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Schweriner Zigarrenhandlung

Ein Stück Stadtgeschichte ohne Zukunft?

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Kommerziell traf Preussler die richtige Entscheidung, denn die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts waren eine Blütezeit des Paffens und Qualmens. Der blaue Dunst war so beliebt, dass im Zentrum Schwerins in der Weimarer Zeit drei Zigarrenfabrikanten und 73 Zigarrenhandlungen existierten. Nach Otto Preusslers Tod führten seine Frau und Tochter, später dann die Enkeltochter das Geschäft weiter.

Die Schmuckfassade des Geschäfts mit stereotypen Darstellungen von 1927. (Foto: Peter Scherrer)

Der Rauchwarenladen wurde auch in der DDR als Privatgeschäft geführt, aber die Familienmitglieder mussten sich als Kommissionshändler der staatlichen Handelsorganisation (HO) anschließen. Seit 1992 ist der Schweriner Matthias Fischer mit der Tabakwarenhandlung verbunden, erst als Angestellter und seit 2004 als Eigentümer.

Westware im Wolga über Land gefahren

Fischer arbeitete als Schlosser in der Schweriner Molkerei. Ihm war schnell klar, dass die subventionierte Produktion in der Molkerei nach der Wende keine Zukunft haben konnte. Deshalb sah er sich nach dem Ende der DDR schnell nach einem neuen Job um. „Und wenn ich als einer der Ersten auf dem Arbeitsmarkt bin, bekomme ich auch einen Job“, dachte sich Fischer. „Ich machte mein Hobby zum Beruf und weil ich schon damals viel und gern geraucht habe, habe ich mich als Außendienstmitarbeiter für den Schweriner Tabakhandel beworben“, beschreibt der leidenschaftliche Pfeifenraucher seine Berufswahl.

Ausgestattet mit einer Warenliste der Handelsorganistaion für die Konsumläden belieferte er anfangs noch mit seinem privaten Wolga die kleinen Geschäfte im Schweriner Umland. „Die waren froh, dass sie Westware bekamen. Und die ersten Geschäfte habe ich noch in DDR-Mark abgewickelt“ meint der Rauchwarenexperte rückblickend. Das Geschäft sei am Anfang schwierig gewesen, habe aber viel Spaß gemacht.

Gesünder rauchen?

Aufgrund der Kampagnen gegen das Rauchen und der deutlichen Preiserhöhungen in der Vergangenheit haben viele Leute aufgehört zu rauchen. Fischer meint, der Versuch, mit abschreckenden Bildern auf Zigarettenschachteln zum Verzicht auf das Rauchen zu bewegen, habe nicht gewirkt. Es sei eher eine allgemeine Tendenz zu einer gesünderen Lebensführung, die zu stetig geringerem Tabakkonsum führe.

Für sich selbst ist sich der Experte für blauen Dunst sicher, dass Tabak, als Genussmittel verwendet, der Gesundheit förderlich sei. „Wenn ich mich am Sonntagnachmittag mit einer Zigarre und einem Glas Rotwein hinsetze, den Stress der Woche hinter mir lasse, dann tut es der Seele und dem ganzen Menschen gut“, ist Fischer überzeugt.

Leidenschaft für Rauchwaren

Seine Rauchwarenhandlung war mal eine Goldgrube, „die ist sie aber schon lange nicht mehr“, so Fischer. Gegenwärtig ermöglichten die Einnahmen noch ein Auskommen, aber die guten Zeiten seien längst vorbei. Auch der später hinzugekommene Whiskyhandel und das Angebot von frischem Espresso und Cappuccino können den Konsumrückgang beim Tabak nicht ausgleichen.

Um den Laden weiterzuführen, braucht es eine gehörige Portion Leidenschaft. Urlaub sei beispielsweise nicht drin, weil eine Vertretung einzustellen fast unmöglich sei, sagt Matthias Fischer. Das Lager ist voller Ware, die der Chef nach einem sehr eigenen Ordnungssystem untergebracht hat. Eine Aushilfe, die ihn mal vertreten hatte, brauchte einige Monate, um sich zu orientieren. Manche Stammkunden wünschen spezielle Tabaksorten, die Fischer vorrätig hält. Da hat sich über die Jahre ein besonderes Verhältnis vom Händler zu den Kund:innen entwickelt.

Zukunft der Zigarrenhandlung Otto Preussler

Auch bei der Beratung ist durch viel Erfahrung angesammeltes Wissen die Grundlage für Kundenzufriedenheit. Beim Whisky beispielsweise müsse er schon wissen, wie torfig dieser oder jener schmecke.

Wird er nach der Zukunft der „Zigarrenhandlung Otto Preussler“ gefragt, wird Matthias Fischer nachdenklich. Er nähert sich dem Ruhestand und hofft, dass sich jemand mit Leidenschaft für Rauchwaren findet und das bekannte Geschäft weiterführt.

Tabakkultur in MV

Tabakgenuss hat in Mecklenburg-Vorpommern eine jahrhundertelange Tradition. Schon Herzog Christian Ludwig I. interessierte für das Naturprodukt und förderte den Tabakhandel. Der Landesherr erteilte dem Hamburger Kaufmann Abraham Hagen 1664 die Erlaubnis zum Handel mit Tabak.

Auch beim Tabakanbau in MV sorgte die politische Wende 1990 für eine grundsätzliche Neuausrichtung. In Sukow und Krakow am See endete der Tabakanbau im Jahr der deutschen Einheit. Vor 25 Jahren wurde in ganz MV lediglich auf drei Hektar Tabak angebaut. Der landwirtschaftliche Anbau der subtropischen Pflanze wurde sukzessive gänzlich eingestellt.

Tabaktradition in Schwerin

Die Verarbeitung von Tabakwaren hat in der heutigen Landeshauptstadt lange Tradition: 1946 wurde die Zigaretten- und Rauchtabakwarenfabrik „Unitas“ gegründet. Zwölf Jahre später deckte die Firma Unitas 35 Prozent des gesamten Rauchtabakbedarfs der DDR.

In Schwerin war der Betrieb für Rauchgenuss ein bedeutender Arbeitgeber, denn zeitweise beschäftigte Unitas etwa 260 Werktätige. Die Tabakarbeiter:innen verarbeiteten schon in den Fünfzigerjahren jährlich bis zu 900 Tonnen Rauchtabak.

Nach der Wende wurde der Schweriner Volkseigene Betrieb Unitas von der Firma Planta aus Berlin übernommen. Im September 2019 erwarb die dänische Mac Baren Tobacco Company die Planta-Tabakmanufaktur, die bis heute unter dem Markennamen „Unitas Rauchwaren“ unter anderem so bekannte Marken wie „Schwarzer Krauser“ vertreibt. Die Mac-Baren-Gruppe hat ihren Kunden mitgeteilt, dass sie im August den Vertrieb unter dem Markennamen Unitas einstellen wird. Damit endet ein weiteres Kapitel der Schweriner Tabakgeschichte.

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