaffen. „Wir waren immer 75 Prozent weniger Pflegekräfte, als es hätten sein müssen.“ Eigentlich müssten ständig fünf bis sechs Personen pro Wohnbereich im Dienst sein. An einigen Wochenenden waren sie zu viert im gesamten Heim: zwei Pflegefachkräfte, zwei Pflegehelfer:innen. „Und ich als eigentlich fünfte Person. Aber ich zähle nicht – ich wurde immer das ‚Sahnehäubchen‘ genannt.“ Sie sei nicht die Einzige gewesen, die sich bei dieser Arbeitsbelastung weinend auf der Toilette eingeschlossen habe.

So könne sie nichts lernen: Es sei nicht genug Zeit, einer ausgebildeten Schwester beispielsweise bei der Wundversorgung zuzuschauen. Stattdessen müssten Patient:innen im Akkord gewaschen und gebettet werden. Emma spricht von bis zu zwölf Personen, die die Azubis mitunter morgens alleine waschen müssen. „Man kommt sich vor wie eine Autowaschanlage. Aber das sind keine Autos, das sind Menschen.“ Doch weder in Kliniken noch in Pflegeheimen haben Auszubildende oder Pflegekräfte die Zeit, sich mit Patient:innen und Bewohner:-innen auch nur kurz zu unterhalten. „Das Einzige, was ich gelernt habe, ist Krisenmanagement“, fasst die künftige Krankenschwester ihren Einsatz in einem Rostocker Pflegeheim zusammen.

Seit dem Schuljahr 2020/2021 werden die Ausbildungen Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege zusammen gelehrt. Name: Pflegefachkraft. Grund ist der dramatische Fachkräftemangel, mit dem die Kliniken in MV und ganz Deutschland nicht erst seit der Coronapandemie kämpfen. Der neue Beruf soll die Arbeit in der Pflege attraktiver machen. Wer nicht Pflegefachkraft werden möchte, sondern Alten- oder Kinderkrankenpfleger:in, kann sich im dritten Ausbildungsjahr auf das jeweilige Fachgebiet spezialisieren. Doch die generalistische Ausbildung in den ersten beiden Jahren hat Auswirkungen auf den Fokus der Ausbildung.

Patient:innengefährdende Praktiken

„Den Personalmangel kann ich bestätigen“, sagt Billy. Sie war in einem ambulanten Pflegedienst eingesetzt, bei dem sie mitunter alleine mit einer Pflegehelferin arbeitete. Die Pflegehelferin habe Thrombosestrümpfe gewechselt, Hauswirtschaft gemacht, eingekauft. „Ich habe dann Wunden versorgt und Medikamente gestellt. Das ist eigentlich ein absolutes No-Go im ersten Lehrjahr.“ Infusionen und die Handhabung von Betäubungsmitteln seien auch im dritten Lehrjahr nicht erlaubt. „Auch Insulin darf man frühestens nach drei Vierteln des ersten Lehrjahres spritzen. Ich habe das in meinem ersten Einsatz dort schon gemacht.“ Doch sie habe das gerne gemacht, aufgrund des netten Teams. „Aber wäre den Patienten etwas passiert, wären die Verantwortlichen dafür im Knast gelandet“, ist sich Emma sicher.

Dennoch übertrumpfen sich die Berufsschüler:innen regelrecht mit den Tätigkeiten, die sie schon ausführen, ohne es eigentlich zu dürfen. „Wie damals die Pokemonkarten: ‚Ich habe schon eine Infusion gelegt‘ oder ‚Ich habe schon einen zentralen Venenkatheter gezogen‘. So etwas hat potenziell tödliche Folgen, auch bei etwas scheinbar Einfachem wie Insulin spritzen“, sagt Emma.

Außerdem ist es nach ihrer Erfahrung ein Mythos, in der Ausbildung nein sagen zu dürfen. „Mein Lieblingssatz einer Krankenschwester war: ‚Mach mal. Der schreit schon, wenn du ihm wehtust‘.“ Als sie sich weigerte, ging es bei ihrer ersten Ausbildungsklinik bergab. „Meine Weigerung wurde als Faulheit herumgetratscht.“

Sexuelle Belästigung

Seit fast zwei Jahren befinden sich die beiden 20-Jährigen nun schon in Ausbildung an der UMR. Doch sie kennen auch die Arbeitsbedingungen einer anderen Klinik in MV. „Da war es sogar noch schlimmer“, erzählt Emma.

So habe ihr einmal ein Patient während der Bettenversorgung immer wieder ins Gesicht onaniert. „Ich habe dann gesagt, dass ich nicht mehr in das Zimmer gehen möchte. Ich musste aber. Und er hat einfach immer weitergemacht.“ Ihr sei vorgeworfen worden, sich den falschen Job ausgesucht zu haben. „Da frage ich mich doch: Bin ich hier, um meinen Kolleginnen zu gefallen, oder möchte ich Menschen helfen?“

Daher wechselten beide zur UMR. Und mussten feststellen: Auch an dem größten staatlichen Maximalversorger des Landes läuft es nur unwesentlich besser.

Azubis springen wegen Personalmangels ein

Im Frühjahr dieses Jahres wurden aufgrund akuten Personalmangels an der Unimedizin Azubis aus dem zweiten und dritten Lehrjahr aus ihrem Schulturnus abgezogen, um in der Klinik auszuhelfen.
Das passiere sonst nie: „Die Schulzeit ist heilig. Wir brauchen die Stunden für die Prüfungszulassung“, sagt Emma. Nun sei daher im Gespräch, dass alle Azubis, die wegen des Personalmangels abgezogen wurden, ihre Ausbildung um ein halbes Jahr verlängern müssen. Die UMR teilte in dem Zusammenhang jedoch auf Nach-frage mit, dass niemand seine Ausbildung verlängern müsse.

„Ein großes Problem ist die Fehlzeitenregelung“, führt Emma weiter aus. Zehn Prozent der Praxis- und Schulzeit dürfen die Azubis maximal fehlen. Wird diese Zeit überschritten, werden sie nicht zur Prüfung zugelassen und müssen ein halbes Jahr länger in Ausbildung bleiben. Werden sie in diesem halben Jahr wieder krank, werden sie erneut nicht zur Prüfung zugelassen und müssen ein weiteres halbes Jahr an ihre Ausbildung dranhängen. Erkranken sie in dieser Zeit noch einmal, müssen sie die Ausbildung entweder von vorne beginnen oder sie ganz abbrechen, erzählt Emma.

Sie wisse, dass es ähnliche Fehlzeitenregelungen auch in anderen Ausbildungsberufen gebe. „Aber wenn Personal so dringend gebraucht wird, muss man diese starre Regelung ein bisschen aufweichen“, findet die 20-Jährige. Sie selbst wäre fast entlassen worden, nachdem sie mit einem fiebrigen Infekt fünf Tage krankgeschrieben war. Das waren zehn Prozent ihres zehnwöchigen praktischen Einsatzes.

Ohne Schutzausrüstung in die Zimmer

Im Februar infizierten sich beide mit Covid. Angesteckt hatte sich Emma bei einem Arbeitseinsatz in einem Pflegeheim, in welchem zuvor 80 Prozent der Bewohner:innen positiv getestet worden waren. Emma wurde ohne Hinweis darauf und ohne Kittel oder FFP2-Maske zur Pflege in die Zimmer geschickt. „Und jetzt muss ich Angst haben, dass ich nicht zur Prüfung zugelassen werde. Weil ich mich auf der Arbeit angesteckt habe.“

Emma findet diese Regelung ungerecht, vor allem chronisch Kranken oder Alleinerziehenden gegenüber. Eine ehemalige Mitauszubildende an einem Klinikum in MV sei alleinerziehende Mutter drei kleiner Kinder gewesen. Aufgrund zu vieler Kinderkrankentage wurde sie rausgeworfen. Trotz eines Einserschnitts. „Es nötigt mir einen riesigen Respekt ab, mit eigenen Kindern in die Pflege zu gehen“, sagt Emma. „Und so wird es einem gedankt.“

Allerdings kann beim Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) ein Härtefallantrag für die Dauer einer bestimmten Krankschreibung gestellt werden. Das Lagus entscheidet dann, ob die Fehlzeiten aus der Anzahl der Krankheitstage herausgerechnet werden können.

Von den Arbeitszeiten wollen die beiden Azubis gar nicht erst anfangen zu reden. Emma hat einmal 14 Tage durchgearbeitet, obwohl nur neun erlaubt seien. Kurze Wechsel seien auch keine Seltenheit, von der Spätschicht bis 22 Uhr auf die Frühschicht am Folgetag um 6 Uhr. Billy, ganz selbstlose Krankenschwester, sagt jedoch: „Ich verstehe, dass wir Personalmangel haben, und sowas kann deswegen im Notfall mal vorkommen. Aber bei vielen häuft es sich und ab einem gewissen Punkt ist das nicht mehr tragbar.“

Neues Universitäres Notfallzentrum in Rostock

Auch die neue Notaufnahme der UMR, die Anfang Juni eingeweiht wurde, kriegt ihr Fett weg: zu teuer, zu groß, mit zu wenigen Stellen besetzt und fehlkonstruiert sei das mit 185 Millionen Euro teuerste Bauvorhaben des Landes. Fazit der beiden Krankenschwestern in spe: vollkommen unnötig. „Was muss man sich dafür loben – als staatliches Krankenhaus, das aus Geldmangel Personal entlässt“, fragt sich Billy.

Die beiden angehenden Krankenschwestern haben zwei Möglichkeiten: durchhalten oder aufgeben. „Wir können nicht streiken“, sagt Billy über alle Beschäftigten in derb Pflege. „Denn dann bleiben keine Akten liegen, sondern Menschen.“ Und sie hätten diesen Beruf doch gewählt, um Menschen zu helfen. Emma bestätigt: „Das ist die fieseste Form des Ausgedribbeltwerdens.“

„Lasst uns pflegen, wie wir wollen“

Und so verstehen die beiden 20-Jährigen, wenn nicht nur Auszubildende, sondern auch langjährig tätige Krankenschwestern frustriert und kaputtgearbeitet seien. „So werden die liebsten Menschen biestig“, meint Emma. „Viele Klischees über Krankenschwestern gäbe es bestimmt gar nicht, wenn man sie pflegen lassen würde, wie sie es wollen.“ Daher ist sie auch dagegen, neue Azubis anzuwerben. „Wir haben genug. Man muss sie nur die Ausbildung zu Ende machen lassen und attraktiv genug gestalten, damit sie auch bleiben.“

Emma und Billy sind in einem großen Jahrgang – in neun Klassen lernen fast 200 Auszubildende an der Berufsschule „Alexander Schmorell“ in Rostock. Die schiere Anzahl mache es schwer, genug Betriebe zu finden, die den Praxisanteil der Ausbildung übernehmen. Denn die Einrichtungen müssen die Kooperationsverträge mit den Trägern der praktischen Ausbildung erfüllen und brauchen so beispielsweise eine ausgebildete Praxisanleitung.

Daher wird Emma im Winter 30 Kilometer von ihrem Wohnort eingesetzt. Sie hat weder Auto noch Führerschein und muss so mit öffentlichen Verkehrsmitteln anderthalb Stunden fahren. „Das bedeutet für mich, um 3 Uhr aufzustehen.“

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Fußnoten

  1. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
  2. Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport MV (Hg.): Generalistische Ausbildung zur Pflegefachfrau/zum Pflegefachmann, auf: regierung-mv.de.
  3. Statistisches Bundesamt (Hg.): Neuer Beruf: 53.610 Auszubildende zur Pflegefachfrau und zum Pflegefachmann am Jahresende 2020, auf: destatis.de (27.7.2021).
  4. „Einsätze zur Pandemiebewältigung dürfen zu keinen Fehlzeiten führen, die das Erreichen des Ausbildungsziels gefährden oder zu einer Ausbildungsverlängerung führen. Um dies sicherzustellen, soll der Theorie-/Praxisturnus so beibehalten werden, wie er ursprünglich geplant wurde. Abweichungen hiervon sind im Zeitraum vom 4. bis 30. April 2022 unter bestimmten Voraussetzungen möglich.“– Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport MV (Hg.): Generalistische Ausbildung zur Pflegefachfrau/zum Pflegefachmann, auf: regierung-mv.de.
  5. E-Mail von Susanne Schimke, Pressesprecherin UMR, vom 8.7.2022.
  6. Gesetz über die Pflegeberufe 1, § 13: Anrechnung von Fehlzeiten.
  7. Lagus (Hg.): Gesundheitsfachberufe, auf: lagus.mv-regierung.de.
  8. Finanzministerium MV (Hg.): „Universitäres Notfallzentrum“ der Universitätsmedizin Rostock feierlich eingeweiht, auf: regierung-mv.de (2.6.2022).
  9. Gesetz über die Pflegeberufe 1, § 6: Dauer und Struktur der Ausbildung, Abs. 3 und 4.

Autor:innen

Geboren in Rostock.
Aufgewachsen in Rostock.
Studierte in Rostock. Und Kiel.

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