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3 Fragen 3 Antworten

Erste Absolvent:innen der Hebammenwissenschaften in Rostock schließen Studium ab

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Lesedauer: ca. 4 Minuten

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KATAPULT MV: Was erwartet Student:innen im dualen Studium der Hebammenwissenschaft?

Dorothea Tegethoff: Das Studium ist anspruchsvoll und verbindet in sieben Semestern Theoriephasen an der Universität und Praxisphasen in Kliniken und in der Freiberuflichkeit. Die Lehrinhalte berücksichtigen physische, aber auch psychische, soziale und kulturelle Phänomene rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis erwerben die Student:innen eine große Breite an Wissen und Fertigkeiten.

Zunächst werden normale Verläufe von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gelernt und wie sie unterstützt werden können. Dann geht es darum, Auffälligkeiten rechtzeitig zu erkennen, ärztliche Hilfe hinzuzuziehen und in Teamarbeit auch bei komplizierten Verläufen die Gesundheit zu fördern.
Auch die Bewältigung von Notfällen wird gelehrt. Dazu hat die Universitätsmedizin Rostock einen Übungskreißsaal eingerichtet, in dem mit Simulationspersonen und Modellen viele geburtshilfliche Situationen simuliert und geübt werden.
Das Studium schließt mit einer staatlichen Prüfung mit einem schriftlichen, einem mündlichen und einem praktischen Teil sowie mit der Bachelorarbeit ab. In der Bachelorarbeit können sich die Studierenden zu einem Thema ihrer Wahl wissenschaftlich vertiefen.

Wie steht es um die Wertschätzung des Berufs der Hebamme im heutigen Gesundheitssystem und wie hat sich das Berufsbild in den letzten Jahrzehnten verändert?

Für einen Berufsstand, in dem menschliche Zuwendung, Kommunikation und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Frauen und Familien zentral sind, ist die Ökonomisierung im Gesundheitssystem eine Herausforderung. Der Arbeitsalltag ist von den Bedingungen her anstrengend durch Schichtdienst und Bereitschaftsdienste in den Kliniken, lange Fahrtwege und viel Bürokratie in der Freiberuflichkeit. Da ist es gut, dass zum Alltag einer Hebamme die ganz großen Momente, die Geburten nun einmal sind, gehören.

Was die Wertschätzung angeht: Wenn eine Hebamme neuen Bekannten ihren Beruf nennt, dann zaubert das zunächst ein Lächeln auf die Gesichter. Als Nächstes wird dann bedauert, dass Hebammen so schwierige Arbeitsbedingungen und nicht so eine gute Bezahlung haben. In der Geschichte des Hebammenwesens hat es immer wieder Situationen gegeben, wo die Bedingungen widrig waren, der Beruf schwer und die Wertschätzung begrenzt.

In den zurückliegenden Jahrzehnten hat sich im Berufsbild einiges verändert. Vor den Sechzigerjahren war die Geburt zuhause unter der Leitung einer Hebamme das Normale. Die Hebamme war neben Lehrer und Pfarrer eine Respektsperson im Dorf oder im Stadtteil. Mit dem Übergang zur Klinikgeburt hat sich das Berufsbild in verschiedene Facetten differenziert. Sehr viele Hebammen arbeiten in den Kreißsälen der Kliniken und betreuen die Frauen und Familien bei der Geburt. Einige arbeiten auf den Mutter-Kind-Stationen.

Auch heute noch gibt es die Hausgeburtshebammen, die sich vom Anfang der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit um die Familie kümmern. Daneben gibt es Hebammen, die Schwangerenvorsorge, Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung, aber nicht mehr Geburtshilfe im engeren Sinn leisten.

Neu dazugekommen sind die Familienhebammen, die Familien mit besonderen Herausforderungen wie bei Krankheit des Kindes oder sozialen Problemen intensiv in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes betreuen.

Bis 2020 gab es darüber hinaus die Lehrerinnen für das Hebammenwesen an den Hebammenschulen. Dadurch, dass die Hebammenausbildung endlich auch in Deutschland ein Studium ist, gibt es nun Hebammen, die an Hochschulen und Universitäten lehren und forschen.

Ungeachtet der angesprochenen Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit der Hebammen: Wie kann ihr Arbeitsalltag verbessert werden und was braucht es dafür?

In den Kliniken würde es helfen, die Vergütung für Geburten aus dem DRG-System herauszunehmen. Geburten sind zu individuell, um als einheitliche „Fälle“ abgerechnet zu werden. Eine so kleine Berufsgruppe wie die Hebammen wird bei politischen Planungen und Maßnahmen manchmal übersehen, wie die Coronapandemie gezeigt hat – das müsste sich ändern.

Der Übergang der Ausbildung an die Hochschulen und Universitäten ist aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um Frauen, also sowohl den Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen als auch den Hebammen, mehr Wertschätzung und bessere Bedingungen zuzugestehen.

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Fußnoten

  1. DRG (Diagnosis-Related Groups): Diagnosebezogene Fallgruppen bezeichnen ein Klassifikationssystem für pauschalisierte Abrechnungsverfahren und werden zur Steuerung der Finanzierung des Gesundheitswesens verwendet.

Autor:innen

ist KATAPULT MVs Inselprofi und nicht nur deshalb gern am Wasser. Nutzt in seinen Texten generisches Femininum.

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