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Partyszene nach Corona

Clubsterben in MV

Von und

Lesedauer: ca. 5 Minuten

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Blick nach Greifswald: Für die Straze, dem Kultur- und Initiativenhaus, war es besonders bitter: Erst im Herbst 2020 hatten sie geöffnet– inmitten der Corona-Pandemie – „am Ende der ersten Lockerungsphase der Gegenmaßnahmen“, erzählt eine Sprecherin. Vorher,  noch während das Kulturhaus gebaut wurde, habe es Veranstaltungen gegeben, die sehr gut besucht gewesen seien. Doch an die erfolgreiche Publikumszahlen konnte die Straze nach der Pandemie nicht mehr anknüpfen,  die Mitglieder beobachten noch immer eine generelle Zurückhaltung ihrer Gäste. 

Es war keineswegs so, dass die Gäste total wild darauf waren, wieder zu Veranstaltungen zu kommen, vielmehr war es ein langwieriger Etablierungsprozess. Als müssten sich die Menschen erstmal wieder daran gewöhnen, Zeit gemeinsam mit vielen anderen Gästen zu verbringen.
Kultur- und Initiativenhaus Straze, Greifswald

Aber die gesunkenen Gästezahlen seien gar nicht das größte Problem, sondern die ausbleibenden neuen Mitglieder. In der Straze würden derzeit alle Initiativen neue Leute suchen. „Wir beobachten an vielen Stellen, dass Veranstaltungen heruntergefahren, schlanker und unaufwändiger geplant werden, um sicherzustellen, dass die nötige People Power zur Verfügung steht“, so die Straze. 

Viele Studierende, die während der Pandemie in die Stadt gezogen sind, würden die einstige Bandbreite an Veranstaltungen gar nicht mehr kennen – von Festivals bis zur Fête de la Musique. 

Block 17: der letzte Club Wismars

Auch der Studentenclub Block 17 in Wismar hält MVs Kultur- und Clubszene für gefährdet. Derzeit ist er in der Hansestadt der einzige Club, „vor 10 Jahren waren es noch drei, vor 15 Jahren fünf“, heißt es von einem Sprecher. Solange diese Sparte nicht als Kultur akzeptiert wird, sehe er eine reale Gefahr für die Branche. 

Und auch in Wismar bleiben die Besuchszahlen geringer als noch vor ein paar Jahren. Viele Leute würden nur noch ausgewählte Veranstaltungen besuchen. Hinzu komme, dass die neue Generation „immer mehr ‘Spektakel’ erwartet“. 

Zahlentechnisch haben wir ähnlich viele Besucher wie vor Corona, allerdings sind alle nicht mehr so feierwillig wie beispielsweise letztes Jahr. Die Besucherzahlen sind rückläufig.
Studentenclub Block 17, Wismar

Neue Beschränkungen erwarten die Mitglieder erst einmal nicht. „Der Drops ist gelutscht und die Politik wird sich hüten, da was zu machen. Das Verständnis in der Bevölkerung wäre minimal.“

Hohe Nebenkosten belasten das M.A.U. in Rostock

Etwas anders sieht es im M.A.U. Club in Rostock aus: Hier sei die Auslastung mittlerweile wieder auf Vor-Corona-Niveau, heißt es von Geschäftsführer Hannes Schade. Aber auch bei ihnen habe es gut ein Jahr gedauert, bis wieder ein Normalzustand erreicht wurde: „Viele haben noch Masken im Club getragen und versucht, die Abstände einzuhalten.“

Besonders herausfordernd sei die Zeit nach der Pandemie wegen eines Überangebots an Veranstaltungen gewesen: „Weil das ganze Business wieder Fahrt aufnahm, verschobene Shows nachgeholt wurden, aber gleichzeitig auch neue Shows dazu kamen“. Mittlerweile sei das wieder abgeebbt. Geblieben seien aber die stark angestiegenen Veranstaltungsnebenkosten wie beispielsweise für Catering, Hotel oder Technikmiete. Mit der Inflation seien alle Veranstalter:innen daher gezwungen worden, die Ticketpreise moderat anzuheben, so Schade.

Das größte Problem ist das ‚Sterben‘ der Räumlichkeiten von soziokulturellen Zentren und Clubs durch Privatisierung und Verkauf.
Zabrik e.V./ M.A.U. Club, Rostock

Die gesamte „Vielfalt an Kulturhäusern jeglicher Art“ in MV sei so unter starkem Druck. Gerade in den ländlichen Regionen, wie Rügen und Vorpommern, sei die Lage dramatisch, meint Schade.

La Grange in Bergen fühlt sich von Investor bedroht

Auf Rügen organisiert beispielsweise der gemeinnützige Kunst- und Kulturverein La Grange aus Bergen auf Rügen regelmäßig Veranstaltungen wie Konzerte und Tanzveranstaltungen. Die Mitglieder beobachten ebenfalls eine geringere Auslastung als vor der Pandemie, insbesondere bei Live-Musik-Events. Auch wenn mit neuen Formaten und alternativen Angeboten immer mal wieder neue Gäste kämen, wie der Open Stage oder dem Queer-Festival.

Das Fernbleiben früherer Gäste stimmt uns natürlich nachdenklich und keiner von uns möchte erneut einen Lockdown. Aber stärker als Covid beschäftigen uns derzeit andere Themen, wie zum Beispiel die Stärke der AfD in der Bergener Stadtvertretung, die unseren Kunst- und Kulturverein als Feindbild auserkoren hat, der barrierefreie Ausbau unseres Vereinsgeländes oder die Bedrohung durch einen bayrischen Investor.
Kunst- und Kulturverein La Grange, Bergen auf Rügen

Ihre größte Herausforderung aber sei derzeit der Umbau ihrer Flächen. Denn während der Coronapandemie sei ein Großteil ihres Geländes von einem Investoren aufgekauft worden. Nach der Umgestaltung soll ein Fokus auf einer verstärkten Ausrichtung der Jugendförderung und Vernetzung mit anderen Kultureinrichtungen auf der Insel liegen. 

Grundsätzlich sieht der Verein besonders da einen Schlüssel: „Kleineren Vereinen in der Peripherie, die vor allem aus ehrenamtlichen Helfern mit 40-Stunden-Woche bestehen, fehlt oftmals die Zeit.“ Es bräuchte mehr konkrete Projekte und Kooperationen mit anderen Initiativen. Für eine Stärkung der Kulturszene könne nach Meinung des Vereins ein einheitlicher Veranstaltungskalender für ganz MV sein, den es bisher nicht gibt. 

Möglicherweise werde dann auch ein vielfältiges Publikum erreicht. 

Transparenzhinweis vom 23.10.2023: Wir haben die Karte mit einer Auswahl der letzten Tanzlokale noch einmal aktualisiert. In der ersten Version wurden zwei Clubs dargestellt, die bereits geschlossen wurden.

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Fußnoten

  1. E-Mail von der Pressestelle der STRAZE vom 4.10.2023.
  2. E-Mail von Hannes Schade vom 11.10.2023.
  3. E-Mail von der Pressestelle von La Grange vom 19.10.2023.

Autor:innen

Großgeworden und ausgebildet im Norden Vorpommerns. Seit 2021 bei KATAPULT, seit 2023 bei MV. Zuständig für Logistik, Werbekram und Wortwitze.

Redaktionsleitung bei KATAPULT MV.

Ist in Greifswald geboren, hat in Augsburg studiert und zog für den Lokaljournalismus wieder zurück nach Meck-Vorp.

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