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Wohnungslosigkeit

„Housing First“ in Greifswald

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Die Bürgerschaftsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen möchte in Zusammenarbeit mit der Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Greifswald (WVG) Wohnungslosigkeit in der Stadt bekämpfen.

Dazu lud sie am Montag Corinna Müncho, Leiterin des Modellprojekts „Housing First Berlin“ zu einer digitalen Gesprächsrunde ein. Es vermittelt Obdachlosen eine Wohnung und bei Bedarf Betreuung. In der gestrigen Zoom-Veranstaltung berichtete Sozialarbeiterin Müncho von ihren Erfahrungen mit dem Projekt. Moderator Jörg König regte im Anschluss der Diskussion an, ob ein ähnliches Projekt nicht auch in der Stadt Greifswald umsetzbar und sinnvoll wäre.

Modellprojekt in Berlin

Das vom New Yorker Psychologen Sam Tsemberis inspirierte „Housing First“-Projekt wurde in Berlin von Oktober 2018 bis September 2021 getestet. Innerhalb dieses Zeitraums konnten 40 Obdachlose mit Wohnraum versorgt werden. Corinna Müncho, die Leiterin des Modellvorhabens, berichtet von über 600 Anfragen.

Für Obdachlose mit psychischen Erkrankungen oder Drogenabhängigkeit sei es sehr schwer, sich allein eine Wohnung zu organisieren, erklärt sie: „Für bestimmte Menschen in bestimmten Situationen ist es gar nicht machbar.“ Jedoch sei ein eigener Wohnraum die Grundvoraussetzung für ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben. So konzentriere sich „Housing First“ darauf, zunächst diesen zu vermitteln und anschließend Unterstützung in Form von Suchtberatung über Arbeitsmaßnahmen bis hin zu Zahnsanierungen anzubieten.

Bedarf in Greifswald

„Zwischen der Situation in Berlin und Greifswald liegen Welten“, ergreift am Montagabend Mignon Schwenke, Kreisvorsitzende der Linkspartei, als eine der ersten nach Münchos Vortrag das Wort. Schwenke spielt damit auf die Dimensionen an. Mit etwa 3,6 Millionen Einwohner:innen leben in Berlin 60-mal so viele Menschen wie in Greifswald. Entsprechend sei die Anzahl wohnungsloser Haushalte viel geringer. Laut Obdachlosenhaus Greifswald sind im Schnitt 13 bis 15 der 20 Betten belegt. Die Zahl der wohnungslosen Personen in Greifswald dürfte dennoch höher liegen, da Bedürftige teilweise vorübergehend bei Bekannten unterkommen, lieber draußen oder in Kleingartensiedlungen leben.

Linkenpolitikerin Schwenke fordert daher zunächst eine Bestandsaufnahme der Situation in Greifswald, um einschätzen zu können, wie hoch der momentane Bedarf ist. Moderator König greift ihren Gedanken auf: Es sei die Frage zu stellen, ob die Stadt mit einem solchen Projekt nicht „mit Kanonen auf Spatzen schießen würde“. Berlinerin Müncho erklärt, dass es nicht immer eines extra Projekts bedürfe, um dem Problem entgegenzutreten. Kommunen könnten die Situation auch mit einem stabilen Netzwerk von sozialen Trägern, die unfreiwillige Wohnungslose auffangen, lösen.

Gibt es in Greifswald vielleicht sogar bereits „Housing First“?

Jan Schneidewind, Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft Greifswald (WGG), meldet sich zu Wort: Aus ihren Erfahrungen sei es ein Thema, das sich vom Kleineren zum Größeren entwickelt. Aus ihren Erfahrungen?

Schneidewind erklärt, vieles werde in Greifswald bereits realisiert. In den letzten 18 Jahren habe die WGG 20 Wohnungen an bedürftige Personen vermietet, die ihr das Kreisdiakonische Werk vermittelt hatte. Dieses arbeite eng mit dem Obdachlosenhaus Greifswald zusammen.

Für Schniedewind ist fraglich, ob Greifswald ein „Housing First“-Projekt braucht, um der Bedürftigkeit zu begegnen. Er erklärt, die bestehenden Akteure, wie WGG, WVG und Kreisdiakonisches Werk, würden bereits ein enges Netzwerk spannen. „Es gibt Strukturen, und anscheinend auch sehr leistungsstarke.“

Trotzdem sei die Veranstaltung mit Müncho inspirierend, denn, so Schneidewind, „der Weg, den wir beschreiten, von anderen auch als einziger Weg gesehen wird: Wohnen und Betreuung zu verknüpfen.“ Er unterstreicht damit den Kerngedanken des von Müncho vorgestellten Berliner Projekts.

Ein bisschen frischer Wind

„Ich denke durchaus, dass wir in Greifswald Bedarf haben“, sagt Stefan Fassbinder (Grüne), Greifswalder Oberbürgermeister, während der Zoom-Veranstaltung. Enger dafür zusammenarbeiten möchte die Stadt mit der städtischen WVG.

Aus der Diskussion geht klar hervor, dass Umfang und Rahmen eines Projekts wie „Housing First“ für die Hansestadt abzuwägen sind. Nach dem impulsstiftenden Abend mit Müncho sollen diese auf einer Folgeveranstaltung im März im Rathaus besprochen werden. „Mal sehen, wie viel wir für uns gebrauchen können“, sagt Mignon Schwenke. Deutlich wird an diesem Abend trotzdem das Ziel der Teilnehmer:innen: In Greifswald muss es niemanden geben, der keine Wohnung hat.

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Fußnoten

  1. Gerull, Susanne (Hg.): Evaluation des Modellprojekts „Housing First Berlin“, Endbericht, auf: housingfirstberlin.de (Dezember 2021).
  2. Telefonat mit Ilona Martens am 15.2.2022.

Autor:innen

Studiert Biochemie an der Universität Greifswald und ist bis März Praktikantin bei KATAPULT MV.

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