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Extremismus

Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt in Greifswald

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Dieser Artikel enthält explizite Darstellungen rechter Gewalt und Körperverletzungen mit Todesfolge. Bei manchen Menschen kann das zu belastenden Reaktionen, Gefühlen oder Erinnerungen führen.


Man habe ihm eine Lektion erteilen wollen, sagen die Schläger bei ihrer Vernehmung ein halbes Jahr nach dem Mord an dem Obdachlosen Eckard Rütz in der Nacht zum 25. November 2000. Weil „so einer wie Rütz dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegt“, so die drei Angeklagten vor Gericht.

Die damals 16-jährigen Maik J. und Marcel L. sowie der 21-jährige Maik M. verprügelten den 42-jährigen Eckard Rütz mit Baumstützpfählen und Tritten vor der Mensa der Universität in Greifswald so schwer, dass der Notarzt nur noch den Tod feststellen konnte. Zuvor ließen die Täter den 42-Jährigen schwer verletzt liegen, kamen aus Angst vor einer Anzeige zurück und traten erneut auf ihn ein. Der Richter betonte bei seiner Urteilsverkündung, die drei jungen Männer hätten sich zu Herren über Leben und Tod aufgeschwungen und ein aus ihrer Sicht lebensunwertes Leben beenden wollen. „Die Tat ist an Brutalität kaum zu überbieten“, sagte der Vorsitzende Richter Rainer Loose. Er sprach von einer „Schlächter-Mentalität“. Das Ausmaß der Brutalität sei so verheerend gewesen, dass der Kopf des Opfers bei der Obduktion auseinandergefallen sei.

Im Juni 2001 verurteilt das Landgericht Stralsund Maik J. und Marcel L. wegen Mordes zu Jugendstrafen von siebeneinhalb und sieben Jahren. Maik M. erhält zehn Jahre Haft.

Der Gedenkstein an Eckard Rütz vor der alten Mensa der Universität Greifswald. Foto: Ole Kracht

Vier erschlagene Obdachlose 2000 in Mecklenburg-Vorpommern

Eckard Rütz war im Jahr 2000 nicht das einzige Opfer rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern. Nur wenige Monate zuvor, in der Nacht zum 24. Juni 2000, wurde der Obdachlose Klaus-Dieter Gerecke in Greifswald von drei Rechtsextremen, einem 20-Jährigen und zwei 18-jährigen Frauen, erschlagen – ebenfalls aus niederen Beweggründen, aus Hass gegen Obdachlose. Die drei Tatverdächtigen werden der rechten Szene zugeordnet – das Landgericht Stralsund verurteilt sie zu langjährigen Freiheitsstrafen, erkennt aber kein rechtsextremes Motiv. Drei Tage nach dem Mord an Klaus-Dieter Gerecke wird in Ahlbeck auf Usedom Norbert Plath an einer Kirche von Neonazis zu Tode geprügelt, knapp zwei Wochen später der Obdachlose Jürgen Seifert in Wismar.

Ausstellung und Gedenkveranstaltung

Der Todestag von Eckard Rütz jährte sich im vergangenen Jahr zum 20. Mal. Da aufgrund der Corona-Bestimmungen im letzten Jahr keine Veranstaltungen stattfinden konnten, werden die geplante Ausstellung und Filmvorführung anlässlich seines Todestages in Greifswald nun nachgeholt. Noch bis zum 26. November wird in der Straze (Stralsunder Straße 10, Greifswald) die Ausstellung „Todesopfer rechter Gewalt seit 1990“ gezeigt. Auf 188 Tafeln bildet die Ausstellung jene Menschen ab, die zwischen 1990 und 2017 aus rechten, rassistischen oder antisemitischen Motiven heraus getötet wurden. Neben den Porträts der Opfer finden sich außerdem Informationen zu ihrer Person und eine grobe Skizzierung des Tathergangs. Die Greifswalder Eckard Rütz und Klaus-Dieter Gerecke sind ebenfalls Teil der Ausstellung.

Für eine aktive Gedenk- und Erinnerungskultur in Greifswald gründete sich 2006 das Bündnis „Schon vergessen?“. Dem Bündnis gelang es mithilfe von Spenden, einen Gedenkstein an der Mensa zu setzen. Dort findet am Abend des 25. November um 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an Eckard Rütz statt.

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Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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