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Tourismusregion für alle

Gemeinde Göhren erarbeitet Lebensraumkonzept

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Die Ostseebäder auf Rügen gehören zum touristischen Tafelsilber Mecklenburg-Vorpommerns. Feine Sandstrände, angenehmes Seeklima, viele Sonnenstunden im Jahr. Besucherinnen und Gäste kommen gern. Investorinnen auch. Sie wittern lukrative Geschäfte, bauen Hotels, Pensionen, Parkhäuser.

Auch in Göhren ist all das geschehen. Nicht immer zum Wohl der gut 1.400 Einwohnerinnen der Gemeinde, die seit 2015 einem Haushaltssicherungskonzept unterliegt. Mit anderen Worten: Göhren ist pleite. Früher, und das ist schon lange her, war Göhren ein Fischer- und Lotsendorf. Seit 145 Jahren trägt die Gemeinde den Titel Ostseebad und schmückt sich mit den typischen weißen Hausfassaden der Bäderarchitektur.

Zur Gemeinde gehören das Nordperd, der östlichste Punkt der Insel Rügen, zwei Strände, eine Promenade mit Seebrücke und der vermutlich größte Findling Deutschlands. Seit 2007 ist Göhren außerdem staatlich anerkannter Kneipp-Kurort. „Die einzigartige Lage an Rügens Ostspitze, inmitten des Biosphärenreservats, bietet (…) einen erholsamen und gesunden Urlaub“, heißt es auf der Website der Gemeinde.

Wo der Schuh drückt, steht dort nicht. Es gab und gibt Konflikte mit Investorinnen, um bereits beendete und potenzielle Bauprojekte, wegen unklarer Veräußerungen von Gemeindeflächen. Unter der Oberfläche brodelt es in Göhren. Im Kern geht es um die Frage, wie viel Tourismus verträglich ist und welche Bedingungen es braucht, damit nicht nur Gäste, sondern auch Einheimische ganzjährig von Investitionen und Infrastruktur profitieren.

Cafés, Boutiquen und Restaurants säumen die schmalen Straßen des Dorfes. Im Sommer sind sie gut besucht, im Winter oft menschenleer. Göhren hat wie viele andere Orte an MVs Küste zwei Gesichter. Die Sommer sind hektisch mit verstopften Straßen und überlasteter Infrastruktur. 837.000 Übernachtungen verzeichnete die Kurverwaltung des Ortes im Jahr 2022. Vier von fünf Übernachtungen fanden zwischen Mai und Oktober statt. Die Winter sind dagegen lang und öde. Wer hier lebt, kennt Saisonarbeit und niedrige Löhne.

Lebenswertes Umfeld auch für Einheimische

In Regionen, die wie Göhren vom Tourismus abhängig sind, werden lokale Bedürfnisse oft als nachrangig betrachtet – so empfinden es die Einheimischen. Sie wünschen sich Gehör und Einfluss und können sich seit November 2022 in einem sogenannten Lebensraumkonzept engagieren. Die Idee verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz zur Entwicklung der Region, der über die touristische Perspektive hinausgeht. „Die Gleichung eines Lebensraumkonzeptes ist einfach: Ein attraktiver Lebensraum für Einheimische ist ein attraktiver Lebens- und Arbeitsraum für Mitarbeiter:innen und ein attraktiver Erlebnisraum für Gäste“, erklärt Gernot Memmer, Geschäftsführer der Agentur Kohl und Partner.

Kohl und Partner kommen aus der Tourismusberatung. Lebensraumkonzepte haben sie bereits mehrfach umgesetzt. Auch in Göhren betreut die österreichische Agentur den Prozess. „Für uns als Gemeinde war es wichtig, einen neutralen Begleiter an der Seite zu haben“, erklärt Bürgermeister Torsten Döring (SPD) die Entscheidung. Im November 2022 lud Kohl und Partner zu einer Auftaktveranstaltung ein, um die Bewohnerinnen der Gemeinde mit der Idee der Bürgerbeteiligung vertraut zu machen.

Erstes Konzept dieser Art in MV

Göhren ist die erste Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern, die ein Lebensraumkonzept umsetzt. „Es ist eine Investition in die Zukunft“, sagt Nadine Förster, die für die Fraktion Bürger für Göhren in der Gemeindevertretung sitzt. Zusammen mit Bürgermeister Döring hatte sie sich für das knapp 70.000 Euro umfassende Förderprojekt starkgemacht.

Das Lebensraumkonzept wird von der Idee getragen, das Dorf nicht allein von den Gemeindevertreterinnen gestalten zu lassen, sondern möglichst viele Bürgerinnen mitzunehmen. „Die Gemeinde soll nicht von Interessen Einzelner gelenkt werden, sondern im Interesse aller“, stellt Förster heraus. Es gehe darum, miteinander statt übereinander zu sprechen, denn nicht alle Entscheidungen, die der Gemeinderat in der Vergangenheit getroffen habe, seien für die Einwohnerinnen nachvollziehbar gewesen.

Das Lebensraumkonzept könnte ein politischer Handlungsrahmen werden, hofft Förster. Im Dialog der Bürgerinnen kristallisiere sich heraus, wer bereit sei, sich für den Ort einzusetzen. „Ein Lebensraumkonzept ist immer eine individuell herausgearbeitete Vision“, sagt Agenturchef Memmer. Es beginnt mit einer Bestandsaufnahme: Was schätzen die Menschen an ihrem Heimatort? Was bedauern sie? Was wollen sie verändern?

Bis zum Februar haben Kohl und Partner etwa 900 Rückmeldungen von 225 Bürgerinnen der Gemeinde ausgewertet. Was bleibt hängen? Das allgemeine Lebensgefühl und das Wohnumfeld zwischen Ostseestrand und Buchenwald werde hoch geschätzt. „Wer in Göhren lebt, ist tief in der Region verwurzelt“, stellt Memmer fest. Allerdings mangele es an Bildungs- und Mobilitätsangeboten. Auch die gesamtwirtschaftliche Stabilität der Gemeinde wird kritisch betrachtet. „Das liegt an der starken Abhängigkeit vom Tourismus“, erklärt Stephanie Zorn, die gemeinsam mit Memmer das Göhrener Lebensraumkonzept begleitet. Die Abhängigkeit von einem einzigen Wirtschaftszweig sei im Ostseebad besonders ausgeprägt.

Die Tourismuswirtschaft ist die größte Arbeitgeberin im Ort. Gleichzeitig sorgt sie für eine hohe Verkehrsbelastung im Sommer und steigende Immobilienpreise. Dazu kommen Flächenversiegelung und eine hohe Belastung der Natur.

Lokale Eigenverantwortung fördern

Neben Stärken und Schwächen werden im Lebensraumkonzept auch Chancen und Herausforderungen der Zukunft ermittelt. „Die Praxis zeigt, dass sich Lebensraumkonzepte leichter umsetzen lassen als andere Entwicklungsprogramme“, sagt Memmer. Das liege daran, dass den Menschen vor Ort Verantwortung übertragen werde. Sie sind nicht nur an der Entwicklung konkreter Projekte beteiligt, sondern setzen diese auch um.

In Göhren präsentierten Memmer und Zorn Ende Februar ein Zwischenfazit. Noch ist das Lebensraumkonzept ein theoretisches Konstrukt, das auf den Ort maßgeschneidert wurde. Bürgerinnen der Gemeinde haben Ideen gesammelt und Prototypen einer Vision des Dorfes im Jahr 2030 entworfen. Diese zeigen ein belebtes Gemeindezentrum, einen Wochenmarkt, auf dem regionale Produkte verkauft werden, und einen öffentlichen Nahverkehr, der den Bedürfnissen der Menschen entspricht. Außerdem bietet ein medizinisches Versorgungszentrum Facharztsprechstunden an. Doch nur wenn die Mitglieder der Gemeinde sich gemeinsam engagierten, seien die Projektideen umsetzbar, betonen die Bürgerinnen stets aufs Neue.

Dass diese Gemeinschaft in Göhren noch wachsen muss, wird während der Zwischenveranstaltung ebenfalls deutlich. Nicht alle Anwesenden sind begeistert. „Wir reden und reden und reden. Schon seit Jahren. Jetzt machen wir wieder ein neues Konzept“, klagt ein älterer Mann. In Göhren rieben sich zwei Lager, da passiere gar nichts gemeinsam, glaubt er.

Nachhaltige Entwicklung in allen Bereichen

Bürgermeister Döring dagegen ist von dem Ansatz überzeugt. „Bisher gab es immer nur Konzepte für einzelne Bereiche wie den Tourismus oder den Verkehr“, doch das Lebensraumkonzept bringe die gesamte Entwicklung in Göhren nachhaltig voran.

Auch Nadine Förster weiß um die Herausforderungen in ihrer Gemeinde. „Vorschläge, was man müsste und sollte, bekommt man stets reichlich. Aber wenn es ums Anpacken geht, dünnen sich die Reihen oft sehr schnell aus.“ Dennoch sei sie zuversichtlich, mit denjenigen, die sich gerade im Prozess des Lebensraumkonzeptes engagieren, viel Gutes und Wichtiges für die Zukunft des Ortes bewirken zu können.

Ende April folgte eine weitere Gesprächsrunde. Dabei wurden Handlungsfelder erarbeitet, in denen detaillierte und umsetzbare Schlüsselprojekte benannt wurden. Am 24. Mai wird es eine Abschlusspräsentation von Kohl und Partner geben. Bürgermeister Döring betont die anschließende Rolle der Kommunalvertreterinnen: „Mit dem Lebensraumkonzept haben wir einen Auftrag der Bürger, der uns bis in die nächste Amtsperiode begleiten wird.“

Und in einem Jahr? Nadine Förster ist sich sicher: „Dann haben wir erste Projekte aus dem Lebensraumkonzept umgesetzt, gemeinsam etwas bewegt und den Zusammenhalt im Ort gestärkt.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 18 von KATAPULT MV.

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Fußnoten

  1.  Autor verwendet generisches Femininum.
  2. Kurverwaltung Göhren (Hg.): Sehenswertes in Göhren, auf: goehren-ruegen.de.
  3. Auskunft Kurverwaltung Göhren auf Anfrage von Kohl und Partner.
  4. E-Mail von Gernot Memmer vom 20.12.2022.

Autor:innen

ist KATAPULT MVs Inselprofi und nicht nur deshalb gern am Wasser. Nutzt in seinen Texten generisches Femininum.

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