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Kultur

Weltliteratur kommt aus Meck-Vorp

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Beginnen wir mit Frauenpower: Greifswald ist für das Ausnahmetalent Sibylla Schwarz (1621-1638) bekannt. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges begann sie im Alter von zehn Jahren, Gedichte zu verfassen. Neben Liebesgedichten schrieb Sibylla Schwarz unter anderem über den Greifswalder Bodden, an dem ihre Familie ein Landgut besaß. Sie starb bereits mit 17 an Ruhr und schrieb bis zuletzt an einem Gedicht.

Auch Georg Julius Leopold Engel wurde 1866 in Greifswald geboren. Zwei seiner Romane, Hann Klüth und Die Leute von Moorluke, spielen in und um Greifswald. Nachdem Engels Werke zu Beginn der NS-Zeit verbrannt wurden und sein Grabstein im Elisenhain umgestoßen wurde, weil er als „nicht arisch“ galt, kann heute der Grabstein wieder besichtigt werden. Hann Klüth wurde sogar ins Englische übersetzt. Er starb 1931 in Berlin.

Martha Müller Grählert (1876-1939) ist eine weitere Autorin aus Vorpommern. Sie wurde in Barth geboren und verbrachte ihre Jugend in Zingst. Später arbeitete sie als Hauslehrerin. Über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt wurde sie mit dem Gedicht Mine Heimat auf vorpommerschem Platt. Darin beschreibt sie die wunderschönen Ostseewellen.

Wilhelm Friedrich Ditzen, besser bekannt als Hans Fallada, wurde 1893 in Greifswald geboren. Einige seiner Bücher schrieb er auf Rügen. Er hat gelebt und gesündigt. Mehrere Male wurde Fallada verhaftet. Der Autor trank gerne mal einen über den Durst und musste dann öfter auf Entzug, auch wegen anderer Drogen. Vor allem aber schrieb er viele und bedeutende Erzählungen und Romane. Zu seinen bekanntesten Werken gehört Wer einmal aus dem Blechnapf frißt. Darin beschreibt er seine eigenen Erfahrungen im Gefängnis und wie sich der gesellschaftliche Aufstieg danach gestaltete. Hans Fallada starb 1947 an den Auswirkungen seines Morphinkonsums.

Ein mecklenburgischer Autor ist Fritz Reuter (1810-1874). Er wurde in Stavenhagen geboren und ist bekannt für seine Schriften in niederdeutscher Sprache. Reuter besuchte das Gymnasium in Parchim und eine Gelehrtenschule in Friedland. Später begann er an der Universität Rostock ein Jurastudium. Seine Prioritäten setzte er aber meist woanders und verbrachte lieber Zeit mit Stammtischgesprächen. Reuter arbeitete in Demzin als freiwilliger Mitarbeiter in der Landwirtschaft. In Altentreptow und Neubrandenburg schrieb er viele seiner bekanntesten Werke. Später wurden etliche im In- und Ausland verfilmt, zum Beispiel Dörchläuchting oder Kein Hüsung.

Für seine Werke auf Platt ist auch John Brinckman bekannt. Er wurde 1814 in Rostock geboren, wo sogar ein ganzer Stadtteil nach ihm benannt wurde. Nach dem Jura- und Philologiestudium ging er für eine Zeit nach Amerika und arbeitete in New York als Journalist. Anschließend kehrte er nach Meck-Vorp zurück – cooler Typ! In Güstrow arbeitete er als Haus- und Privatschullehrer und besaß später eine Privatschule. Brinkman thematisiert in seinen Romanen soziale Missstände aus der Welt der Seefahrer und Schiffsbauer in Meck-Vorp. Brinckmann starb 1870 und wurde in Güstrow beigesetzt.

Wolfgang Koeppen wurde 1905 in Greifswald geboren. Er hatte keinen Schulabschluss vorzuweisen und arbeitete zeitweilig als Glühlampentester oder Hilfskoch auf See. Er gab sich eher als Selfmade-Typ und besuchte unterschiedliche Vorlesungen – ohne sich jemals an einer Universität eingeschrieben zu haben. Berühmt ist er für seine drei Romane aus der Nachkriegszeit: Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom. Auch sonst ist Koeppen viel in der Welt herumgekommen. Er bereiste unter anderem Russland, die USA, Frankreich und Italien.

Der aus Schlesien stammende Gerhart Hauptmann (1862-1946) besuchte in den Sommermonaten häufig die Insel Hiddensee, wo er in seinem Sommerhaus zahlreiche Werke schrieb. Am liebsten arbeitete er im Gang zwischen Arbeitszimmer und Haupthaus, mal stehend, mal laufend. Sein berühmtes Theaterstück Die Weber sorgte in der Vergangenheit für Kritik von vielen Seiten. Nach der Uraufführung im Deutschen Theater kündigte Kaiser Wilhelm II. seine Logenplätze. Auf eigenen Wunsch wurde er nach seinem Tod auf Hiddensee beigesetzt. Das Gerhart-Hauptmann-Haus ist heute ein Museum und kann besichtigt werden.

Uwe Johnson machte mit seiner Familie eine gefühlte Weltreise durch Meck-Vorp. Mehrmals zogen sie um, einmal waren sie sogar auf der Flucht. Johnson wurde 1934 in Cammin geboren, wuchs in Anklam auf, flüchtete mit Mutter und Schwester nach Recknitz und zog später nach Güstrow. Anschließend studierte er Germanistik in Rostock.1984 starb Johnson in Sheerness-on-Sea in England.

Walter Kempowski (1929-2007), geboren in Rostock, hat ganz schön was mitgemacht. Ein paar Jahre nach Kriegsende wurde er wegen Wirtschaftsspionage verhaftet. Danach saß er im DDR-Umerziehungshaus Bautzen ein. Seine Geschichten waren geprägt von den Themen totalitäre Gewalt und Ideologie. Kempowskis Tagebücher wurden zur wichtigsten Quelle seiner Werke. 1994 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Hanse- und Universitätsstadt Rostock.

Ein weiterer Autor aus Meck-Vorp ist Hans Werner Richter. Er wurde 1908 in Bansin auf Usedom geboren. Vor seiner Arbeit als Schriftsteller absolvierte er in Swinemünde eine Buchhändlerlehre. Richter war politisch links orientiert. Nach Kriegsende gründete er die Gruppe 47 als einen Ort, an dem sich junge Schriftsteller:innen austauschen und gegenseitig kritisieren konnten. Viele seiner Werke basieren auf Geschichten aus seinem Leben. Richter schrieb auch viel über „einfache“ Menschen in Meck-Vorp, in seiner Heimat Usedom. Er starb 1933 in München.

Der auf Rügen geborene Ernst Moritz Arndt (1769-1860) ist wegen seiner nationalistischen und antisemitischen Äußerungen eine umstrittene Persönlichkeit. Die Universität Greifswald wurde 1933 von den Nationalsozialisten nach ihm benannt. 2018 legte sie den Namen wieder ab. In seinen politischen Schriften argumentierte er gegen die Leibeigenschaft, rief zum Aufruhr gegen Frankreich auf, schrieb über Demokratie und das Bildungswesen. Arndt verfasste auch zahlreiche Gedichte.

Karl Gottlieb Lappe war ein Dichter aus Meck-Vorp, der über alltägliche und politische Ereignisse schrieb. Dabei erwähnte er häufig seine Heimat Pommern. Lappes Gedichte wurden von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert und Robert Schumann vertont. Er wurde 1773 in Wusterhusen geboren, ging in Wolgast zur Schule und studierte anschließend an der Greifswalder Universität. Karl Lappe starb 1843 in Stralsund.

Brigitte Reimann (1933-1973) war eine ostdeutsche Schriftstellerin. Eine Zeitlang lebte sie in Neubrandenburg und schrieb dort ihren Roman Franziska Linkerhand. In ihm thematisiert sie die Liebesgeschichte einer jungen Architektin, aber auch viele Schieflagen und Notsituationen in der DDR. Bekannt ist sie auch für den Briefwechsel mit ihrem Bruder, der aus der DDR in die Bundesrepublik flüchtete. Reimann durfte in der DDR viel reisen, unter anderen nach Sibirien und Prag. Sie gewann zahlreiche Auszeichnungen und schrieb sowohl Hör- als auch Fernsehspiele.

Max Dreyer wurde 1862 in Rostock geboren. Er studierte, arbeitete später als Lehrer und wurde dann Redakteur der „Täglichen Rundschau“ in Berlin. In Göhren auf Rügen ließ er sich ein Haus bauen, das er „Drachenhaus“ nannte. Dreyer gehörte den 88 Schriftstellern an, die Hitler treue Gefolgschaft schworen. Mensch Max! Jetzt hast du deinen Titel „Dichter der Ostsee” echt versaut.

Standorte von Literaturhäusern und Museen in Meck-Vorp

Gerhart-Hauptmann-Sommerhaus
Ernst-Moritz-Arndt-Museum
Koeppenhaus Greifswald
Hans-Werner-Richter-Haus
Kempowski-Archiv
Brigitte-Reimann-Literaturhaus
Max-Dreyer-Stube
Literaturhaus Uwe Johnson
Fritz-Reuter-Literaturmuseum
Hans-Fallada-Museum

Nun an alle Fans der meck-vorpschen Literatur: Haben wir Blindfüchse noch jemanden vergessen? Ihr könnt uns per E-Mail gerne noch Schriftsteller:innen schicken, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in Meck-Vorp und über seine Grenzen hinaus gewirkt haben: redaktion@katapult-mv.de. Betreff: „Blindfüchse“

Über aktuelle Weltliteratur aus Meck-Vorp wird es bald noch einen extra Beitrag geben.

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