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Nitratbelastung

Die Ostsee leidet unter der Landwirtschaft

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Nun ist doch das halbe Land rot gefleckt. Als am 7. Januar dieses Jahres bekannt wird, dass 46 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche zu hohe Nitratwerte aufweisen, ist das ein Schock für viele Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern. Will ein Betrieb eine nitratbelastete Fläche weiterhin bewirtschaften, muss er seinen Düngemitteleinsatz senken. Was bedeutet das für die Ernte? Und was für die Meere?

Die Meere? Das ist die Kehrseite der Medaille. Während Landwirt:innen durch neue Düngeregeln Ernteeinbußen fürchten, atmet das Meer auf. Jedes Bisschen Nitrat, das zu viel gedüngt wird und damit nicht von Pflanzen aufgenommen wird, gelangt über das Wasser vom Feld durch die Flüsse ins Meer. Darunter leidet besonders die Ostsee als stehendes Gewässer. Während in der Nordsee das Wasser alle drei bis vier Jahre ausgetauscht wird, verweilt es im Binnengewässer Ostsee 25 bis 35 Jahre – und damit auch das eingetragene Nitrat aus der Landwirtschaft.

Sauerstofffreie Zonen im Meer

Zwar braucht auch das Ökosystem Meer bestimmte Nährstoffe, um zu funktionieren. Wird ein Gewässer jedoch zu umfangreich mit Nährstoffen versorgt, nennt man das Eutrophierung. Und die hat fatale Folgen. Denn die aus der Landwirtschaft eingetragenen Nährstoffe reichern sich im Meer an und führen zu erhöhtem Wachstum von Algen, was langsam aber sicher das Wasser trübt.

Seegraswiesen und Tangwälder, die unter Wasser Licht zum Wachsen brauchen, haben keine Chance. Sie gehen ein oder entstehen gar nicht erst. Mit ihrem Rückgang verschwinden auch die Kinderstube und der Lebensraum für eine Vielzahl mariner Organismen, wie Hering, Seepferdchen und Seenadel (eine Art langes Seepferdchen mit Flossen). Seit über 70 Jahren beobachten Forscher:innen den Rückgang dieser grünen Unterwasserwälder und -wiesen in einer drastischen Geschwindigkeit. An der Küste der Ostsee sind heutzutage nur noch Reste dessen zu sehen, was einst ausgedehnte dunkelgrüne Flächen waren.

Dazu kommt ein weiterer Effekt: Sterben die Algen an der Wasseroberfläche und sinken ab, werden sie am Meeresgrund von Mikroorganismen abgebaut, die den Sauerstoff am Meeresboden verbrauchen. Mitten im Meer entstehen Zonen ohne Sauerstoff – der Tod für jede marine Flora und Fauna. Obwohl Eutrophierung und der Nährstoffeintrag aus der Landwirtschaft ein globales Problem sind, befinden sich die drei größten sauerstofflosen Totzonen mit insgesamt circa 84.000 km² in der Ostsee, daneben findet sich im Schwarzen Meer eine Zone von rund 40.000 und im Golf von Mexiko von etwa 22.000 Quadratkilometern. Neben der Fischerei ist Eutrophierung eine der größten Bedrohungen für die Meere – besonders für das vor unserer eigenen Haustür.

Wer auf die Ostsee aufpassen soll

Im Jahr 2009 einigte sich die Helcom, ein Zusammenschluss aller Staaten mit Zugang zur Ostsee, erstmals auf eine gemeinsame Aufnahme und Klassifizierung des Eutrophiezierungszustands der Ostsee. Dabei stellte sich heraus, dass von 172 untersuchten Küstengebieten lediglich elf einen guten ökologischen Zustand aufwiesen, 161 dagegen Merkmale eines überhöhten Nährstoffeintrags. Die Staaten nahmen Eutrophierung als eines der gravierendsten Probleme der Ostsee auf und vereinbarten einen Ostsee-Aktionsplan mit Schutzzielen und dreijährigen Treffen – in der Hoffnung, den Umweltzustand des Binnenmeeres bis 2030 zu verbessern. Fest stand schon damals: Für dieses Ziel müsste weniger Nitrat aus den Flüssen kommen.

Deutschland verstößt gegen die europäische Nitratrichtlinie

Es wurden Messstellen entlang der Küste eingerichtet. Es wurden Orientierungs- und Schwellenwerte notiert. Es wurden vier Jahre als Zeitraum zur Auswertung festgelegt. Aber Messungen allein bekämpfen die Ursache nicht, sie zeigen nur, dass sich kaum etwas verbessert hat. Im deutschen Nitratbericht 2020, der den Zeitraum 2015 bis 2018 betrachtet, verfehlten elf von 16 Messstellen an der Ostseeküste einen „guten“ ökologischen Zustand – lediglich die Kieler und Mecklenburger Bucht erreichten die Zielwerte. Wegen dieses Überschreitens jeglicher Nitratgrenzwerte und auch wegen des Unterlassens jeglichen Versuchs, sie einzuhalten, wurde Deutschland 2018 vom Europäischen Gerichtshof verurteilt. Eine Ohrfeige, dennoch eine, die anscheinend nicht gesessen hat.

Die Bundesregierung reagierte am 1. Mai 2020 mit dem Entwurf einer Düngeverordnung, in der Ackerflächen festgehalten wurden, die eine zu hohe Nitratkonzentration aufweisen und deshalb in Zukunft weniger gedüngt werden sollen. Zuständig für die Ausweisung dieser Gebiete: die Bundesländer.

Gerät das große Ganze aus dem Blick?

Mecklenburg-Vorpommern registrierte im Dezember 2020 13 Prozent der Ackerfläche als „rotes Gebiet“ mit zu hohen Nitratwerten. Die Landwirte hofften, mit einer Klage diese Einstufungen reduzieren zu können. Tatsächlich kippte das Oberverwaltungsgericht Greifswald die bisherige Verordnung im Herbst 2021 und veröffentlichte zur Überraschung aller im Januar 2022 eine überarbeitete Fassung. Die Messstellen waren in der Tat nicht korrekt gewesen: 46 Prozent der Agrarfläche wären als rotes Gebiet einzustufen – die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Bundeslandes.

Und die Frage ist, ob das reicht. Denn mit der neuen Düngeverordnung muss nicht nur das Oberverwaltungsgericht zufrieden gestimmt werden, auch die Klage vor dem Europäischen Gerichtshof steht noch im Raum. Bis Ende Februar 2022 hat Deutschland Zeit, den Forderungen der EU nachzukommen, sonst ist die Bundesrepublik zu Strafgeldzahlungen in Höhe von etwa 861.000 Euro pro Tag verpflichtet für die Nichtumsetzung der EU-Nitratrichtlinie.

Sicher ist damit, dass die Diskussion um die „roten Gebiete“ und die damit einhergehenden Einschränkungen der Düngung noch nicht abgeschlossen ist. Dabei scheint bei der Debatte um Messstellen, Flächenanteile und Verantwortungen das große Ganze aus den Augen verloren worden zu sein. Dass es dabei um die Ostsee geht. Ein Meer, das gerade massiv aus dem Gleichgewicht gerät. Durch das Tun des Menschen.

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Fußnoten

  1. Laufmann, Peter: Düngeverordnung-Schock in MV: Rote Gebiete sollen verdreifacht werden, auf: agrarheute.com (12.1.2022).
  2. Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt (Hg.): Erläuterungen zur Düngelandesverordnung ab Januar 2021, auf: regierung-mv.de.
  3. Landesamt für Umweltschutz, Naturschutz und Geologie (Hg.): Eutrophierung, auf: lung.mv-regierung.de (Oktober 2020).
  4. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (Hg.): Zustand der deutschen Ostseegewässer 2018, S.33, auf: meeresschutz.info (13.12.2018).
  5. Das Wort „eutroph“ stammt aus dem Griechischen (gr. eu = reichlich, trophe = Nahrung) und ist prinzipiell erst einmal nichts Schlechtes. Es bedeutet zunächst, dass etwas „gut mit Nahrung versorgt“ ist.
  6. BUND (Hg.): Überdüngung der Meere, auf: bund.net.
  7. Umweltbundesamt (Hg.): Eutrophierung, auf: umweltbundesamt.de (23.11.2021).
  8. Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (Hg.): Eutrophierung, auf: ostsee-der-zukunft.experience-science.de.
  9. HELCOM (Hg.): Baltic Sea Action Plan, auf: helcom.fi (20.10.2021).
  10. BMEL und BMU (Hg.): Nitratbericht 2020, S.7f, auf: bmuv.de (Mai 2020).
  11. Bundesregierung (Hg.): Nährstoffeffizienz und saubere Gewässer, auf: bundesregierung.de (30.4.2020).
  12. Michel-Berger, Simon: Klage gegen Düngeverordnung: Warum die Bauern nicht schuld sind, auf: agrarheute.com (16.11.2021).
  13. Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt: Backhaus: „Nitratbelastung der Gewässer ist reales Problem“, auf: regierung-mv.de (25.01.2022).

Autor:innen

Studiert Biochemie an der Universität Greifswald und ist bis März Praktikantin bei KATAPULT MV.

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