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Krieg in der Ukraine

Spendenbereitschaft geht zurück, Bedarf nicht

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In Greifswald gibt es seit Ende März eine Spendenhalle in der Herrenhufenstraße 7. Die Universitätsmedizin Greifswald hat sie der Initiative Greifswald solidarisch zur Verfügung gestellt. Dort werden die Spenden, die die Initiative erreichen, seitdem zusammengetragen, sortiert und an Geflüchtete weitergegeben. Zu Beginn des Krieges sei sehr schnell sehr viel zusammengekommen. „Ungeplant und unstrukturiert“ hätten die Menschen „alles mögliche zusammengesucht“ und ihnen gebracht, erinnert sich Saskia von Greifswald solidarisch. Die Initiative habe daraufhin zügig versucht, „diese Spendenwelle zu steuern“, indem etwa gezielt für Transporte gesammelt wurde. „Das ging total gut, die Greifswalder:innen haben superschnell viel zusammengetragen und sich bemüht, zu helfen.“

Spenden auf „verhältnismäßig niedrigem Niveau“

Die Spendenbereitschaft für Geflüchtete geht jedoch zurück. Es bleiben immer weniger Leute dran, die „Bedarfsliste zu schmälern“, so Greifswald solidarisch gegenüber KATAPULT MV. Diesen Eindruck haben nicht nur die Ehrenamtlichen in Greifswald. Auch Rostock hilft kann diese Erfahrung bestätigen. „Das merken wir schon allein an der Zahl der täglichen Anrufe und Mails, in denen es um Sach- und Geldspenden geht“, erzählt Julius von der Initiative. Seit Mitte/Ende März hätten sich die Spenden bei ihnen „auf einem verhältnismäßig niedrigem Niveau eingependelt“. Mit Blick auf die Sammelstelle in der Nikolaikirche schätzt er, dass mittlerweile statt wie zu Beginn drei Lastwagen mit Sachspenden pro Woche „nur noch maximal ein Lastwagen“ an Spenden zusammenkommt.

Bedarf an Hygieneprodukten, Medikamenten und Lebensmitteln besonders hoch

Dabei ist die Nachfrage nach Spenden auch weiterhin vorhanden – und hoch. So werden in Rostock einerseits dringend „Hygieneprodukte, Medikamente und haltbare Lebensmittel für den Transport in die Ukraine“ benötigt. Andererseits sei aber auch die Nachfrage vor Ort nach Hygieneprodukten, Medikamenten, Schulsachen, Koffern und Rucksäcken hoch. Rostock hilft weist zudem darauf hin, dass die Tafeln „einen sehr stark gestiegenen Bedarf an Lebensmitteln“ verzeichnen. Bei Greifswald solidarisch sind ebenfalls Hygieneprodukte und Lebensmittel „sehr stark nachgefragt“. Damit alle etwas bekommen können, rationiert die Initiative bei der Ausgabe.

Nach Einschätzung der Rostocker Ehrenamtlichen ist der Grund für den Rückgang der Spenden, „dass die wenigsten Menschen in der Lage sind, regelmäßig größere Sach- oder Geldspenden abzugeben“. In Greifswald haben die Aktiven aber auch „das Gefühl, dass es mehr Leute gibt, die auf eigene Faust loslegen“. Zum Beispiel einen Kuchenbasar initiieren und den Erlös dann an die Initiative spenden, oder selbst eine Sammlung von Lebensmitteln oder Hygieneartikeln organisieren und diese dann in der Spendenhalle vorbeibringen. Bestenfalls sollten sich die Leute wegen der gesammelten Dinge aber mit den Hilfsinitiativen absprechen. Das habe bisher auch schon super geklappt, erzählt Greifswald solidarisch-Mitglied Saskia. Über den aktuellen Bedarf informieren sowohl Greifswald solidarisch als auch Rostock hilft online.

Weniger Hilfs- und Unterkunftsangebote registriert

Dass die Spendenbereitschaft zurückgeht, zeigt sich nicht nur an weniger Geld- und Sachspenden. Auch bei anderen Angeboten zeichnet sich dieser Trend ab. So wird nach Angaben von Rostock hilft zum einen weniger ehrenamtliche Hilfe – zum Beispiel Unterstützung bei Behördengängen oder Sprachvermittlung – und zum anderen weniger Wohnraum angeboten.

Über die Website der Hilfsorganisation können sich über verschiedene Onlineformulare Ehrenamtliche registrieren, aber auch Unterkünfte eingetragen werden. Die Formulare erfassen automatisch die Neueintragungen. Während in der Woche vom 27. Februar bis 5. März 419 Hilfsangebote geschaltet wurden, war es in der vergangenen Woche lediglich eins. Seitdem kam auch keines mehr hinzu. Ähnliche Zahlen bei den Unterkunftsregistrierungen: Waren es in der ersten Woche noch 398 Neueinträge, wurden in der vergangenen Woche vier neu eingetragen. Seitdem kam lediglich noch eins dazu.

„Platt und komplett überarbeitet“

In Greifswald reißt die Hilfsbereitschaft von Privatpersonen dagegen nicht ab. So berichtet Saskia von Greifswald solidarisch, dass es für die Spendenhalle in Greifswald „jetzt einen richtigen Schichtplan und fünf bis acht Leute pro Schicht in bisher sechs Schichten in der Woche“ gebe. Zu jeder Schicht komme mindestens eine neue Person dazu, die eingearbeitet werden könnte. „Das ist schon krass.“ Darüber hinaus seien auch Menschen, die hinter Firmen stehen, sehr engagiert. Und die Zusammenarbeit mit der Verwaltung klappe mittlerweile auch gut. Trotz all dieser Unterstützung sei aber das Kernteam dennoch „platt und komplett überarbeitet“. Gerade die Aufgaben, die nicht sichtbar seien, die im Hintergrund ablaufen – etwa die Kommunikation mit Freiwilligen, die Organisation, Transporte, Strukturen und Gruppen zu bilden –, könnten nur schlecht einzeln delegiert werden. Kraft und Zeit für diese Arbeit müssten außerdem neben der eigentlichen Arbeit, dem eigenen Leben aufgebracht werden. Auch das mache es schwieriger.

Mehr staatliche Initiative gefordert

Für die ehrenamtlich Engagierten bei Rostock hilft ist das Ziel, die nach Deutschland Geflüchteten so schnell wie möglich von Spenden unabhängig zu machen. Dahingehend sei zu begrüßen, dass die Menschen bereits vereinfachten Zugang zu staatlichen Leistungen, Bildung und dem Wohn- und Arbeitsmarkt hätten. Die Leistungen müssten aber noch deutlich schneller fließen und aus Sicht der Initiative auch noch höher ausfallen. Denn wenn die bereits in Deutschland Lebenden weniger bis gar keine Spenden mehr benötigen, bleibe mehr, um es etwa in die Ukraine selbst zu transportieren.

Rostock hilft wirft zudem eine generelle Frage auf. Was sollten „nichtstaatliche Initiativen überhaupt stemmen“? Keine private Initiative könne die benötigten grundlegenden Bedürfnisse wie Essen, Medizin oder Hygiene in der benötigten Menge allein für die Ukraine zufriedenstellend aufbringen. Da brauche es „mehr staatliche Initiative“.

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Fußnoten

  1. @hgwsolidarisch: Beitrag vom 22.3.2022, 11:38 Uhr, auf: twitter.com.

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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