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Politische Bildung im Strafvollzug

Gefangene gegen Diskriminierung und Antisemitismus

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Das Anne-Frank-Zentrum Berlin zeigt die Lebensgeschichte des von den Nazis ermordeten jüdischen Mädchens Anne Frank in einer Wanderausstellung bundesweit in deutschen Justizvollzugsanstalten – auch in MV. Nachdem die Ausstellung bereits in den Haftanstalten Bützow, Waldeck und Neustrelitz gezeigt wurde, fand sie nun ihren Abschluss in der JVA Stralsund. Das Anne-Frank-Zitat „Lasst mich ich selbst sein“ stand dabei im Fokus.

Das Besondere an dem Projekt: Interessierte Gefangene werden in zweitägigen Trainingsseminaren vom Anne-Frank-Zentrum geschult, um selbständig Gruppen durch die Ausstellung begleiten zu können. Das Projekt soll die Gefangenen motivieren, sich mit Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung in den Justizvollzugsanstalten auseinanderzusetzen und die sozialen Kompetenzen der Gefangenen stärken. „Mit Erfolg“, findet der Stralsunder Anstaltsleiter Karel Gottschall: „Das Projekt hat unsere Erwartungen noch übertroffen. Unsere Peer Guides machen das richtig gut.“

Parallelen hinter Gittern

Sechs Inhaftierte aus der JVA Stralsund ließen sich im Mai zum „Peer Guide“ ausbilden und führten ihre Mitinsassen durch das Leben der Anne Frank, über Juden als Sündenböcke, Nazischulen, Reichsprogromnacht, Kriegsbeginn und Flucht bis hin zum Versteck der Familie Frank, in dem diese fast zwei Jahre hauste, bevor sie deportiert wurde. Zentrales Thema der Ausstellung war auch die Bedeutung der Geschichte der Franks für die Gegenwart und eine lebendige Erinnerungskultur.

Zum Abschluss der Wanderausstellung stellten die Mitarbeiter:innen der JVA Stralsund und die inhaftierten Peer Guides „erstaunlich viele Parallelen zur heutigen Zeit“ fest. „Vieles davon erkennt man heutzutage auch noch“, sagte einer der inhaftierten Ausstellungsbegleiter und fügte hinzu: „Nur wie es ist, auf der Anklagebank zu sitzen, kennen wir vielleicht besser als Sie.“

Einer der inhaftierten Ausstellungsbegleiter führt die Mitarbeitenden der JVA Stralsund durch die Anne-Frank-Ausstellung in der Sporthalle der Haftanstalt. Er ist einer von sechs Freiwilligen in Stralsund, die sich in dem bundesweiten Projekt gegen Antisemitismus während ihres Freiheitsentzugs engagieren. Foto: Anna Hansen
Einer der inhaftierten Ausstellungsbegleiter führt die Mitarbeitenden der JVA Stralsund durch die Anne-Frank-Ausstellung in der Sporthalle der Haftanstalt. Er ist einer von sechs Freiwilligen in Stralsund, die sich in dem bundesweiten Projekt gegen Antisemitismus während ihres Freiheitsentzugs engagieren. Foto: Anna Hansen

Gegen Antisemitismus in allen Lebensbereichen

Seit September vergangenen Jahres wurden in den vier Justizvollzugsanstalten Bützow, Waldeck, Neustrelitz und Stralsund 21 Gefangene geschult, die bis heute 650 Besucher:innen durch die Anne-Frank-Ausstellung führten. Unter den Ausstellungsbesucher:innen waren hauptsächlich Mitgefangene, aber auch Vollzugsmitarbeiter:innen und externe Gruppen vom Landesamt für ambulante Straffälligenarbeit und von der Marinetechnikschule Parow. An den JVA-Projekten nehmen Jugendliche und Erwachsene, überwiegend Männer, aber auch Frauen aus dem Jugend- oder Erwachsenenvollzug teil.

„Ich bin davon überzeugt, dass viele der Insassen durch diese Ausstellung zum Nachdenken angeregt wurden. Vor allem die 21 Guides, die sich intensiv mit dem Leben der Anne Frank auseinandergesetzt haben, werden nachhaltig von der Ausstellung gelernt haben“, sagte Justizministerin Jacqueline Bernhardt (Die Linke) zum Finale der Ausstellungsreihe. Die Direktorin des Anne-Frank-Zentrums, Veronika Nahm, betont die Bedeutung der politischen Bildungsarbeit in Justizvollzugsanstalten: „Antisemitismus begegnet uns in allen Lebensbereichen. Um wirksam dagegen vorzugehen, müssen wir auch in alle Bereiche hineinwirken. Wir treffen in Gefängnissen auf Menschen, die wir durch klassische Bildungsangebote nicht erreichen.“

„Lasst mich ich selbst sein, dann bin ich zufrieden“

Im zweiten Teil der Ausstellung ging es um Selbstreflektion, Schubladendenken und Diskriminierung. Anstaltsleitung, Mitarbeitende und die Insassen diskutierten rege darüber, wo Diskriminierung anfängt und wo sie aufhört. Foto: Anna Hansen
Nach einer geschichtlichen Einführung, ging es im zweiten Teil der Ausstellung um Selbstreflektion, Schubladendenken und Diskriminierung. Anstaltsleitung, Mitarbeitende und Inhaftierte diskutierten rege miteinander, wo Ausgrenzung anfängt und wo sie aufhört. Foto: Anna Hansen

„Menschen werden noch immer in Schubladen gesteckt – so wie wir, wenn wir nach der Haft ehrlich mit unserer Vergangenheit umgehen und beispielsweise auf Jobsuche sind,“ sagt ein Inhaftierter. Mit dem Thema Diskriminierung können sich viele Gefangene selbst identifizieren und ihre Erfahrungen in die Ausstellung einbringen. Im zweiten, interaktiven Teil der Ausstellung diskutierten die Insassen mit Anstaltsleitung und Vollzugsmitarbeiter:innen über Identität, Gruppenzugehörigkeiten und Ausgrenzung mithilfe von Fragen wie: „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“, „Wer sind wir?“, „Wen schließen wir aus?“, aber auch: „Was kann ich bewegen?“ und „Wo fängt Diskriminierung an, wo hört sie auf?“. Die Ausstellung geht auch der Frage nach, was man selbst bewirken kann, und stellt Initiativen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus vor.

„Das Anne-Frank-Zitat ‚Lasst mich ich selbst sein‘ hat in den JVAs eine ganz andere Bedeutung, weil man sich verstellen muss, draußen wie drinnen,“ so einer der Gefangenen. „Man kann auch Menschen ausgrenzen, ohne dass man einen Zaun baut“, bemerkt Anstaltsleiter Gottschall zum Ende der Führung und lädt alle dazu ein, „hier in der JVA Stralsund Sie selbst zu sein und sich nicht zu verstellen“.

„Wir sollten alle mehr wir selbst sein dürfen“, schließt der inhaftierte Guide seine vorerst letzte Führung in Stralsund. Sein Fazit: „Eine Ausstellung wie diese kann bewirken, dass man ganz anders über Diskriminierung denkt.“ 

Die JVA Stralsund will auch in Zukunft weitere Bildungsprojekte für die Gefangenen anbieten. Ein nächstes Highlight in der JVA am Sund dürfte auch das Benefizkonzert der „Larrikins“ für Gefangene im Oktober werden.

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Fußnoten

  1. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte und aus Gründen der Fürsorge werden keine Namen von Inhaftierten genannt.

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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