Zum Inhalt springen

Rechte Gewalt

30. Jahrestag der Ermordnung von Dragomir Christinel

Von

Artikel teilen

Am 14. März 1992 wurde Dragomir Christinel in seinem Bett umgebracht. Der rumänische Geflüchtete befand sich in der Unterkunft für Asylsuchende in Saal bei Ribnitz-Damgarten, als diese am Abend des 14. März von 25 bis 40 rassistischen Jugendlichen angegriffen wurde. Dragomir Christinel lebte seit drei Monaten im Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen, feierte wenige Monate vorher sein erstes Weihnachten in Deutschland und und war lediglich zu Besuch bei Freund:innen in der Unterkunft in Saal. 

Sein Tod gehört zu einer Serie fast täglicher rassistischer Gewalt zu Beginn der 1990er-Jahre auf Geflüchtetenunterkünfte und Ausländer:innen in Mecklenburg-Vorpommern: 157 rechte Angriffe auf Asylsuchende und Linke gab es im Jahr 1992 in MV, mehr als 50 Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte. „Rassistische Gewalt hat in Deutschland eine lange Kontinuität“, heißt es in der Ankündigung der drei geplanten Gedenkveranstaltungen. 

Wer war Dragomir Christinel?

Im Gegensatz zu anderen rassistischen Taten – wie Rostock-Lichtenhagen wenige Monate später – ist die Ermordung von Dragomir Christinel bisher in der Öffentlichkeit kaum bekannt. „Wir sind eher zufällig auf ihn gestoßen, in einer Liste mit rechten Morden in der Nachwendezeit. Es hat uns schockiert, dass hier in Ribnitz-Damgarten niemand an ihn erinnert“, sagt Oliver Müller vom Alternativen Jugendzentrum (AJZ) Kita in Ribnitz-Damgarten. 

Wie auch im Fall von Mehmet Turgut, der 2004 von der rechtsterroristischen Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) in Rostock ermordet wurde, schlossen die ermittelnden Behörden ein rassistisches Tatmotiv zunächst aus. Sie vermuteten eine Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen. Weder in der damaligen Berichterstattung noch im Strafprozess spielte Dragomir Christinel eine Rolle.

Der 18-jährige John-Pieter aus Ribnitz wird zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe wegen „schwerem Landfriedensbruch mit Gewalttätigkeit gegen Menschen unter Mitführung von Waffen“ verurteilt. Er hat den 18-jährigen Dragomir Christinel mit einem stumpfen Gegenstand, vermutlich einem Baseballschläger, an Hals und Kopf erschlagen. Ob das Urteil rechtskräftig wurde, ist unklar. Zwei weitere Täter erhielten Bewährungsstrafen. Bis heute gibt es keinen Gedenkort oder eine offizielle Gedenkveranstaltung. „30 Jahre nach der Tat liegt es darum weiterhin an uns, über das Leben von Dragomir Christinel zu informieren“, heißt es von der Initiative. 

Fehlende Aufarbeitung und mangelnde Erinnerungskultur

„Und das, obwohl er in direktem Zusammenhang zum Pogrom in Lichtenhagen steht – auch hier richtete sich die Gewalt gegen rumänische Geflüchtete“, heißt es von einem Aktivisten der Interventionistischen Linken (iL) Rostock. Seine Ermordnung ist weder juristisch aufgearbeitet, noch in die lokale Erinnerungskultur aufgenommen worden. Erst 2019 wurde das erste Mal seines Todes vor der ehemaligen Unterkunft in Saal gedacht. Über Dragomir Christinel ist kaum etwas bekannt, es gibt nur ein Foto von ihm und auch seine Angehörigen konnten bisher nicht ausfindig gemacht werden.

(Screenshot von Spiegel TV: Gewalttätiger Mob tötet rumänischen Asylbewerber, auf: spiegel.de)

Die Antirassismusinitiative Pro Bleiberecht, das selbstverwaltete Jugendzentrum AJZ Kita in Ribnitz-Damgarten und die iL Rostock initiieren in diesem Jahr anlässlich seines 30. Todestages drei Veranstaltungen in Rostock und Ribnitz-Damgarten.

Gedenkveranstaltungen am Wochenende

Die zentrale Gedenkveranstaltung wird am Sonntag um 14 Uhr in Ribnitz-Damgarten stattfinden, an der Gedenktafel für den Todesmarsch der Frauen aus dem KZ-Außenlager Barth am Rathaus. Dort wird es Redebeiträge und eine Kranzniederlegung geben. Im Anschluss soll ein Graffiti zum Gedenken an Dragomir Christinel am AJZ Kita eingeweiht werden.

Vorher wird es am Freitag im Café Median in Rostock und digital, sowie am Samstag im AJZ Kita in Ribnitz-Damgarten jeweils um 19 Uhr Informationsveranstaltungen geben. Thematisch soll es um das Leben von Dragomir Christinel, den Ablauf der Tat, die Strafverfolgung sowie den aktuellen Stand des Gedenkens gehen.

Erinnerungsort und -veranstaltung gefordert

Denn die Gedenkinitiative fordert einen kommunal errichteten und finanzierten öffentlichen Gedenkort sowie eine offizielle, jährliche Gedenkveranstaltung für Dragomir Christinel. Dazu sei die Initiative bereits in konstruktiven Gesprächen mit der Stadt Ribnitz-Damgarten. Darüber hinaus fordert sie die Thematisierung des Falls sowie von Rechtsextremismus seit den 1990er-Jahren an den Schulen in Ribnitz-Damgarten – eigentlich regelmäßig, mindestens jedoch im 30. Gedenkjahr. 

Darüber hinaus forscht die Initiative nach noch lebenden Angehörigen Dragomir Christinels in Rumänien. Einerseits, um mehr über das Leben des Ermordeten zu erfahren, andererseits um die Angehörigen in die Planung und Gestaltung des Gedenkens einzubeziehen. „Hier waren wir bisher allerdings recht erfolglos“, heißt es von einem Sprecher der Gedenkinitiative.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 5.533 Abonnent:innen

196,6 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Fußnoten

  1. Pro Bleiberecht (Hg.): Wir gedenken: Dragomir Christinel, auf: bleiberecht-mv.org (22.2.2022) / Pro Bleiberecht (Hg.): Gedenken an Dragomir Christinel in Ribnitz-Damgarten, auf: bleiberecht-mv.org.
  2. Pro Bleiberecht (Hg.): Wir gedenken: Dragomir Christinel, auf: bleiberecht-mv.org (22.2.2022) / Lobbi (Hg.): Chronologie rechter Angriffe in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 1992, auf: lobbi-mv.de (23.8.2012).
  3. Pro Bleiberecht (Hg.): Gedenken an Dragomir Christinel in Ribnitz-Damgarten, auf: bleiberecht-mv.org.
  4. Niemeyer, Robert: Mord in Flüchtlingsunterkunft bei Ribnitz 1992: Erinnerung an eine grausame Tat, auf: ostsee-zeitung.de (8.3.2022); Ausnahmen: Spiegel TV: Gewalttätiger Mob tötet rumänischen Asylbewerber, auf: spiegel.de; Markmeyer, Bettina / Thomsen, Henrike: Wegsehen, bis einer stirbt, auf: taz.de (24.3.1992).
  5. Pro Bleiberecht (Hg.): Wir gedenken: Dragomir Christinel, auf: bleiberecht-mv.org (22.2.2022).
  6. Amadeu Antonio Stiftung (Hg.): Dragomir Christinel, auf: amadeu-antonio-stiftung.de / Markmeyer, Bettina / Thomsen, Henrike: Wegsehen, bis einer stirbt, auf: taz.de (24.3.1992).
  7. E-Mail der iL Rostock vom 15.2.2022.
  8. Pro Bleiberecht (Hg.): Wir gedenken: Dragomir Christinel, auf: bleiberecht-mv.org (22.2.2022).
  9. Ebd.
  10. Pro Bleiberecht (Hg.): Wir gedenken: Dragomir Christinel, auf: bleiberecht-mv.org (22.2.2022) / Pro Bleiberecht (Hg.): Gedenken an Dragomir Christinel in Ribnitz-Damgarten, auf: bleiberecht-mv.org
  11. E-Mail der Gedenkinitiative vom 28.2.2022.
  12. Ebd.

Autor:innen

ist Redakteurin in Rostock.

Neueste Artikel

Keine Rotorblätter mehr aus Rostock

Bei einer Betriebsversammlung wurden die Angestellten des Rotorblattwerks des Herstellers Nordex heute über die endgültige Schließung ihres Standorts informiert. Ab Ende Juni werden damit an der Warnow keine Rotorblätter mehr gefertigt. Nach NDR-Informationen besteht für die Angestellten nun die Möglichkeit, in eine Transfergesellschaft zu wechseln und eine Abfindung anzunehmen. Das zweite Nordex-Werk, welches Gondeln für Windräder fertigt, bleibt erhalten.

Es war der Trockenmörtel

Die Untersuchungen um die 2017 abgesackte A 20 bei Tribsees haben ergeben: Die eingebauten Säulen aus Trockenmörtel, die den Untergrund stabilisieren sollten, waren überlastet.

Neonazis nutzen illegal öffentliche Flächen

Rechtsextremisten haben im Dorf Jamel offenbar mehrere Flächen vereinnahmt, die der Gemeinde Gägelow gehören. Eines der Grundstücke dient als Lager, ein anderes als illegale Mülldeponie. Zumindest in einem Fall ist die Verwaltung bereits aktiv geworden.