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Jugend- und Kulturzentrum

Demokratiebahnhof bald ohne Bahnhof?

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Lesedauer: ca. 8 Minuten

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Sie selbst hätten es aus der Zeitung erfahren, erzählt Klara Fries Mitte Dezember: Noch im Januar droht ein kurzfristiger Auszug ihres Jugend- und Kulturzentrums aus dem bisherigen Standort. Schon seit Monaten gebe es laut der stellvertretenden Vorsitzenden des Trägervereins Gespräche mit der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft Anklam (GWA), der Eigentümerin des Bahnhofsgebäudes, und der zuständigen Architektin über den Zustand des Bahnhofs, die nötigen baulichen Maßnahmen und ob der Verein vorübergehend andere Räume braucht. „Dass der Auszug aber nun schon vor konkreten Plänen veröffentlicht wird, war bisher nicht abgesprochen“, kritisiert Fries.

In einem Artikel des Nordkuriers vom 16.12.2023 war zu lesen, dass das Bauamt des Landkreises Vorpommern-Greifswald wegen erheblicher Mängel am Gebäude eine Nutzung nicht weiter zulassen könne. Vor allem gehe es um den Zustand der Elektroanlagen und den Brandschutz: „Dies seien Sanierungsmaßnahmen, die zwar schon lange angemahnt, von dem Demokratiebahnhof als Mieter aber allein aufgrund des finanziellen Volumens nicht geleistet werden konnten“, wird Beatrix Wittmann-Stifft, Mitglied der GWA-Geschäftsführung der und stellvertretende Anklamer Bürgermeisterin, zitiert.

Diese Mängel sind laut Verein jedoch seit Jahren bekannt und erste Schritte zu ihrer Behebung bereits unternommen worden. Die vom Bauamt geforderten Maßnahmen würden sich immer auf das gesamte Gebäude beziehen, daher sei eine Umsetzung nicht so leicht. Allerdings ist diese auch nicht Sache der Mieter, sondern ist Aufgabe der Eigentümerin – der GWA.

Das Projekt hat seit seiner Gründung jedoch auch selbst einiges investiert: Aus Fördermitteln, Crowdfunding und Preisgeldern sind bereits knapp 160.000 Euro zusammengekommen und genutzt worden, um zum Beispiel die Heizungsanlage zu überarbeiten und die Fenster zu erneuern. „In diesem Jahr haben wir die Elektrik im Erdgeschoss erneuert und eine Brandschutztür eingezogen“, berichtet Fries.

Die offene Fahrradwerkstatt im Nebengebäude ist eines der neuesten Angebote des Demokratiebahnhofs.

Bisher noch kein konkretes Auszugsdatum

Bislang wurde der Demokratiebahnhof von GWA und Bauamt regelmäßig einbezogen, seit Mai gibt es monatliche Treffen. Nicht zuletzt, weil Wohnungsgesellschaft und Verein im vergangenen Jahr gemeinsam ein Konzept zur umfassenden Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes erstellt haben. „Bisher hat die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert“, betont Fries, „gemeinsam haben wir schon einiges erreichen können.“

Zuletzt sei in der Kommunikation nach Auslastung und Nutzung der Räume gefragt worden. Thematisiert wurde zwar eine mögliche Nutzungsuntersagung ab Mitte Januar. Jedoch ohne konkretes Auszugsdatum. In einem Antwortschreiben von Anfang Dezember richtet der Verein Fragen an die GWA, die bis zu Redaktionsschluss vom Unternehmen unbeantwortet blieben, darunter: „Sollte die Nutzungsuntersagung zu Mitte Januar schriftlich ausgesprochen werden: Wie lange hätten wir Zeit, um die Räumlichkeiten zu beräumen?“ Aus dem Artikel im Nordkurier erfuhren sie daraufhin erstmals öffentlich von einer möglichen Frist bis Ende Januar – was bei den Engagierten große Unsicherheit auslöste.

Landkreis nennt falschen Mieter

Mehr Informationen habe der Verein bislang nicht. Ein Schreiben vom Bauamt lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor. Eine Nachfrage von KATAPULT MV beim zuständigen Landkreis ergab aber eine für den Verein erneut irritierende Rückmeldung. Darin heißt es, dass „die derzeitige Nutzung des Bahnhofsgebäudes durch den Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern e.V. baurechtlich nicht legitimiert ist“. Darauf sei schon vor Längerem hingewiesen worden. „In Folge dessen hat der Verein zugesichert, das Bahnhofsgebäude bis Jahresende zu verlassen.“ Dem Verein ist diese Aussage neu. Für den Demokratiebahnhof wirft die Antwort nur noch mehr Fragen auf: Zum einen ist der Pfadfinderbund seit der Gründung des Bahnhofsvereins 2022 gar nicht mehr Mieter des Gebäudes. Zum anderen habe die GWA von der Baubehörde eine Zusicherung bis Mitte Januar bekommen. Und schriftlich sei bisher an keiner Stelle etwas eingegangen, so Fries.

Auch die GWA antwortete auf Nachfrage, dass es derzeit noch Gespräche mit der Bauordnungsbehörde und der Stadt Anklam gebe, „um eine Lösung des Problems herbeizuführen“. Die GWA betont, hinter dem Jugend- und Kulturprojekt zu stehen: „Derzeit prüfen wir, ob und welche Ausweichobjekte infrage kommen, denn wir möchten dem Projekt gerne eine weitere Perspektive in Anklam ermöglichen.“

In ihrem Schreiben an das Wohnungsunternehmen baten die Vereinsmitglieder um eine gründliche Abwägung. Die Gefahr, dass Vandalismus und Einbrüche in einem leerstehenden Bahnhofsgebäude wieder zunehmen würden, sei groß. Schon eine Teilnutzung würde dieses Risiko senken. Immerhin zeige das Projekt nicht nur, wie man ein leerstehendes bedeutsames Gebäude wiederbeleben, sondern auch einen Teil der jugendpolitischen und kulturellen Bildungsarbeit in Vorpommern voranbringen kann.

Zeichen gegen Leerstand und für Demokratie

Der Demokratiebahnhof feiert in diesem Jahr offiziell sein zehnjähriges Bestehen. Schon 2013 zog das Projekt – damals noch unter der Leitung des Pfadfinderbundes – in die bis dahin leerstehenden Räume ein. In den ersten Jahren gab es dafür Förderungen und Auszeichnungen von Stadt, Land und sogar vom Bund. Auf der anderen Seite aber haben die Mitglieder und Teilnehmer:innen damals wie heute mit Gegner:innen von rechts zu kämpfen: Vandalismus, sogar Brandstiftung, Einschüchterungsversuche und offener Widerstand gegen das Projekt. Vor den Landtagswahlen 2016 luden Campino, der Sänger der Toten Hosen, die Punkband Feine Sahne Fischfilet und Rapper Marteria zu einem Solidaritätskonzert auf den Bahnhofsvorplatz ein. Danach hätten die Einschüchterungsversuche noch einmal enorm zugenommen, so Fries. Mit der Corona-Pandemie seien sie vorerst abgeflacht.

Heute sei der Druck von rechts kleiner. Schmierereien oder eingeschlagene Scheiben gibt es aber nach wie vor, erzählten die Mitarbeitenden schon beim Besuch von KATAPULT MV im letzten Frühjahr. Umso wichtiger sei es, vor Ort zu bleiben, sagt Klara Fries. „Was wäre das auch für die Stadt Anklam für ein Zeichen, wenn ein bundesweit bekanntes Jugendprojekt seine Räumlichkeiten verliert?“

Der Verein organisiert regelmäßig Veranstaltungen in dem Gebäude – seit Jahren auch mit städtischen Partner:innen, wie der Caritas, dem Otto-Lilienthal-Gymnasium oder der Kleeblattschule. Hinzu kommen Kooperationen, wie mit dem ASB Gesundbrunnen und dem ASB-Jugendtreff Ducherow. Auch ihre Partnerorganisationen hätten die Neuigkeiten aus der Zeitung erfahren, erzählt Fries. Kurz darauf kamen erste Nachfragen, wie es nun weitergehe. Besonders die Jugendlichen habe die Nachricht verunsichert, „für manche ist der Demokratiebahnhof wie ein zweites Wohnzimmer“.

Viele Personen, die mit dem Zug nach Anklam kommen, freuen sich über einen nicht leerstehenden Bahnhof, heißt es von den Mitarbeitenden des Projektes.

Wohnung in einem anderen Stadtteil ist keine Option

Daher wollen sie alles dafür tun, in den Räumen bleiben zu können. Aus Sicht des Vereins könnten weniger Räume genutzt werden, die die geforderten Standards in Brandschutz und Elektrik erfüllen, wie es im Erdgeschoss der Fall sei. Auch der in diesem Jahr fertiggestellte Anbau – das ehemalige Schaffnerhäuschen – würde die Bedingungen erfüllen. „Wichtig ist aber, dass wir im Bahnhof bleiben.“

Andere Möglichkeiten sehen sie nicht: So habe der Vorstand des Vereins bereits mit anderen Trägern im Viertel rund um den Bahnhof gesprochen. Jedoch gebe es auch dort derzeit keine passenden Kapazitäten. Die GWA hatte dem Verein zuvor eine Wohnung in der Südstadt angeboten. „Das kommt für uns leider überhaupt nicht infrage“, erklärt Fries. Es sei ein ganz anderes Viertel, das für viele Jugendliche zum einen viel weiter entfernt sei als der jetzige Standort. Zum anderen sei die Wohnung von der Größe nicht geeignet und bisherige Angebote könnten dann nicht fortgesetzt werden. „Lieber wenige Bereiche am bisherigen Ort als nichts“, schließt Fries.

Fraglich ist auch, warum Kiosk und Fahrkartenverkauf mit weitaus älterer Elektrik weiter im Gebäude bleiben können. Auf Nachfrage sei dem Verein „Bestandsschutz“ als Begründung genannt worden.

Nach jahrelangen Kämpfen geht es wieder um die Existenz

Es vergehe keine Woche ohne irgendein Problem – entweder wegen Vandalismus oder baulichen Fragen. Für dieses Jahr sind auch die langjährigen Anschubfinanzierungen ausgelaufen (KATAPULT MV berichtete in Ausgabe 20). Neue Förderungszusagen stehen noch aus. Schon im Frühjahr sagte Fries: „Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo wir uns als Standort etabliert haben. Aber eben auch immer noch kämpfen müssen, zu bleiben.“
Damals zeigte sich auch Beatrix Wittmann-Stifft optimistisch: Sobald das Gebäude umfassend saniert sei, „sollten auch die letzten ‚negativen Stimmen‘ komplett vom Demokratiebahnhof überzeugt sein“.

Und so betont Fries schließlich die Wichtigkeit der nächsten Wochen: Von der anstehenden Entscheidung von Bauamt, Stadt und GWA über eine tatsächliche Nutzungssperre mit all ihren Konsequenzen hängt die Existenz des gesamten Projekts ab.

(Alle Fotos: Patrick Hinz)

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 27 von KATAPULT MV.

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Fußnoten

  1. Telefonat am 18.12.2023.
  2. Maas, Annemarie: Jugendprojekt muss raus aus dem Anklamer Bahnhof, auf: nordkurier.de (16.12.2023).
  3. Antwortschreiben des Vereins an die GWA liegt der Redaktion vor.
  4. E-Mail der Pressestelle der Landkreises Vorpommern-Greifswald vom 20.12.2023.
  5. E-Mail von der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft Anklam vom 20.12.2023.
  6. Demokratiebahnhof (Hg.): Was ist der Demokratiebahnhof?, auf: demokratiebahnhof.de / Bundesinstitut für Stadt-, Bau- und Raumforschung (Hg.): Modellvorhaben: Demokratiebahnhof Anklam, auf: bbsr.bund.de.
  7. Lehn, Johanna: Demokratiebahnhof Anklam: Mit Mitbestimmung gegen Nazis, auf: vorwaerts.de (17.10.2018).
  8. E-Mail von Beatrix Wittmann-Stifft vom 11.5.2023.

Autor:innen

Redaktionsleitung bei KATAPULT MV.

Ist in Greifswald geboren, hat in Augsburg studiert und zog für den Lokaljournalismus wieder zurück nach Meck-Vorp.

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