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Musikschule „Greifmusic“

„Anfangs wurden wir belächelt“

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In einer alten Villa am Rand der Greifswalder Innenstadt hängt MVs größter Gong. Zumindest der fast größte, gibt Leiter Paul Bratfisch zu. Auf jeden Fall der größte in Greifswald. Im Rahmen der Festwoche zum zehnjährigen Bestehen seiner Musikschule will er meditative Musikangebote mit dem 270 Kilogramm schweren Instrument als neues Angebot etablieren. KATAPULT MV traf sich mit ihm vor dem Gong.

KATAPULT MV: Hast du dir deinen Künstlernamen selbst ausgesucht?

Paul Bratfisch: Mal wieder die Frage. Nein, das ist wirklich mein Familienname. Die Namen in meiner Familie sind sowieso lustig: Meine Tante hat von Bratfisch nach Krautwurst geheiratet und auf der anderen Seite meiner Familie heißt ein Teil Rauchhaus. Kein Witz.

Ist aber ein guter Türöffner. Deswegen nenne ich auch immer meinen vollständigen Namen, auch wenn wir uns untereinander alle duzen.

Zur Sache: Warum hängt in eurer Musikschule ein überdimensional großer Gong?

Den habe ich von meinem Mentor, Dr. Gerhard Tuschy aus Grunewald, dort habe ich gelernt. Er ist 86 Jahre alt und muss einfach auch ein bisschen kürzertreten. Mich hat er dann gefragt, ob ich ihn übernehmen kann. Eine sehr große Ehre.

Von wo kommt der Gong ursprünglich?

Von einem Berliner Künstler, der ursprünglich aus Java stammt. Er hat den Gong 2005 gebaut. Es gibt noch fünf Brüder oder Schwestern von diesem Gong, die alle unterschiedlich gestaltet sind. Normalerweise sind die ja glatt. Und der Künstler hat kalligrafische Symbole eingearbeitet. Das ist nicht nur ein Instrument, sondern auch ein Kunstwerk, quasi ein singendes, klingendes Kunstwerk. Das war auch die Idee dahinter – also die Kunst mit dem therapeutischen Aspekt zu kombinieren. Und hier bei uns in Greifswald hängt er jetzt seit Januar.

Wie hast du ihn von Berlin nach Greifswald transportiert?

Lustige Story: Ich habe einen Klaviertransporter in Berlin an einem unserer anderen Musikschulstandorte und da habe ich gefragt. Ich hatte vorher auch die Maße und Fotos geschickt, aber der Fahrer hat wohl mit einem kleineren Gong gerechnet. Sein Auto war einfach zu klein. Ich habe dann selber noch einen LKW organisiert und wir haben ihn mit einer kleinen Gruppe hierherbugsiert. Der wiegt 270 Kilo, so viel wie ein Klavier ungefähr.

Und ist das jetzt der größte Gong von MV? Was sagt das Klanghaus am See in Klein Jasedow dazu, die haben ja auch welche?

Dieser hier hat knapp zwei Meter Durchmesser und ja, das Klanghaus hat einen großen sogenannten Paister. Und das ist glaube ich der einzige und auch größte hier in MV, der aus einem Stück geschmiedet wurde. Unserer aus zwei Stücken. Letztendlich kommt es mir jetzt auch nicht so darauf an. Mit Klein Jasedow will ich auch gar nicht in Konkurrenz treten, wir waren oft da und ich bin auch inspiriert von denen. Und so kann man an beiden Orten Angebote damit machen. Dieser hier bei uns ist auf jeden Fall der größte Greifswalds. Und das definitiv.

Und du willst damit jetzt künftig auch Musiktherapie anbieten?

Grundsätzlich schon. Aber mir ist es wichtig, zwischen dem musiktherapeutischen Kontext und kleinen Gong-Sessions zu unterscheiden. Was ich hauptsächlich vorhabe, dient wirklich der Entspannung, so wie Yoga und Meditation. Das will ich jetzt auch auf der Festwoche in 20-Minuten-Sessions zeigen. Wir feiern ja gerade zehnjähriges Jubiläum und gleichzeitig auch die Eröffnung unserer Villa. Damit soll das Angebot der Gong-Sessions starten.


Ihr seid ja eigentlich eine Musikschule – warum jetzt so ein Angebot?

Wir machen ja auch DJ-Workshops oder Bandcamps. Wir sehen Musik also schon als weites Feld und wollen das noch weiter öffnen. Ich selber bin leidenschaftlicher Musiktherapeut und ich finde, Musik ist eigentlich immer Therapie. Aber „Therapie“ ist leider sehr negativ konnotiert. Dabei bräuchten eigentlich alle eine:n gute:n Therapeut:in. Einige Leute sagen, dass sie durch die Musik wieder zu sich selbst gefunden hätten. Und ob Klavier- oder Gesangsunterricht, Musik ist einfach ein hochsensibler Bereich. Daher ist der Gong für mich kein neues Thema, sondern eher eine Erweiterung.

Wir werden hier auch Konzerte damit machen. Gong und Klavier zum Beispiel passen super zusammen. Auch Violine und Gong kann ich mir sehr gut vorstellen.

Kann jeder Gong spielen?

Draufhauen kann jeder, ja. Aber man sollte es auch begleiten können, wenn bei Teilnehmer:innen Emotionen hochkommen.


Ihr seid ja eine der jüngsten Musikschulen in MV, macht aber viel mehr Angebote als klassische. Vergleichst du viel?

Nein, eigentlich nicht. Ich glaube aber, die Angebote sind genau der Punkt: Viele Musikschulen schauen gar nicht über den Tellerrand. Das ist zumindest unsere Erfahrung aus den letzten zehn Jahren. Auch, was die Songauswahl betrifft. Oder die Leistungsorientierung mit den ganzen Wettkämpfen und so. Die wenigsten unserer Kund:innen zum Beispiel wollen das später als Profis machen, sondern Spaß an der Freude haben.

Und ich glaube, die meisten Schulen machen ihren altbekannten Stiefel weiter und sind damit ja auch ausgebucht. Also warum sollten sie ihre Angebote ausbauen? Aber für mich ist es ein wichtiger Teil. Wir sind als Gitarrenmusikschule gestartet und es kam immer mehr dazu. Wer klassisch lernen will, wird sich sowieso an die klassischen Musikschulen wenden. Von daher finde ich, sind wir eher noch eine Bereicherung.

Sehen das die anderen auch so?

Anfangs wurden wir immer belächelt. Jetzt – glaube ich – sehen viele, dass wir gut aufgestellt sind, und wir haben mittlerweile ein Standing. Trotzdem ist auch ab und an Missgunst dabei – es gibt leider auch kein Netzwerk untereinander.

Habt ihr genug Lehrer:innen?

Besonders in Greifswald können wir noch welche gebrauchen. Etwa 20 Leute haben wir derzeit, aber wir haben eine hohe Fluktuation.

Ihr seid schon in Berlin, Hamburg, Köln und Kiel vertreten. Greifmusic als Name bleibt aber dann?!

Ja, es heißt dann nicht Bermusic oder Hammusic. Es bleibt der MV-Bezug, weil wir ein Start-up aus Greifswald sind und unseren Hauptsitz weiterhin hier haben. Aber wir wollen auch noch in weitere Städte. Jetzt steht München auf dem Plan.

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Fußnoten

  1. Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Neurologie und Psychiatrie sowie Psychoanalyse. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren auch mit sogenannten imaginativen Techniken und Klangtherapien.- Tuschy, Gerhard: Vorstellung, auf: dr-tuschy.de.

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

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