Zum Inhalt springen

Diskriminierung

Homosexueller Bundeswehrsoldat bei Blutspende abgewiesen

Von

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Artikel teilen

Ein Vorfall, der für Roman Olbricht und seine Kameraden undenkbar schien: Der 22-jährige Soldat wollte am 18. November mit seinen Kameraden der Hagenower Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne zum ersten Mal Blut spenden. „Aufgrund meiner Homosexualität war ich bis zur Reform der Spenderichtlinie im September offiziell vom Blutspenden ausgeschlossen. Vorher habe ich mich natürlich über die Möglichkeit der Blutspende informiert. Vom Gesetz bis hin zur Richtlinie habe ich mir alles aufmerksam durchgelesen, sodass ich keine Bedenken hatte. Aus meiner Sicht erfüllte ich alles, was wichtig war, um nun gefahrlos Blut zu spenden“, erzählt Olbricht, der seit drei Jahren mit seinem Freund in einer festen Beziehung lebt und damit seit September auch offiziell als Spender infrage kommt – doch Blut spenden durfte er an diesem Tag nicht.

In der Bundeswehr ist es üblich, dass das DRK (Deutsche Rote Kreuz) regelmäßig in den Kasernen die Soldatinnen und Soldaten zur Blutspende aufruft. „Diesem Ruf folgen selbstverständlich viele meiner Kameraden und gehen somit regelmäßig spenden“, erzählt Roman Olbricht KATAPULT MV. „Diesem Aufruf wollte ich sehr gerne so wie meine Kameradinnen und Kameraden nachkommen, da mir gerade auch die Notsituation an Blutreserven in meiner Region bewusst ist. Bekannte aus dem medizinischen Bereich haben mir von der Knappheit berichtet. Ich dachte, ich muss und will in der Not helfen. Gerade in Zeiten der Pandemie war es mir besonders wichtig, für unsere Bürgerinnen und Bürger da zu sein“, sagt der Soldat.

„Die Fragen werde ich nie wieder vergessen“

Nachdem Olbricht mehrere Stunden mit seinen Kamerad:innen in der Schlange vor der Blutspende gewartet hatte, ging es los. Corona-Test negativ, Körpertemperatur und Eisenwerte in Ordnung. Weiter zu Station zwei. Befragungsbogen ausfüllen und Puls messen. Währenddessen führte die Ärztin mit ihm das Untersuchungsgespräch, „doch die Fragen, die dann kamen, werde ich nie wieder vergessen“, erzählt der junge Soldat. „Hatten Sie in den letzten zwölf Monaten Geschlechtsverkehr mit anderen Männern?“, „Hatten Sie jemals Geschlechtsverkehr mit dem gleichen Geschlecht?“ Die Ärztin habe sich die Fragen durchgelesen und wiederholt. Olbricht: „Ich beantwortete die Fragen mit: ‚Ja, ich hatte in den letzten zwölf Monaten Geschlechtsverkehr mit meinem Freund, mit dem ich fast drei Jahre zusammen bin‘“ – für die Medizinerin plötzlich ein klarer Ausschlussgrund. Auch nach mehrmaligem Hinweis von Olbricht auf die Neuerungen in der Blutspenderichtlinie, die ihm ein Spenden ermöglichen, wies ihn die Ärztin ab und sprach ihm eine Sperre von zwölf Monaten aus.

Aktualisierte Blutspenderichtlinie soll diskriminierungsfrei werden

Die im September 2021 reformierte Blutspenderichtlinie der Bundesärztekammer legt fest, unter welchen Bedingungen welche Personengruppen Blut spenden dürfen. Für die Überarbeitung der Richtlinie wurde der Arbeitskreis „Blut“ gebildet, mit Vertreter:innen des Paul-Ehrlich-Instituts, des Robert Koch-Instituts, der Bundesärztekammer und des Bundesgesundheitsministeriums. Sie wurde nach langen Diskussionen und Diskriminierungsvorwürfen angepasst und ist auch heute noch nicht frei von Kritik.

Neben neuen Formulierungen wird darin nun auch die Frist zur Zulassung einer Blutspende bei sogenanntem sexuellen Risikoverhalten von zwölf Monaten auf vier Monate verkürzt. Dazu zählen „heterosexuelle Personen mit häufig wechselnden Partnern“, Prostituierte, „transsexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ und „Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben“. Das bedeutet, dass seitdem auch homo- und bisexuelle Männer ohne Sperre spenden dürfen, ohne diskriminiert zu werden, wenn sie in einer monogamen Partnerschaft leben wie Olbricht.

Die Wortwahl „Risikoverhalten“ und „Risikogruppe“ sowie die gesonderte Nennung von trans* Personen stigmatisiere die betroffenen Gruppen jedoch weiterhin, kritisiert die Deutsche Aidshilfe, denn sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität seien zwei verschiedene Merkmale.

„Meine Einheit steht geschlossen hinter mir“

Dass ihm die Möglichkeit, Blut zu spenden, im November durch eine Ärztin des DRK MV verwehrt wurde, trifft Olbricht hart: „Ich als gestandener Soldat war noch nie einer so starken Diskriminierung ausgesetzt wie beim DRK MV. Ich bin absolut enttäuscht über so ein unprofessionelles Verhalten seitens der Ärztin“, erzählt der 22-Jährige. „Ich verstehe, dass man vorab Aussonderungen vornimmt, um damit beispielsweise Infektionen vorzubeugen. Aber in meinem Fall war das mehr als unangebracht, da keiner dieser vorgeworfenen Punkte auf mich zutraf.“ Auch nach der neuen Regelung treffe keiner der Ausschlussgründe auf Olbricht zu. „Viel schlimmer finde ich jedoch, dass ich Menschen mit meinem Blut nicht helfen oder gar Leben retten darf, da mich die Ärztin für zwölf Monate gesperrt hat.“

Nach dem Vorfall in der Kaserne habe er sich erst zurückgehalten, „aber es hat mich so stark beschäftigt, dass ich es bei meinen Kameraden und Vorgesetzten ansprechen musste“. Er sei nicht der erste Soldat, der unter diesen Voraussetzungen Blut spenden wollte, und es gebe schließlich noch weitere Betroffene, die sich nach so einem Vorfall nicht mehr trauen würden. „Darum musste ich es ansprechen. Alle sind völlig aus den Wolken gefallen, auch meine Vorgesetzten konnten das Verhalten des DRK nicht nachvollziehen.“ Dahingehend habe sich die Bundeswehr laut Olbricht sehr positiv verändert: „Ich bin froh, dass die Bundeswehr deutlich spürbar offener ist und alle Soldatinnen und Soldaten gleich behandelt. Meine Einheit steht auf alle Fälle hinter mir und unterstützt mich absolut.“

„Riesen Missverständnis“: DRK entschuldigt sich und verspricht aktualisierte Fragebögen

Auf Nachfrage von KATAPULT MV äußert sich der Pressesprecher des DRK-Blutspendedienstes in Mecklenburg-Vorpommern, Nico Feldmann, bestürzt über den Vorfall. „Grundsätzlich ist das, was da passiert ist, völlig entgegengesetzt zu dem, was wir beim Deutschen Roten Kreuz vertreten. Wir wollen auf keinen Fall irgendjemanden diskriminieren. Die Ärztin hat aus Unwissenheit die falsche Entscheidung getroffen.“ Der Soldat sei selbstverständlich „ganz normal zur Blutspende zugelassen“. Man habe mit der behandelnden Ärztin gesprochen und ein „riesen Missverständnis“ festgestellt. Das DRK bedauere dies und hofft, dass der Soldat in Zukunft wieder zur Blutspende kommt. Eine Sperre bekomme Olbricht nicht.

Zum Hintergrund erklärt Feldmann, die neue Richtlinie sei relativ kurzfristig umgesetzt worden und die Anpassung der Anamnesebögen sei aufgrund der Kurzfristigkeit nicht möglich gewesen. Mit Inkrafttreten der Änderungen für die Blutspende seien laut DRK MV auch die behandelnden Honorarärzte auf kurzem Wege über die Neuerungen informiert worden. „Dass dies bei dem Fall in der Kaserne Hagenow nicht ausreichend kommuniziert wurde, tut uns aufrichtig leid“, so Feldmann. „Dabei sind wir froh, dass uns die Neuregelung mehr Spielraum für die Spenden gibt.“ Man habe außerdem bei einer Ärztetagung des DRK MV am 20. November alle behandelnden Honorarärzte des Blutspendedienstes über das Thema und die Änderungen informiert. Ab 2022 sollen dann auch die aktualisierten Spenderfragebögen im Land verfügbar sein, um weiteren Missverständnissen vorzubeugen, so Feldmann.

Roman Olbricht ist indessen erleichtert: „Nach diesem Fehler aus Unwissenheit mit anschließender Entschuldigung werde ich selbstverständlich weiterhin versuchen, anderen zu helfen. Trotz dieses unangenehmen Vorfalls,“ sagt Olbricht und will damit auch anderen homosexuellen Soldaten Mut machen, ihr Blut zu spenden. „Da muss man sich erst mal hineinversetzen: Irgendwo sitzt jemand und braucht dringend deine Blutgruppe.“

Weiterlesen: Diskriminierung bei der Blutspende – Jeder Tropfen zählt, auf: katapult-magazin.de

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Fußnoten

  1. Bundesärztekammer (Hg.): Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten, auf: bundesaerztekammer.de (24.09.2021)
  2. Lesben- und Schwulenverband (Hg.): Keine Aufhebung der Diskriminierung durch neue Richtlinie vom Herbst 2021, auf: lsvd.de (24.09.2021)
  3. Deutsches Ärzteblatt (Hg.): Blutspende unabhängig von der sexuellen Orientierung, auf: bundesaerztekammer.de (24.09.2021)
  4. Deutsche Aidshilfe (Hg.): Diskriminierung von schwulen und bisexuellen Männern bei der Blutspende, auf: aidshilfe.de (24.09.2021)

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Neueste Artikel

Petitionen zum Verwechseln: Für - Gegen die Umbenennung in Mehmet-Turgut-Weg. Von: Vorsitzender Migrantenrat Rostock - Anwohnerin Neudierkower Weg; Grund: Erinnerung an Mehmet Turgut - bürokratischer Aufwand; Argumente: Zeichen gegen Rassismus, Betroffene achten, positive Erinnerungskultur - Zweifel an Wirksamkeit, Verwaltungsaufwand, Kosten; Startdatum: 26. Februar 2022 - 14. März 2022; Unterschriften: 1.041 - 56.

22.02.2024

„Mehmet-Turgut-Weg“ weiterhin gefordert

20 Jahre Jahre nach dem Mord ist eine zentrale Forderung der Familie Turgut noch immer nicht erfüllt. Seit zwölf Jahren weigert sich Rostock, die Straße, in der Mehmet Turgut vom rechtsterroristischen NSU ermordet wurde, nach ihm zu benennen. Damit bleibt der ausdrückliche Wunsch seiner Familie seit 20 Jahren unerfüllt.
Karte von Rostock. Gedenkwochenende zum 20. Todestag von Mehmet Turgut. Freitag, 23. Februar, 18 Uhr, Peter-Weiss-Haus: Podiumsdiskussion zum NSU in MV, SAmstag, 24. Februar, 15 Uhr, Doberaner Platz: Demonstration, Sonntag, 25. Februar, 14 Uhr, Neudierkower Weg: Gedenken an Mehmet Turgut

21.02.2024

Gedenkwochenende für Mehmet Turgut

Am 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut in Rostock vom rechtsterroristischen NSU ermordet. Anlässlich seines 20. Todestages sind verschiedene Veranstaltungen geplant. Erst vergangenes Wochenende wurde eine Mehmet-Turgut-Gedenktour von der Polizei gestoppt.
Deutschlandkarte. Vom NSU Ermordete: Rostock: Mehmet Turgut, Hamburg: Süleyman Tasköprü, Dortmund: Mehmet Kubasik, Kassel: Halit Yozgat, Nürnberg: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Ismail Yasar, Heilbronn: Michele Kiesewetter, München: Habil Kilic, Theodoros Boulgarides

20.02.2024

Der Mord an Mehmet Turgut – 20 Jahre danach

Am 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut von dem rechtsextremen Terrornetzwerk NSU in Rostock ermordet. Er wäre heute 44 Jahre alt. Noch immer kämpfen Angehörige und Initiativen um die Aufklärung des Mordes und für eine würdige Erinnerungskultur in der Stadt.