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Posttraumatische Belastungsstörungen

Selbsthilfegruppe in Teterow gegründet

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Lesedauer: ca. 5 Minuten

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Seit ihrer Diagnose im vergangenen Jahr bezeichnet sich Beatrice Schröder als „Posttraumatische Belastungsstörerin“. Auch, weil sie ihr eigenes Verhalten oft als störend empfindet. „Ich habe 49 Jahre lang mit meinen Symptomen gelebt und dachte, das sei normal, das geht allen so. Nur, dass die anderen einfach besser damit klarkommen“, sagt sie. Im Alltag dissoziiert sie oft. Das heißt, sie entzieht sich innerlich, aber unbewusst einer Situation und ist dann nur noch „so halb“ da, sieht und hört zum Beispiel nicht mehr richtig. „Ich halte keinen Druck aus und bin deshalb nicht so leistungsfähig, wie ich gerne wäre und wie es von mir erwartet wird.“

Diagnostiziert wurde ihre Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nach jahrelangem Leiden, dem verinnerlichten Gefühl, irgendwie anders, nicht gut genug, nicht leistungsfähig genug zu sein. Ihre Diagnose bekam sie in einer Klinik in Süddeutschland, in der sie im vergangenen Jahr mit Verdacht auf eine psychosomatische Störung für mehrere Woche untergebracht war. Beim Abschied gaben ihr die Therapeutinnen den Rat, sich in einer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen auszutauschen. Wieder zuhause machte sie sich auf die Suche nach so einer Gruppe – aber fand keine. Weder in Schwerin noch in Rostock. Und auch nirgendwo dazwischen.

Psychische Krankheiten sind stigmatisiert

Die Diagnose sei absolut augenöffnend gewesen, sagt sie, „aber erst mal konnte ich es kaum glauben“. Zumal sie, anders als viele Menschen mit PTBS, nicht im Krieg war, nicht sexuell missbraucht oder Opfer einer Gewalttat wurde. Die Gewalt, die sie erlebt hat, kam versteckt als medizinische Fürsorge: Als Zweijährige wurden ihre Beine wegen einer sogenannten Hüftdysplasie, einer angeborenen Fehlbildung der Gelenkpfanne, für ein ganzes Jahr eingegipst. Nach einer Operation musste sie drei Monate unter „Elternentzug“, wie sie sagt, alleine und zum Teil sediert in einer Klinik liegen.

Beatrice Schröder erhofft sich von der Selbsthilfegruppe Austausch mit anderen, die sie verstehen können, weil sie ähnliche Probleme haben. Die gegenseitige Unterstützung, das Teilen von hilfreichen Strategien. Denn mit anderen Menschen offen über ihre Erkrankung zu sprechen, sei im Alltag schwierig. „Einerseits weil ich oft den Eindruck habe, dass ich mich nicht richtig verständlich machen kann, andererseits weil psychische Krankheiten immer noch stigmatisiert sind. Ich höre ja, wie abfällig über arbeitsunfähige oder psychisch kranke Menschen gesprochen wird“, sagt sie.

Das Angebot soll sich zunächst an Mädchen und Frauen wenden, auch weil Beatrice Schröder davon ausgeht, dass Frauen sich in gemischten Gruppen weniger sicher fühlen, zumal viele PTBS nach von Männern zugefügter Gewalt entwickeln. Tatsächlich sind Frauen auch häufiger betroffen als Männer: Etwa zwölf Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. PTBS gehört zu den häufigsten psychischen Störungen.

Die Suche nach Therapeut:innen gleicht einer Odyssee

Dass sie keine Selbsthilfegruppe in ihrer Nähe finden konnte, ist für Beatrice Schröder nur ein Aspekt eines für sie sehr grundsätzlichen Gefühls. Nämlich auf sich allein gestellt zu sein, nur sehr schwer an Hilfe zu kommen. „Der Zustand des Gesundheits- und Sozialsystems im ländlichen Raum ist eine Vollkatastrophe“, sagt sie. In Mecklenburg-Vorpommern sind zurzeit mehr als 100 Stellen von Hausärzt:innen unbesetzt, viele praktizierende Ärzt:innen sind über 60 Jahre alt. Eine Hausärztin, die ihre psychische Krankheit mitbetreut, habe sie nur über persönliche Kontakte finden können. Die meisten Praxen seien voll.

Noch schwieriger ist es, Spezialist:innen zu finden: Die Suche nach Therapeut:innen habe einer Odyssee geglichen, sagt Beatrice Schröder. Sie hatte Glück und fand eine Traumatherapeutin – allerdings in Stralsund. Für die Therapie fährt sie von Teterow aus zweieinhalb Stunden mit der Bahn. Eine Strecke.

Beatrice Schröders Therapeutin – Susanne Sell – ist Psychologische Psychotherapeutin und auf Traumatherapie spezialisiert. Ihre Patient:innen kommen teilweise von Rügen, Usedom oder aus Mecklenburg und nehmen, wie auch Beatrice, weite Anfahrten in Kauf. Sie hat ihre Warteliste mittlerweile geschlossen, weil mehr als 30 Patient:innen darauf stünden. Durchschnittliche Wartezeit: etwa ein Jahr.

Bedarfsplanung der Krankenkassen muss angepasst werden

„Für Personen, die akute Hilfe benötigen, nach einem Unfall, einer Gewalttat oder dem Verlust eines nahen Menschen zum Beispiel, ist das natürlich eine Zumutung“, sagt sie. Sie fordert, dass die Bedarfsplanung der Krankenkassen, die unter anderem regelt, wie viele Psychotherapeut:innen auf eine bestimmte Einwohnerzahl zugelassen werden, an den tatsächlichen Bedarf angepasst wird: „Falls eine leichte Unterversorgung seitens der Krankenkassen gewollt ist, in der Annahme, dass mehr Angebot auch die Nachfrage und damit die Kosten steigen ließe, dann kann man nur sagen: Der Bedarf ist bereits jetzt da!“

Tatsächlich hat der Bedarf an psychotherapeutischen Angeboten seit der Coronapandemie enorm zugenommen. Und der Trend hält weiter an. Im letzten Jahr erreichte laut einer Studie der DAK die Zahl der Fehltage von Arbeitnehmer:innen in MV aufgrund von psychischen Erkrankungen einen neuen Höchststand.

Selbsthilfegruppen sind nur mittelbar Teil des gesundheitlichen Versorgungssystems. Aber Beatrice Schröder glaubt, dass die Gruppe ihr und anderen im Umgang mit PTBS helfen kann.


Auftakttreffen für die Selbsthilfegruppe in Zusammenarbeit mit der KISS Güstrow für Frauen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen ist am 12. April um 18 Uhr in Teterow, in den Räumen der Diakonie, Predigerstraße 2.

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Fußnoten

  1. Weil psychische Krankheiten für Betroffene oft mit Stigma und Abwertung verbunden sind, hat sich Beatrice Schröder für ein Pseudonym entschieden.
  2. Charité – Universitätsmedizin Berlin (Hg.): Besondere Merkmale der PTBS, auf: psychiatrie.charite.de.
  3. NDR (Hg.): Medizinische Versorgung in MV: Die Sorgen von Patienten und Ärzten, auf: ndr.de (16.2.2024).
  4. Tagesschau (Hg.): Mehr psychische Krankheiten durch Corona, auf: tagesschau.de (17.6.2022).
  5. DAK (Hg.): Psychreport 2024, S. 4, auf: caas.content.dak.de (5.3.2024).

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