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Rügen in Rage

Protest gegen LNG-Terminal

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Lesedauer: ca. 5 Minuten

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Rund fünf Kilometer vor der Ostküste Rügens sollen zwei Plattformen verankert werden. Bis zu vier Gastanker könnten dort anlegen und Gas in eine etwa 38 Kilometer lange Pipeline einspeisen, die bis zum Netzanschluss nach Lubmin führen soll. Die Pläne sind gewaltig und ungehörig, wenn es nach den Menschen auf Rügen geht. Es regt sich Widerstand.

Die Slogans lauten „Rügen wehrt sich“ oder „Wir sind laut, weil man uns die Heimat klaut“ oder knapp und präzise „Kein LNG“. Daneben wehen im lauen Nachmittagswind Friedensfahnen und eine Flagge der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands. Gut 1.000 Menschen haben sich zu Beginn der Kundgebung versammelt. Die Veranstalterinnen werden später rund 2.500 Teilnehmerinnen melden.

Die Rednerinnen rufen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf und verkünden Standpunkte und Forderungen. So weist Olaf Metz, Pastor der Mönchguter Kirchengemeinde, gleich zu Beginn darauf hin, dass es nicht reiche, auf das zu schauen, was man nicht wolle, sondern auf das, was man wolle. „Die Fehler, die wir heute machen, müssen unsere Kinder ausbaden.“

Vertreterinnen von Bürgerinitiativen und Vereinen, der Tourismusbranche, von Fridays for Future und der Kommunalpolitik sprechen sich gemeinsam gegen den Bau der Plattformen vor Rügens Küste aus. „Es geht um den Erhalt unserer Heimat. Wir haben die Pflicht, unsere Heimat für die Zukunft zu erhalten. Wir wollen das LNG-Terminal nicht und haben ein Recht darauf, dass das akzeptiert wird“, sagt Nadine Förster, Gemeindevertreterin im Ostseebad Göhren.

Die Ablehnung des geplanten Terminals ist auch unter den Demonstrierenden groß. Sätze wie: „Das darf nicht passieren, sonst sind wir alle erledigt“ oder „Das ist das Ende der Heimat“ sind zu hören. „Da draußen wird unsere Umwelt zerstört“, klagt jemand. Die Menschen hier haben nicht nur Wut im Bauch über das geplante LNG-Terminal, sondern auch Angst vor möglichen, bisher unbekannten Folgen.

„Jeder Bürger, jedes Kind auf der Insel ist betroffen“, erklärt Wolfgang Kannengießer, Vorsitzender des Dehoga-Regionalverbandes Rügen. Er blickt sorgenvoll auf die anstehende Tourismussaison. „Wenn die Bauarbeiten im Juni beginnen sollten, können wir den Gästen an den Stränden kein sauberes Wasser garantieren.“ Für die Urlaubsregion wäre das auch eine wirtschaftliche Katastrophe.

Ostseestrand in Baabe auf Rügen
Vor Rügens Ostseeküste liegt das LNG-Zwischenlager-Schiff Seapeak Hispania. Auf etwa gleicher Höhe würde das LNG-Terminal aus dem Wasser ragen.

Stefanie Dobelstein, Sprecherin der Bürgerinitiative Lebenswertes Rügen, die die Veranstaltung mitorganisiert hat, spricht vom Gemeinwohl, dem sich ihre Initiative verpflichtet fühle. Schon in Lubmin sei das LNG-Terminal eine ökologische und soziale Katastrophe für die Region, die sich vor Rügen nicht wiederholen dürfe.

Dobelstein verweist auf eine aktuelle Studie des DIW, die belege, dass das geplante Terminal vor Rügen für die Energiesicherheit in Deutschland nicht notwendig sei. Mit Blick auf die in kurzer Zeit umgesetzte Demonstration sagt sie aber auch: „Es ist nicht einfach, mit Menschen an einem Tisch zu sitzen, die unterschiedliche Beweggründe antreibt.“

Nach den Redebeiträgen von Malte Paschirbe von Fridays for Future und Marlies Preller vom Nabu spricht Thomas Kerl auf der Bühne ins offene Mikrofon. Der Ex-AfD-Mann organisierte bereits Demonstrationen für Nord Stream und gegen LNG in Lubmin. Auf seinem Facebook-Account sympathisiert er mit dem Faschisten Björn Höcke, nennt MVs Landesregierung „Systemhuren“ und fordert Manuela Schwesigs Rücktritt mit den Worten „wenn nicht freiwillig, dann muss sie gezwungen werden“. In Baabe auf Rügen fällt er durch noch mehr Populismus auf. Er erzürnt sich an Fridays for Future, wettert über die Grünen und prophezeit den Untergang Deutschlands. Trotz fehlender Inhalte erhält er Applaus aus der Menge.

„Wir wurden unterwandert“, stellt Stefanie Dobelstein ernüchtert fest. Personen die sich unter dem Slogan „Wir für Rügen“ auf Telegram versammeln, hätten sich in Vorgesprächen „gut verkauft“, so Dobelstein. Sie habe naiv die Leitung der Veranstaltung in fremden Händen gelassen, ohne zu wissen, mit wem sie es zu tun gehabt habe. Erst am Vortag sei ihr klar geworden, mit wem ihre Bürgerinitiative auf der Bühne stehen würde. Während der Veranstaltung grenzt sich Dobelstein in ihrem Redebeitrag deutlich von rechts ab. Anderen Rednerinnen gelingt das nicht. Sie fordern stattdessen ein breites Bündnis gegen LNG. Thomas Kerl nutzt die Bühne für platte Parolen.

Stefanie Dobelstein ist auch am Tag nach der Demonstration noch erschüttert darüber, getäuscht worden zu sein. „Wir waren blauäugig.“ Letztendlich wollte sie die Bühne jedoch nicht denen überlassen, die sie lediglich instrumentalisieren wollten. „Wir stehen nicht nur für Nachhaltigkeit und Umweltschutz, sondern auch für gesellschaftliche Werte. Dafür setzen wir uns ein“, so Dobelstein.

Hinweis:
In einer vorherigen Version war zu lesen, dass Thomas Kerl auf der offiziellen Liste der Rednerinnen stand. Das ist nicht korrekt. Er sprach nach allen angemeldeten Redebeiträgen ins offene Mikrofon.

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Fußnoten

  1. Autor nutzt generisches Femininum.
  2. Holz, Franziska u.a.: Deutschlands Gasversorgung ein Jahr nach russischem Angriff auf Ukraine gesichert, kein weiterer Ausbau von LNG-Terminals nötig, auf: diw.de (22.2.2023).
  3. Telefonat mit Stefanie Dobelstein am 27.2.2023.

Autor:innen

ist KATAPULT MVs Inselprofi und nicht nur deshalb gern am Wasser. Nutzt in seinen Texten generisches Femininum.

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