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Kommentar

Sagt doch endlich, was Sache ist!

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Löhne und Gehälter müssen gezahlt werden. Die Beschäftigten der Werften haben nichts falsch, sie haben nur ihre Arbeit gemacht. Die „Global One“ muss fertiggestellt werden. So äußern sich fast alle Politiker:innen, Industrieverbände und die Gewerkschaften. Woher die benötigten 600 Millionen Euro kommen sollen, ist offen. Ziemlich wahrscheinlich: aus Steuergeldern. Ob der Ozeanriese dann verkauft werden kann, und zu welchem Preis, ist mindestens genauso unsicher.

Wo werden Schiffe gebaut?

Geht es um die weitere Entwicklung der heimischen Schiffbauindustrie, gehen die Meinungen auseinander. Ministerpräsidentin Schwesig ist davon überzeugt, „dass Kreuzfahrttourismus eine Zukunft“ hat. Allen, die sich zu Wort melden, ist aber gemein, dass sie sich im Ungefähren bewegen. Der Konjunktiv hat Konjunktur. Deshalb jetzt ein klarer Einwurf: Rechnet nicht mehr mit dem Bau von Kreuzfahrtschiffen an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns! Den Käufern und Betreibern von schwimmenden Urlaubszentren, den Reedereien, steht finanziell das Wasser bis zum Hals, und das nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Die Wahrheit ist: Mittelfristig wird es für die Werften im Land keine Aufträge zum Kreuzfahrtschiffbau mehr geben. Die gesamte globale Schiffbaubranche hat von Januar bis November 2021 Aufträge im Wert von etwa 88 Milliarden Euro bekommen. Davon gingen gerade mal 3,5 Milliarden nach Europa.

Wo ist „Made in MV“ konkurrenzfähig?

Natürlich ist es möglich, dass ausnahmsweise wieder ein ganz besonderes Tourismusschiff gebaut wird. Die Umstellung der Schiffe auf klimaneutrale Antriebe, ihre Reparatur und Nachrüstung bieten realistische Chancen. Auch die mögliche Produktion von Spezialschiffen bedeutet hochwertige Arbeitsplätze. All das führt aber nicht zu massenhafter Beschäftigung. Und es braucht Zeit, die wir nicht haben.

Menschen und Schiffe

Für die Beschäftigten im Schiffbau bedeutet eine grundsätzliche Neuausrichtung der Industrie den Abschied von einer langen Tradition. Das tat schon weh, und es wird wieder schmerzen. Dennoch ist es unvermeidlich. Als die Auszahlung der Dezemberlöhne zugesichert wurde, sagte ein Mitarbeiter der Wismarer Werft, „nach zwei Jahren Bangen bin ich meiner Familie schuldig, mit einer guten Nachricht nach Hause zu kommen“. Politische und industrielle Entscheidungsträger sind es den Beschäftigten in den Werften und Zulieferbetrieben schuldig, dass das Bangen ein Ende hat. Die Wende zur Gewinnung erneuerbarer Energie ist ein Langzeitprojekt, das aber auch in der maritimen Industrie dauerhaft Arbeitsplätze schaffen wird. Ebenso sind die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen es unser Umwelt schuldig, für eine nachhaltige und klimaneutrale Industriepolitik mit aller nötigen Dynamik zu sorgen.

Der industrielle Transformationsprozess wird ohne die Förderung durch Steuergelder nicht möglich sein. Hier ist die Landesregierung gefragt und das Steuergeld gut angelegt. Es sind Investitionen in die Zukunft. Schluss mit den wiederkehrenden Zitterpartien von einem zum nächsten Kredit, zur nächsten Bürgschaft von Bundes- oder Landesregierung. Die Politik in MV muss jetzt Farbe bekennen und ihr Regierungsprogramm „Aufbruch 2030“ umsetzen, denn darin wollen die Koalitionspartner, dass der Klimaschutz, die Energie- und Industriepolitik auf Nachhaltigkeit als grundlegendem Prinzip basiert.

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Fußnoten

  1. NDR Info, 10.1.2022, 22:45 Uhr.
  2. Kanning, Tim u.a.: Ein Fanal für die Schiffbauindustrie, auf: faz.net (12.1.2022).
  3. Interview mit dem Schiffbauexperten Jochen Tholen, NDR Info, 14.1.2022, 7:36 Uhr.
  4. Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und DIE LINKE. Mecklenburg-Vorpommern für die 8. Legislaturperiode 2021-2026: Aufbruch 2030. Verantwortung für heute und morgen, S. 24 (November 2021).

Autor:innen

haut als freier Journalist in Schwerin für KATAPULT MV in die Tasten. Manchmal knipst er auch.

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