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Erinnerungskultur

NVA-Sammlung in Prora: Entscheidung bis Ende März

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Die Kunstkulturstatt war ein beliebtes Museum in Prora auf Rügen, das sich mit der NVA-Vergangenheit des Ortes auseinandersetzte. Die Ausstellung galt als besucherfreundlich und nostalgisch, denn dort waren nicht nur militärische Reliquien wie Uniformen und Stubeneinrichtungen ausgestellt, sondern auch Gegenstände, die jeder kannte, der mit der Planwirtschaft der DDR aufgewachsen war: Nähmaschinen, Radios, Motorräder – ein Stück Vergangenheit. Der Zuspruch des Publikums war groß. Besonders Familien hätten sich von der bunten Ausstellung angesprochen gefühlt, berichtet Katja Lucke, Geschäftsführerin des ebenfalls vor Ort ansässigen Dokumentationszentrums Prora.

Zusammengetragen durch Ankäufe und Leihgaben, war die private Sammlung der Kunstkulturstatt wesentlicher Bestandteil der touristischen Infrastruktur im „Koloss von Prora“. „Für manche Leute war das ein guter Zugang zur Geschichte“, glaubt Lucke. Sie sagt aber auch, dass die Kunstkulturstatt keine wissenschaftliche Herangehensweise erfüllt habe und nicht nach museologischen Prinzipien gesammelt wurde.

Im Jahr 2018 musste die Kunstkulturstatt schließen. Investoren bauten das Gebäude zu Hotels und Ferienwohnungen um. Der Koloss von Prora, diese viereinhalb Kilometer lange Monstrosität im Küstenwald, wurde wieder einmal neu gedacht. Nach KdF und NVA nun Marktwirtschaft. Ein neuer geschichtlicher Abschnitt stand bevor. Seitdem lagern die Ausstellungsstücke der Kunstkulturstatt in Containern und Depots in Stralsund und Mukran. Doch die Mietverträge laufen in wenigen Tagen aus. Bis Ende März soll eine Entscheidung darüber fallen, was mit den Tausenden Einzelstücken geschehen soll.

Teils ungeklärte Herkunft der NVA-Sammlung

Der Eigentümer möchte gern an das Land verkaufen, am liebsten vollständig, doch das Land zögert. Ein Kaufpreis von 120.000 Euro steht im Raum. Es ist nicht der erste Vorstoß, doch bisher konnten beide Seiten keine Einigung erzielen. Nun geht die Auseinandersetzung mit der NVA-Sammlung in die entscheidende Phase. „Die Sammlung scheint mir nicht so wertvoll wie vom Eigentümer behauptet“, kritisiert Katja Lucke. Sie selbst habe 2018 die Ausstellung vor der Schließung der Kunstkulturstatt in Augenschein genommen. In ihrer Wahrnehmung seien einige Objekte nicht besonders gepflegt worden, manches Bildmaterial in schlechtem Zustand und ohne Absicherung. Ein Problem sieht Lucke vor allem in der teilweise ungeklärten Provenienz.

Gemeint ist die Bestimmung der Herkunft eines Ausstellungsstücks. Ohne sie ist nicht klar, ob ein Gegenstand möglicherweise gestohlen wurde und gegebenenfalls zurückgegeben werden muss. Provenienzforschung ist deshalb die Grundvoraussetzung für jede seriöse pädagogische Einrichtung oder Sammlung, denn sie hilft auch beim Erkennen von Originalen und Fälschungen.

„Bereits in der Vergangenheit gab es Leihgeber der Kunstkulturstatt, die ihre Ausstellungsstücke zurückforderten“, berichtet Lucke. Es zeigt ihr, wie schwierig der Umgang mit der Sammlung werden könnte, wenn sie als Ganzes gekauft würde. Dass Provenienzen nicht immer ersichtlich sind, hat auch historische Gründe. „Natürlich muss man in Rechnung stellen, wie es in den Neunzigern so lief“, erklärt Jochen Schmidt, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung. Er verhandelt für das Land über den Ankauf der NVA-Sammlung. Auch für ihn ist die Provenienz ein entscheidendes Kriterium. Nach der Wiedervereinigung gab es überall auf dem Gebiet der ehemaligen DDR anarchische Momente, in denen alles Mögliche von Tür zu Tür verkauft wurde. Auch die Standorte der NVA blieben davon nicht verschont. Deshalb kann es heute vorkommen, dass die Herkunft eines Gegenstandes nicht mehr in allen Details festzustellen ist. Dennoch benötigt das Land als potenzieller Käufer eine Sicherheit. „Wir können nichts kaufen, was eigentlich einem anderen gehört“, sagt Schmidt.

Der Zustand der NVA-Sammlung bereitet auch Schmidt Sorgen. Seit vier Jahren lagern die Ausstellungsstücke ungesehen ein. Der Eigentümer hat handgeschriebene Inventarlisten und Broschüren bereitgestellt, doch eine wissenschaftliche Prüfung und Bewertung der Einzelstücke war bisher nicht möglich. Fest steht, dass das Land die Sammlung nicht vollständig erwerben wird. Schmidt benennt die Sorgfaltspflicht im Umgang mit Steuergeldern. Weder auf Vorrat noch auf Verdacht sei ein Kauf zu rechtfertigen. Auch seien NVA-Uniformen und ähnliche Ausstellungsstücke nicht einzigartig genug. Doch Schmidt möchte die Sammlung nicht aufgeben. Eine komplette Stubeneinrichtung aus der NVA-Zeit in Prora wäre etwas Besonderes. Sollte Derartiges in der Sammlung enthalten sein, gäbe es vonseiten des Landes großes Interesse.

Erinnerungsarbeit soll Prora auch in Zukunft begleiten

Doch letztendlich, so Schmidt, hänge die Erinnerungskultur in Prora nicht von der angesprochenen NVA-Sammlung ab, die wohl zerstört werden wird, wenn es zu keiner Einigung zwischen Land und Eigentümer kommt. Ein geplantes Bildungs- und Dokumentationszentrum soll in einer noch unsanierten Liegehalle im Block 5 des Koloss von Prora entstehen. Doch vieles aus der Vergangenheit vor Ort wurde bereits überbaut. Historische Spuren sind verschwunden. Was einmal KdF- und NVA-Geschichte war, ist nun eine Wellnessoase, in der es gelegentlich an Sensibilität fehlt, meint Katja Lucke vom Dokumentationszentrum Prora. Sie berichtet von unbedarften Einträgen in Gästebüchern und sieht das Problem eines zu arglosen Umgangs mit der Vergangenheit. „Wichtig ist eine kritische und differenzierte historisch fachlich ausgerichtete Begleitung des Ortes“, sagt sie. Eine ordentliche Bildungsarbeit habe in Prora besondere Bedeutung.

Jochen Schmidt wünscht sich dafür eine überschaubare und attraktive Erinnerungskultur vor Ort. „Der Komplex ist gewaltig. Da muss man keine gewaltige Bildungseinrichtung dagegensetzen wollen“, meint er. Besucher sollen sich in prägnanten Ausstellungen informieren können und nicht von ihnen erschlagen werden. „Wir werden ein gutes Angebot, aber vor allem auch ein pädagogisches Angebot haben, wo Schulklassen und andere Gruppen Projektarbeit machen können“, glaubt der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung.

Doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Gerade entsteht ein Gutachten zur Bausanierung, das wohl bis Ende des Jahres abgeschlossen sein wird. Parallel dazu wird bereits ein grobes Raumkonzept entwickeln. Neben den Ausstellungsflächen sollen auch Seminarräume entstehen. Dabei sind nicht nur bauliche, sondern auch denkmalpflegerische Aspekte zu beachten. Wann das Bildungs- und Dokumentationszentrum tatsächlich eröffnen wird, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht absehbar.

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Fußnoten

  1. Nationale Volksarmee, die Armee der DDR.
  2. Kraft durch Freude, eine Massenorganisation der Nationalsozialisten.

Autor:innen

berichtet als KATAPULT MVs Inselprofi von Rügen aus.

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