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Arm und Reich

Schwerin – die geteilte Stadt

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Eine umfassende Untersuchung zum Thema „sozialräumliche Spaltung in Mecklenburg-Vorpommern“ hatte das Landesministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung beim Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) in Auftrag gegeben. Anfang 2020 präsentierte Professor Marcel Helbig in Schwerin seine Analyse der „sozialen Architektur“ ausgesuchter Städte in Deutschlands Nordosten.

Geht es um die messbare räumliche Aufteilung einer Stadt in arme und besser situierte Viertel, so belegt Schwerin nicht nur in MV den ersten Platz. In einer vorangegangenen Studie wies die Landeshauptstadt auch im bundesweiten Vergleich unter 74 Städten den höchsten Wert der räumlichen Aufteilung in „Arm und Reich“ auf. Die Entmischung der Bevölkerung, in der Sozialwissenschaft als Segregation bezeichnet, wird mit dem sogenannten Segregationsindex berechnet. Die hiesigen Städte liegen mit einem Durchschnitt von über 35 bereits über dem Wert der ostdeutschen Städte (32,2),  Schwerin mit über 45 ragt jedoch noch einmal deutlich heraus. In westdeutschen Städten, wenn auch mit deutlichen regionalen Unterschieden, liegt der Segregationsgrad bei durchschnittlich rund 25.

Wohnen und Arbeiten

Die Studie veranschaulicht die Armutsballung in den sogenannten Plattenbausiedlungen. Beim Vergleich innerhalb Schwerins sind die Stadtteile Großer Dreesch, Neu Zippendorf, Mueßer Holz und Lankow besonders auffällig. Ein Blick in die Statistik macht die Armutsgrenzen zwischen den Stadtteilen schnell sichtbar. Vergleicht man die Arbeitslosenquote, so liegt Schwerin ohnehin mit 9,3 Prozent deutlich über dem MV-Landesdurchschnitt von 7,1 Prozent. Schaut man auf die innerstädtische Verteilung der Arbeitslosigkeit, so ergeben sich für den Großen Dreesch 13,4 Prozent, Mueßer Holz 24 Prozent und Neu Zippendorf 17,8 Prozent. Im Kontrast dazu liegt der Arbeitslosenanteil im boomenden Neubauviertel Schwerins, der Werdervorstadt, mit 4,3 Prozent bei gerade einmal etwas über der Hälfte des Landesdurchschnitts. Diese aktuellen Zahlen, erhoben im Sommer 2021, zeigen im Vergleich mit den Zahlen des letzten Sozialberichtes der Stadt Schwerin in allen Stadtteilen der Plattenbausiedlungen eine Zunahme der Arbeitslosigkeit. Die Erwerbslosigkeit bei jungen Menschen unter 25 Jahren liegt in allen drei Stadtteilen noch deutlich höher. Weitere Indikatoren wie beispielsweise die Quote der nicht erwerbsfähigen Leistungsberechtigten zu Sozialleistungen oder die Schuldenquote verdeutlichen die großen sozialen Unterschiede in der Bevölkerung. Zu denen, die weniger als das Durchschnittseinkommen haben, gehören fast immer auch Menschen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. In der ortsteilbezogenen Schweriner Statistik findet sich für Neu Zippendorf ein Ausländeranteil von knapp 20 Prozent, im Mueßer Holz sind es fast 30 Prozent. Der Schweriner Durchschnitt liegt bei 8,2 Prozent. Davon ist die Werdervorstadt mit 2,6 Prozent weit entfernt.

Mieten – wer kann sie bezahlen?

Bezahlbarer Wohnraum ist eines der wichtigsten Politikfelder, denen sich gerade die Parteien der neuen Landesregierung widmen wollen. Auch bei diesem Thema ist die räumliche Trennung in Arm und Reich in Schwerin deutlich sichtbar. Im Mietspiegel der Stadt heißt es denn auch: „In der Werdervorstadt ist die Bautätigkeit täglich zu spüren, hier entstehen seit Jahren die meisten Neubauwohnungen.“ Hier liegen die Wohnungsmieten bei bis zu 11,50 Euro pro Quadratmeter. Die Werdervorstadt ist damit unbezahlbarer Wohnraum für viele Menschen in der Stadt. Die Wohnungsmieten in Schwerin schwanken im Mittelwert je nach Ausstattung, Baualtersklasse und Größe der Wohnungen zwischen 4,55 und 9,90 Euro pro Quadratmeter.

Der Segregation entgegenwirken – eine Herausforderung

Zusammengefasst bleibt festzustellen: Die Einkommensschwachen, Sozialgeldbezieher, Arbeitslosen, Ausländer und an der Armutsgrenze lebenden alten Menschen wohnen ganz mehrheitlich in drei, vier Stadtteilen. Die Corona-Pandemie belastet schon allein aufgrund der schlechteren Wohnverhältnisse einkommensschwache Familien deutlich stärker als wohlhabende. Die sozialen Rahmenbedingungen haben sich nicht verbessert, im Gegenteil.

Bei den Diskussionen um die Ergebnisse der WZB-Studie waren sich die beteiligten Politiker:innen und Vertreter:innen von Wohlfahrtsverbänden über dringenden Handlungsbedarf einig. Der Schweriner Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) sieht es als eine der zentralen langfristigen Aufgaben der Politik, gegen die Entmischung zu arbeiten. Kürzlich meinte er in einem Interview dazu: „Wir müssen zum Beispiel unbedingt der Segregation entgegenwirken, um den sozialen Frieden in Schwerin zu bewahren.“ Zahlreiche Debatten über Förderanträge, Mittelbewilligungen, über Wohnungsbauförderprojekte und die Modernisierung von Stadtteilen wurden und werden geführt. Die Pandemie und die damit verbundenen Einkommensverluste bei gleichzeitig steigender finanzieller Belastung der öffentlichen Hand machen es nicht einfacher, die Teilung in arme Viertel/reiche Viertel zu überwinden. Heute sind die Voraussetzungen für eine Überwindung der Entmischung eher schlechter als besser. Die Schaffung von Stadtteilen, die „unerreichbar“ für Menschen mit niedrigem Einkommen sind, zementiert im Wortsinn die Segregation der Bevölkerung. Wie wird also in Zukunft in Schwerin gebaut? Ein Beispiel.

Warnitzer Feld – für eine soziale und nachhaltige Neubaustrategie

Nicht nur mit der Schaffung von weiteren Sozialwohnungen, wie zum Beispiel in der Werdervorstadt oder Paulsstadt, versucht die städtische Bauplanung der Segregation entgegenzuwirken. Frisch gekürte Preisträger des Städtebauwettbewerbs „Warnitzer Feld“ sind die Architekten Jan Uetzmann und Tev Wilhelmsen vom Hannoveraner Büro Mosaik. Mit ihrem Entwurf für ein Neubaugebiet im Nordwesten Schwerins wollen sie die Siedlungsfläche mit dem Naturraum möglichst vielfältig und umweltfreundlich verbinden. „Das neue Quartier soll den bestehenden Stadtteil sowohl strukturell als auch sozialräumlich und funktional ergänzen“, so die Architekten. Geplant ist ein Stadtviertel mit einer möglichst diversen Nachbarschaft. Bis 2025 soll ein Lebensraum für Jung und Alt, Besserverdiener, aber auch Einkommensschwache geschaffen werden. Familien wie auch Singles soll Wohnungseigentum wie auch Mietwohnungen angeboten werden. Die soziale Durchmischung sei neben Naturschutz- und Umweltaspekten ein wichtiges Kriterium im Ideenwettbewerb gewesen, so Andreas Thiele, Leiter des Fachdienstes Stadtentwicklung der Landeshauptstadt Schwerin. Realisiert werden kann das Neubauprojekt nach Planung, Beschlussfassungen und Feststellungsverfahren frühestens 2025.

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