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Wahlprognosen

Fälscht die SPD MV den Diskurs mit einem Umfrageinstitut?

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Vorhersagen von Umfrageinstituten weisen alle eine leichte Verzerrung auf. Insa-Ergebnisse sind leicht pro AfD, Forsa leicht pro CDU und Allensbach leicht pro SPD.

Manche Umfrage-Chefs haben sogar eine gewisse private Nähe zu bestimmten Parteien durchblicken lassen. Das wirkt eigentlich nicht glaubwürdig genug, denn eine Wahlanalyse sollte immer mit größtmöglicher Neutralität erstellt werden. Dennoch vertrauen die Menschen darauf, dass die Analysen einigermaßen korrekt erstellt werden.

In MV ist die Lage problematischer. Hier gibt es nur eine einzige wahrnehmbare Umfrage auf der Ebene der Wahlkreise. Sie wird von Wahlkreisprognose.de (auch in anderen Bundesländern tätig) durchgeführt, das von den beiden SPD-Mitgliedern Valentin Blumert und Lukas Hornung betrieben wird.

Bis hierhin scheint der Fall unspektakulär. Der Unterschied zu allen anderen Instituten ist jedoch, dass wahlkreisprognose.de seine Ergebnisse selbst veröffentlicht und auch bewertet. Insa, Forsa und Co. veröffentlichen ihre Ergebnisse dagegen nicht selbst und interpretieren sie auch nicht selbst. Das machen ausschließlich ihre Auftraggeberinnen – die FAZ, die SZ, die Bild und viele andere. Vielleicht ist das der größte Schutz der großen Umfrageinstitute. Sie veröffentlichen nichts. Sie bewerten nichts.

„SPD mit deutlichen Zugewinnen.“ (Screenshot eines Facebook-Posts von Wahlkreisprognose.de)

Bei Wahlkreisprognose.de ist das anders. Die Ergebnisse werden von den Betreibern direkt in den Sozialen Medien gepostet – mit starken Wertungen wie:

– „Dahlemann neuer Beliebtheitskönig“
– „SPD erobert Platz 1 zurück“
– „SPD im Aufwind“
– „SPD mit deutlichen Zugewinnen“
– „Giffey mit Rekordgewinnen“

Das sind keine neutralen Begriffe. Das Institut krönt sprachlich sogar einen neuen König von der SPD. Es gibt natürlich auch positive Meldungen über andere Parteien, aber, und das ist das Entscheidende, sie sind deutlich seltener und auch deutlich nüchterner. Bei der CDU wird beispielsweise weder ein König ermittelt, noch gibt es viele verstärkende Adjektive für die positiven Meldungen.

„Union bricht [...] ein“ (Screenshot eines Facebook-Posts von Wahlkreisprognose.de)

Es bleibt immer eher unspektakulär, wenn die CDU vorne liegt. Dafür gibt es vermehrt wertende negative Begriffe für Nicht-SPD-Parteien:

– „CDU und Grüne verlieren stark“
– „CDU mit herben Verlusten“
– „CDU und CSU brechen ein“
– „CDU stark rückläufig“
– „CDU verliert abermals“

Noch mal: Auch die CDU bekommt in seltenen Fällen eine positive Zuschreibung und auch die SPD eine negative. Es ist nicht einfach so, dass alles schwarz-weiß veröffentlicht wird, aber die Häufigkeiten sind durchaus verzerrt.

Wir haben ausgezählt, dass die SPD auf den Bildbeschriftungen von Wahlkreisprognose.de vom 1. Januar bis 12. September 2021 genau 38-mal positiv und dreimal negativ dargestellt wurde. Bei der CDU sind es elf positive und 17 negative Beschreibungen.

Die Verzerrung ist also durchaus messbar. Als positiv haben wir gewertet, wenn eine Partei in irgendeiner Weise eine Erfolgsmeldung (Gewinn, erobert, Zugewinn, erstmals vorn, stabilisieren usw.) zugeschrieben bekommen hat. Als negativ solche, die einen negativen Trend (Absturz, Verlust, Einbruch) anzeigen.

Eine mehrfach genutzte Erfolgsmeldung auf Wahlkreispgrognose.de sind die „Rekordgewinne“ von Giffey (Screenshot eines Facebook-Posts von Wahlkreisprognose.de)

Die Zahlen sind aber nicht so plump, wie sie auf den ersten Blick wirken. Jede Karte wirkt für sich allein genommen einigermaßen plausibel. Die Verzerrung kommt eher dadurch zustande, dass das Institut über die Erfolge der SPD häufiger berichtet. Franziska Giffeys Berlin-Umfrageergebnisse werden beispielsweise immer wieder dafür genutzt, positive Meldungen zu veröffentlichen. Mit Patrick Dahlemann wurde das auf die gleiche Weise („König“) versucht. Auf CDU-Seite fehlt dieser Akt der personalisierten Erhöhung in einzelnen Wahlkreisen.

Es gibt noch einen weiteren Indikator, der anzeigt, dass Wahlkreisprognose.de zugunsten der SPD kommuniziert. Der Indikator ist die SPD selbst. Denn die Facebook- und Instaposts von Wahlkreisprognose.de werden zu einem sehr hohen Anteil von SPD-Mitgliedern und auch Politiker:innen geteilt. Darunter auch die Kandidat:innen Erik von Malottki und Anna Kassautzki. Wir haben beide gefragt, wie sie die Sache bewerten:

Alles rot. (Screenshot von Facebook, Wahlkreisprognose.de)

Erik von Malottki wusste von der SPD-Nähe der Anbieter und wünscht sich, dass „die Anbieter größtmögliche Transparenz walten lassen, sodass zum Beispiel die Datenerhebung und die Modellierung zumindest in Ansätzen nachvollziehbar sind. Es wäre gut, wenn dies durch alle Anbieter geschehen würde, denn Transparenz hilft immer auch, Missbrauch abzubauen.“

Anna Kassautzki verweist auf die positive Stimmung im Land, die mit der Umfrage übereinstimme und darauf, dass sie sich persönlich „mit dem Aufbau und der Geschäftsführung der Umfrageinstitute nicht näher beschäftigt“ habe. Die SPD MV weiß von allem, gibt sich aber in allen Punkten wortkarg.

Die CDU MV bewertet den Fall etwas kritischer, aber auch nicht so kritisch, wie man es vermuten würde: „Es wundert uns nicht. Wir nehmen allgemein eine Tendenz wahr, dass mithilfe der Demoskopie das Wahlverhalten beeinflusst werden soll – mal auf mehr, mal auf weniger subtile Art und Weise. [...] Nur weil jemand SPD-Mitglied ist, muss er ja nicht zwingend unseriös beziehungsweise tendenziös arbeiten.“

Das ist korrekt. Das Parteibuch muss nichts bedeuten. Die Umsetzung jedoch ist durchaus problematisch. Deutsche Wahlumfrageinstitute pflegen eine ganz eigene Gewaltenteilung. Die erste Gewalt ist die Datenerhebung. Die machen Insa, Forsa, Allensbach und Co. Die zweite Gewalt ist die Deutungshoheit. Diese Gewalt wird von den Medien übernommen. Beide Gewalten sind streng getrennt. Forsa veröffentlicht nichts, das Unternehmen ist nicht mal bei Facebook. Und die Bild macht zumindest keine ernstzunehmenden Umfragen, die sie als neutral (repräsentativ) verkauft.

Das ist die Schwäche von Wahlkreisprognose.de. Diese Gewaltenteilung zwischen Datenerhebung und Deutungshoheit existiert nicht und deshalb wirken die Auswahl und auch das Narrativ der Meldungen verzerrt. Sie wirken pro SPD.

Wie sieht es mit der Wissenschaftlichkeit von Wahlkreisprognose.de aus?
Nicht gut. Eine Umfrage funktioniert immer dann, wenn die Forschenden eine gewisse Repräsentativität erzielen. Die Personen, die gefragt werden, sollen also die gesamte Bevölkerung so genau wie möglich abbilden. Die großen Umfrageinstitute lösen das ganz einfach über die Masse. Sie fragen so viele zufällige Menschen, meistens per Telefon, dass sich die Umfrage irgendwann der Realität annähert. Üblicherweise werden 1.000 bis 2.500 Personen befragt.

Wahlkreisprognose.de macht das nicht. Das wäre für jeden einzelnen Wahlkreis auch viel zu aufwendig. Was machen sie stattdessen? Sie nutzen zum Teil „Online-Panel und Telefon-Befragungen”, aber eben auch einen eigenen Algorithmus, bei dem unterschiedlichste Kenndaten bewertet werden. Alter, Geschlecht, Beschäftigungsstatus, alte Wahlen, Zuzüge, Fortzüge und anscheinend noch viele mehr.

Das große Problem?
Niemand kennt den Algorithmus. Wahlkreisprognose.de gibt die Indikatoren zwar an, aber aus ihnen geht nicht hervor, was wie genau miteinander verrechnet wird. Es ist also keine Wissenschaftlichkeit gegeben, allein deshalb, weil der Rechenweg nicht nachvollziehbar ist. Weil ein Großteil dieser Berechnung zudem auf eine menschliche Bewertung aufbaut, ist das Konzept nicht nur unwissenschaftlich, die Ergebnisse sind auch fragwürdig. Repräsentation ist so schwer zu erreichen.

Vielleicht sind die beiden Betreiber sogar mit einem ganz ehrbaren Anspruch an den Start gegangen und haben versucht, eine neue Umfragemethode zu etablieren. Das kann gut sein und das muss auch nicht zwingend scheitern. So wie es jetzt aber aussieht, ist Wahlkreisprognose.de nicht in dem Maße transparent und wissenschaftlich, wie es sich beispielsweise auch Erik von Malottki von der SPD wünscht.

Die CDU hatte auf Bundesebene bis Mitte des Jahres hohe Umfragewerte bei allen Umfrageinstituten. Die positiven SPD-Werte sind im August entstanden. Das verzerrte positive Bild von wahlkreisprognose kann also nicht zustandegekommen sein, weil die SPD das ganze Jahr über auch tatsächlich immer vorne war. Das lässt den Schluss zu, dass Wahlkreisprognose.de in MV und auch bundesweit zu einem sehr großen Teil von der SPD als Wahlkampfinstrument genutzt wird.

Quellen:
1. Schriftliches Interview mit wahlkreisprognose.de
2. Schriftliches Interview mit Anna Kassautzki
3. Schriftliches Interview mit Erik von Malottki
4. Schriftliches Interview mit SPD MV
5. Schriftliches Interview mit CDU MV
6. Facebookposts von wahlkreisprognose.de
Ein Post kann in bis zu zwei Kategorien auftauchen.

Pro SPD (38):
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EDIT 24.09.2021:
Wir haben in der Überschrift das Wort "eigenem" zu "einem" geändert. Die Firma gehört nicht der SPD, sondern lediglich zwei SPD-Mitliedern, die aktiv für die SPD Politik machen.

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Autor:innen

Ist einsprachig in Wusterhusen bei Lubmin in der Nähe von Spandowerhagen aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft und gründete 2021 KATAPULT MV.

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Die Redaktion (Roman)

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