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Hexenverfolgungen in MV

Im Zentrum der Hexenjagd

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Lesedauer: ca. 7 Minuten

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Was haben Amber Heard, Hillary Clinton, Angela Merkel und Sahra Wagenknecht gemeinsam? Richtig. Sie werden allesamt der Hexerei bezichtigt. Ein Wunder, dass noch niemand in der Internetwelt Ministerpräsidentin Manuela Schwesig metaphorisch auf einen Besen gesetzt hat. Weit hergeholt wäre es nicht: Vorwürfe der Hexerei und der Hexenjagd sind auch knapp 250 Jahre nachdem die letzte „Hexe“ in Meck-Vorp verbrannt wurde politisch wieder en vogue.

Hexenverfolgungen an der Ostsee

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war Mecklenburg nicht nur für seine Vielzahl an Hexen und Magiern berüchtigt, sondern auch für seine grausamen Schauprozesse. Mecklenburg zählte zu den Zentren der Hexenverfolgung. Ungefähr 4.000-mal wurde jemand mit dem Teufel in Verbindung gebracht und oft unter Folter zum Geständnis gezwungen. Von etwa 25.000 wegen Hexerei hingerichteten Menschen im Deutschen Reich stammten rund 2.000 aus dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern.

Die abenteuerlichen Prozessakten und Schicksale lassen sich noch heute online und in Archiven nachlesen. Sie zeigen fragwürdige Anschuldigungen wegen Verbindungen zu dunklen Kräften oder gar dem Teufel höchstselbst, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Seit dem ersten nachgewiesenen Prozess im Jahr 1336 und der letzten bekannten Anklage 1777 sind in Mecklenburg und Vorpommern etwa 3.700 Personen in mehr als 4.000 Prozessen beschuldigt worden. Zu der Zeit war die Gegend noch weitaus dünner besiedelt als heute: Für das 15. und 16. Jahrhundert wird die Zahl der Einwohner:innen auf etwa 200.000 geschätzt. Ende des 15. Jahrhunderts erreichte die Hexenjagd auch die großen Hansestädte Rostock und Wismar. Ihren Höhepunkt fanden die Verfolgungen in der Region zu Beginn des 17. Jahrhunderts, die Zahlen stiegen plötzlich dramatisch an. Das Pestjahr 1604 sticht bei den Verfolgungen in Mecklenburg mit 108 Fällen besonders heraus.

Die Gründe für die europaweite Eskalation der Gewalt gegen das vermeintlich Magische sind vielfältig und komplex. Wie die Hexenverfolgung aber vor allem zu einer Verfolgung der Frauen wurde, klärt heute die Wissenschaft und betont die Zusammenhänge zwischen Geschlechterunterdrückung, Machtstrukturen und sozialen Spannungen. Will man die Komplexität des Phänomens Hexenjagd verstehen, muss man sich gedanklich in die Zeit zurückversetzen: Im 16. und 17. Jahrhundert herrschte in Europa eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit. Der Dreißigjährige Krieg tat sein Übriges. Die Kleine Eiszeit sorgte für Wetterextreme und Missernten. Der Schwarze Tod – die Pest – ging um. Dazu führten religiöse Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche zu einem Klima, das Hexenverfolgungen begünstigte.

Opfer patriarchaler Justiz

Der Verdacht auf Verbindungen von Frauen mit dem Teufel und dunklen Kräften wurde durch die patriarchale Struktur der Kirche verstärkt. In Mecklenburg-Vorpommern wurden viele Frauen aufgrund fragwürdiger Anschuldigungen von Mitgliedern der Kirche verfolgt. Dazu gab der Vatikan 1614 die ersten Richtlinien heraus, darunter alle gültigen Rituale und Sakramente – auch den Exorzismus, die Austreibung des Teufels und seiner Dämonen. Bis 1968 waren sie offiziell Teil der liturgischen Bücher. Während der Corona-Pandemie hatten Exorzismen in Italien übrigens wieder Hochkonjunktur. Laut Vatikan hat sich seit der Jahrtausendwende die Zahl der Teufelsaustreibungen und Bitten um Befreiung von Dämonen verdreifacht.

Die mittelalterlichen Anschuldigungen von Hexenjägern basierten oft auf Gerüchten und persönlichen Animositäten. Die Verurteilungen und Hinrichtungen wurden von einer Justiz vollstreckt, die wenig Raum für die Verteidigung der Angeklagten ließ. Denn die Hexenprozesse waren oft inszenierte Schauprozesse, in denen Frauen keine faire Chance hatten. Die patriarchal geprägte Justiz des Mittelalters und der frühen Neuzeit spielte eine zentrale Rolle bei der systematischen Unterdrückung von Frauen. So wurde Catharina Wankelmod aus Schwerin 1604 als Hexe angeklagt und später auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr wurde der Tod von Herzog Johann VII. angelastet. Der Mecklenburger Herrscher wählte damals den Freitod – im Mittelalter eine Sünde. Durch den Hexenprozess konnte man dies verschleiern: Eine Schuldige war gefunden.

Verfolgung aus Rache, Missgunst und Gier

Die Hexenverfolgung stellte neben dem Kampf gegen vermeintliche Zauber:innen auch ein Mittel dar, um Frauen in ihrer Rolle zu kontrollieren. Alleinstehende Frauen, ältere Frauen oder solche, die als abweichend galten – also Frauen, die nicht den traditionellen Erwartungen entsprachen –, waren besonders gefährdet. In der Vorstellung von Frauen als Hexen äußerte sich die Angst vor weiblicher Macht und Autonomie. Der Vorwurf der Hexerei wurde oft gegen Frauen verwendet, die sich den traditionellen Geschlechterrollen widersetzten oder anderweitig unabhängig waren.

Die Hexenverfolgung war ebenso von sozialen und wirtschaftlichen Dynamiken geprägt. In einer Zeit, in der Unsicherheit und Angst vor sozialem Aufruhr herrschten, dienten Frauen oft als Sündenböcke. Neben sozialen und religiösen Gründen spielte auch wirtschaftliche Motivation eine Rolle. Der Besitz vermeintlicher Hexen wurde konfisziert, was dazu beitrug, dass vor allem alleinstehende Frauen ins Visier gerieten. Auch zwei von ihren Lehnsherren geschwängerte Dienstmädchen in Malchow wurden von diesen der Hexerei bezichtigt, um sie und ihre unehelichen Kinder durch ihre Hinrichtung loszuwerden.

Laut Claudia Opitz-Belakhal, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Basel, können „Hexenprozesse und die aus ihnen hervorgegangenen Hinrichtungen durchaus als ein Instrument zur Unterwerfung von Frauen als vermeintlich subversive Kräfte innerhalb der frühmodernen Gemeinwesen – und damit durchaus auch als Femizide – verstanden werden.“

Späte Rehabilitation der Unschuldigen

Als erste Stadt in Mecklenburg-Vorpommern hat Gadebusch im Landkreis Nordwestmecklenburg die dort als Hexen verurteilten und hingerichteten 37 Personen zumindest moralisch rehabilitiert. Die Stadtvertretung folgte 2015 dem von der Linksfraktion eingebrachten „wohl ungewöhnlichsten Antrag der Stadtgeschichte“. Damit sollte die Unschuld der Verfolgten anerkannt werden. Auch wenn die Stadt nicht die offizielle Rechtsnachfolgerin der damaligen Verantwortlichen ist, wolle man dennoch Respekt vor den unschuldigen Opfern zeigen. Die Linke wollte damit auch auf die aktuelle Hetze gegen Geflüchtete aufmerksam machen. Auch in Schwerin wurden die zu Unrecht verurteilten „Hexen“ rehabilitiert und ihre Unschuld anerkannt. Dort gibt es mittlerweile eine Gedenktafel, die an die 100 bekannten Opfer der Hexenjäger in Schwerin erinnert.

Mittlerweile schmücken ein paar makabre Sehenswürdigkeiten die Touristenführer. So kann man sich im Hexenkeller auf der Burg Penzlin (Mecklenburgische Seenplatte) anschauen, unter welchen Folterbedingungen die Beschuldigten ihren Bund mit dem Teufel im Gewölbe gestanden. Die Schreie hört man heute nicht mehr. Weitere Überbleibsel der grausamen Geschichte finden sich im Hexenpark in Salem bei Malchin oder in Straßennamen wie dem Hexenplatz in Stralsund.

Im Jahr 1777 wurde in Meck-Vorp die letzte Hexe angeklagt. Das Kapitel Hexenverfolgung mit Hexenverlies, Streckbank, Daumenschrauben und Scheiterhaufen hatte nach über 400 Jahren Terror im Norden sein Ende gefunden. Dachte man. Dann entdeckte die Autorin Sabine Tunn bei ihren Recherchen Zeugnisse eines Hexenprozesses aus dem letzten Jahrhundert: eine Anklage wegen Hexerei in Bastorf und Kröpelin von 1930, wo knapp 600 Jahre zuvor auch der erste Hexenprozess in Mecklenburg stattgefunden hatte. In diesem Fall verklagte der Ehemann der Beschuldigten den herbeigerufenen „Hexenmeister“ jedoch – und gewann. Tunn will die Schicksale weiter dem Vergessen entreißen und eröffnete dazu gerade ihre zweite Ausstellung. Im Heimatmuseum Rerik ist sie unter dem Titel „Verfolgt, verbrannt, vergessen – Geschichten aus Kägsdorf“ noch bis zum 31. Januar zu sehen.


Richtigstellung vom 31. Januar

In einer Vorversion dieses Artikels hatten wir geschrieben: „Vorwürfe der Hexerei und der Hexenjagd sind auch knapp 250 Jahre nachdem die letzte „Hexe“ in Meck-Vorp verbrannt wurde politisch wieder en vogue.

Die FDP-Lokalpolitikerin Karoline Preisler setzte sich in Barth sogar selbst den Hut auf - und musste am Ende vor Gericht wegen einer Verleumdungsklage der Freien Wähler eingestehen, dass sie von der Stadtverwaltung nicht als „die Hexe, die die Seuche nach Barth brachte“ bezeichnet wurde. Das war vorletztes Jahr. Vor ein paar Hundert Jahren hätte sie dafür auch auf dem Scheiterhaufen enden können.“ 

Diese Behauptungen in Bezug auf Frau Karoline Preisler sind unrichtig. Richtig ist: Tatsächlich hatte Frau Preisler von sich zu keinem Zeitpunkt behauptet, sie würde als Hexe verfolgt. Ebenso wenig hat Frau Preisler behauptet, die Stadtverwaltung habe sie als „Hexe, die die Seuche nach Barth brachte“ bezeichnet. Es gab auch keine Verleumdungsklage der Freien Wähler, entsprechend hat Frau Preisler mangels Gerichtsverfahren vor Gericht auch nichts eingestanden. Entsprechend hätte Frau Preisler auch nicht vor ein paar Hundert Jahren dafür auf dem Scheiterhaufen enden können.

Wir bedauern dieses Versehen. 

Die Redaktion

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Fußnoten

  1.  NDR (Hg.): Herzogtum Mecklenburg – eine Kernzone der Hexenverfolgung, auf: ndr.de (28.4.2015).
  2. Ebd.
  3.  Opitz-Belakhal, Claudia: Hexenverfolgung: Ein historischer Femizid?, auf: bpb.de (31.3.2023).
  4.  Evangelischer Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen: Exorzismus in der katholischen Kirche, auf: relinfo.ch.
  5.  Luzerner Zeitung (Hg.): Wegen Corona haben Exorzisten in Italien Hochkonjunktur – der Vatikan kommt kaum mit der Ausbildung nach, auf: luzernerzeitung.ch (9.12.2021).
  6.  Vatikan News (Hg.): Päpstliche Hochschule bietet wieder Exorzismus-Kurs an, auf: vaticannews.va (9.4.2018).
  7.  Schwerin News (Hg.): Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Schwerin, auf: schwerin.news (30.7.2023).
  8.  Opitz-Belakhal 2023.
  9.  Universitätsarchiv Rostock (Hg.): Transkripte der Protokollbücher und Spruchakten der Juristenfakultät Rostock 1630-1720, auf: opendata.uni-halle.de.
  10.  Opitz-Belakhal 2023.
  11.  Neues Deutschland (Hg.): Als Hass Scheiterhaufen lodern ließ, auf: nd-aktuell.de (16.12.2015).
  12.  Evangelische Kirche MV (Hg.): Gadebuscher Hexen werden rehabilitiert, auf: kirche-mv.de (16.12.2015).
  13.  Schwerin News (Hg.): Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Schwerin, auf: schwerin.news (30.7.2023).
  14.  Landesmuseum MV (Hg.): 1750-1800, Region Mecklenburg, auf: landesmuseum-mv.de.
  15.  Hügelland, Sabine: Verfolgt, verbrannt, vergessen: Was geschah mit Hexen in Mecklenburg?, auf: ostsee-zeitung.de (10.10.2023).

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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