Zum Inhalt springen

Internationale Kunstausstellung

Werkschau „Push & Pull“ auf Schloss Plüschow

Von

Artikel teilen

Zusammen mit der Kunsthistorikerin Christina May kuratieren Miro Zahra und Udo Rathke vom Künstlerhaus Plüschow eine umfangreiche und vielfältige Werkschau. Diese läuft unter dem Titel „Push & Pull – Territorien zwischen Land und Meer“. Zu den Push-Effekten zählen die Organisator:innen der Ausstellung beispielsweise Flucht, Vertreibung und wirtschaftliche Not. Pull-Effekte stellen sich ein, wenn Regionen ein Leben in physischer und wirtschaftlicher Sicherheit versprechen. Sie hätten schon lange eine Ausstellung machen wollen, die sich damit beschäftigt, „was Menschen widerfährt, wenn sich durch äußere Einflüsse Territorien verändern“, so die Künstlerin Miro Zahra.

Mit Drucken und Cartoons wird Vergangenes hochaktuell

Weit in die Geschichte der DDR zurück reichen die Bilder des Fotografen Rolf Schroeter. Seine Digitaldrucke zeigen verfallendes Interieur von Militärgebäuden auf der Halbinsel Wustrow. In Zusammenarbeit mit Günther Uecker hat Schroeter die in der Ausstellung gezeigten Wustrower Tafeln geschaffen. Uecker übermalte dabei die von Schroeter geschaffenen Fotografien, bearbeitete sie mit Nägeln. Für Uecker sind so Reflexionen seiner eigenen, persönlichen Kriegserlebnisse entstanden. Stellen die Bilder Schroeters ursprünglich den Verfall und die Rückgewinnung eines Territoriums durch die Natur dar, so drängen sich durch ihre „Zerstörung“ Assoziationen zu Nagelbomben und zur aktuellen Zerstörung in der Ukraine auf, finden die Kurator:innen.

Die aus dem ukrainischen Dnipro stammende Lada Nakonechna lebt und arbeitet normalerweise in der Hauptstadt Kyjiw. Durch Ausstellungen in ihrer Heimat, aber auch beispielsweise in Trondheim (Norwegen), Wien oder Leipzig ist die Künstlerin in der europäischen Kunstszene bekannt geworden. Zeichnungen, Fotografien, Installationen und Performances gehören zu ihrem künstlerischen Repertoire. Zudem ist sie Mitherausgeberin der digitalen Zeitschrift für Literatur, Kunst und Politik Prostory

Sie beteiligt sich mit zwei Drucken an der Ausstellung auf Plüschow. Auf beiden sind die Territorien der international nicht anerkannten Autonomiegebiete der „Volksrepublik Donezk“ zu sehen, die durch Nakonechna farblich von den Gebieten der ukrainischen Oblast abgetrennt wurden. Aus Sicht des Kurator:innenteams wird so in einer unverfänglich anmutenden Landschaft der brutale Krieg um die umkämpften Gebiete im Osten der Ukraine thematisiert.

Mit der klaren Botschaft „Stop Putin“ hat der rumänische Cartoonist und Schriftsteller Dan Perjovschi vor Kurzem auf der documenta fifteen ausgestellt. Im Künstlerhaus Plüschow dienen ihm nun Zeitungsartikel als Hintergrund für seine mit wenigen Strichen gezeichneten Cartoons. So versieht er etwa einen Spiegel-Beitrag mit dem Titel Russlands Himmel mit Wölkchen, aus denen zu Boden fallende Panzer werden.

Flucht als wiederkehrendes Motiv

Ausstellungsstück von Manaf Halbouni (Foto: Peter Scherrer)

Mit einem voll bepackten Autodach als Aktion gegen die Pegida-Märsche in Dresden hat der in Damaskus geborene Künstler Manaf Halbouni bereits 2015 auf sich aufmerksam gemacht. In der Plüschower Ausstellung finden sich nun auch die alten Koffer, die auf die vielen Flüchtenden aus Osteuropa hinweisen sollen, erzählt Miro Zahra. Ein altes Fahrrad und die aus Dederon gearbeiteten Haushaltsschürzen dagegen auf die DDR-Vergangenheit.

Die deutsch-kroatische Künstlerin Ruzica Zajec wurde im kroatischen Osijek geboren. Sie studierte Grafikdesign in Sarajevo und verließ im Februar 1991 kurz vor dem Ausbruch der Kriege im ehemaligen Jugoslawien ihre Heimat. Das von ihr ausgestellte Foto, im Kaarzer Holz unweit von Sternberg (Landkreis Ludwigslust-Parchim) aufgenommen, trägt den Titel Unsichtbarer Feind. Das schwarzweiße Waldfoto soll durch starken Kontrast und ein mittels Laser-Wasserwaage improvisiertes Fadenkreuz die Bedrohung des eigenen Raumes vermitteln, erklärt Zajec. „Bei dieser für mich untypischen Arbeit ging es mir darum, darzustellen, dass man eine latente Bedrohung durch einen Feind spürt, den es vielleicht aber auch gar nicht gibt.“

Ein weiteres ihrer Ausstellungsstücke ist eine mit dem Schriftzug „Episode“ versehene weiße Flagge. Vor dem Hintergrund neuer ethnischer Spannungen gerade in Bosnien-Herzegowina kann dies von den Ausstellungsbesucher:innen als ein bedrückend aktueller Hinweis interpretiert werden, so die Organisator:innen. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine habe sie veranlasst, erstmals bei ihrer künstlerischen Arbeit in einem politischen Kontext zu arbeiten, so die Künstlerin.

Der Wunsch nach dem eigenen Raum

Einen deutlich anderen Zugang zum Thema der Ausstellung hat die in Basel geborene Künstlerin Santhe Hauser gewählt. Sie schaffe mit ihren rosafarbenen Vorhängen zwischen drei Linden im Garten des Künstlerhauses einen eigenen, geschützten Raum, erklärt Hauser, die seit mehr als fünfzehn Jahren regelmäßig auf Schloss Plüschow arbeitet. Sie wolle den Besucher:innen so die Möglichkeit geben, sich, durch eine Art „rosarote Brille“ schauend, eine eigene Wirklichkeit zu schaffen, ohne der Realität gänzlich entrückt zu sein, erzählt sie.

Dialog inklusive

Die drei Kurator:innen legen Wert auf die Vermittlung der ausgestellten Kunst. Deshalb werden für die Ausstellung drei geführte thematische Rundgänge mit Mitgliedern des Kurator:innenteams und einigen der Künstler:innen entlang der ausgestellten Werke angeboten. Auch eine Lesung am 6. August um 15 Uhr zum Thema „Raumverschiebung – Territorien der Migration“ ist Teil des Ausstellungsprogramms.

Ihrem Anspruch, mit der Ausstellung politisch, kultur- und kunstinteressierte Menschen anzusprechen, wollen die Organisator:innen auch mit der Gestaltung der Eintrittskarte gerecht werden. Diese gibt es als Faltblatt im A4-Format. Eingefügt sind dort Erläuterungen zu den Ausstellungsstücken. Ganz bewusst sei die Ausstellung auf einen intensiven und aspektreichen Dialog über eine Welt in Bewegung angelegt, so die Kurator:innen.

Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Kunsthaus Plüschow bei Grevesmühlen geöffnet.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 5.442 Abonnent:innen

192,7 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Autor:innen

haut als freier Journalist in Schwerin für KATAPULT MV in die Tasten. Manchmal knipst er auch.

Neueste Artikel

Forstrock-Festival zum 15. Mal in Jamel

Am 12. und 13. August heißt es wieder „Jamel rockt den Förster“. In diesem Jahr soll das Festival sogar etwas größer werden als bisher. Erstmals dürfen die Initiator:innen Birgit und Horst Lohmeyer in ihrem weitläufigen Garten bis zu 3.500 Gäste empfangen. Und auch eine zweite Bühne für lokale Acts wird es geben. KATAPULT MV hat mit Birgit Lohmeyer über das Festival und die Situation im Dorf gesprochen.

Wem gehört Jamel?

Heute ist der Ort Jamel bei Wismar überregional als „Nazidorf“ bekannt. Das kommt nicht von ungefähr. In mindestens sechs der zehn Häuser leben Neonazis. Die Immobilien wurden seit den frühen 2000er-Jahren von Szeneangehörigen offenbar gezielt aufgekauft.

Spirit Captain Johann

Johann van der Linden spielt im Greifswalder Verein „Griffins Lehre“ Ultimate Frisbee. Gerade nimmt er mit der deutschen U17 an der Europameisterschaft in Breslau teil.