Nach Brandanschlag auf alternatives Wohnprojekt Bagehl: Über 400 Rostocker:innen demonstrieren gegen rechte Gewalt
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Rechte Gewalt

Demonstration nach Brandanschlag auf Bagehl in Rostock

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Gestern mobilisierten Bewohner:innen und Unterstützer:innen des selbstverwalteten Hauses am Bagehl zu einer Demonstration gegen rechte Gewalt in Rostock. Am vergangenen Wochenende wurde ein schwerer Brandanschlag auf das alternative Wohnprojekt in der Rostocker Altstadt verübt. Die Täter:innen sind bisher unbekannt. Betroffene und Unterstützer:innen gehen von einer politisch motivierten Tat aus. 

Mehr als 400 Menschen zeigten sich solidarisch mit den Betroffenen des Brandanschlags und zogen am Montagabend als Demonstrationszug durch die Rostocker Altstadt. Vom angegriffenen Wohnhaus am Bagehl verlief die Route durch die östliche Altstadt zum Neuen Markt und über die Krämerstraße hinauf zum Alten Markt, wo eine Kundgebung stattfand. Die Demonstration endete nach weniger als zwei Stunden wieder vor dem Wohnprojekt am Bagehl und verlief friedlich. Die Teilnehmenden der Demonstration bekundeten einerseits ihre Solidarität mit dem Wohnprojekt, andererseits wurde das wiederkehrende Problem rechter Gewalt thematisiert.

Kein Einzelfall

Auf der Kundgebung am Alten Markt sprach unter anderem Anne Geisler für den Verein Soziale Bildung und das Peter Weiss Haus. In ihrem Redebeitrag betonte sie, dass es sich bei dem Brandanschlag nicht um einen Einzelfall handeln und eine derartige Tat zur „Tradition rechter Einschüchterung“ gehören würde. Das alternative Wohnprojekt am Bagehl, in dem Menschen sicher und sichtbar sein können, müsse als Freiraum geschützt werden, so Geisler.


Die Teilnehmenden der Demonstration wie auch die Bewohner:innen des Bagehl sehen klare Zusammenhänge zu vergangenen Brandanschlägen, die sich gegen alternative Räume in Rostock richteten. Die Bagehl-Bewohner:innen verwiesen in ihrem Redebeitrag beispielsweise auf den Brandanschlag von vor einem Jahr auf das B Sieben und das Anfang Oktober in Brand gesetzte Nachbarschaftsregal der Frieda23

Über 400 Menschen nahmen an der kurzfristigen Demonstration teil.
Über 400 Menschen nahmen an der kurzfristigen Demonstration teil.
Die Demonstrierenden bei der Kundgebung am Alten Markt positionierten sich gegen rechte Gewalt.
Teilnehmende der Demonstration bei der Kundgebung am Alten Markt.

Willkür und Unterstützung

Zwei der Bewohner:innen des Bagehl, Mücke und Kater,1 schilderten im Gespräch mit KATAPULT MV, wie der Brand in der Nacht zum Samstag alle im Schlaf überrascht hatte. Das Feuer hatte sich vor dem Haus auf die Fassade und das Kellerfenster ausgebreitet. Schließlich sei das Feuer in die Kellerräume gelangt. Die starke Rauchentwicklung breitete sich schnell durch das ganze Haus aus, die Bewohner:innen versuchten noch vergeblich, das Feuer zu löschen. Bereits eine Woche zuvor, zur selben Zeit, wurden die Mülltonnen vor dem Haus in Brand gesetzt. Mit dem Brandanschlag wurde bewusst und billigend in Kauf genommen, dass Menschen ums Leben kommen, betont Mücke, die seit fünf Jahren im alternativen Wohnprojekt lebt, das auch als Kulturraum genutzt wird. 

Die dokumentierten Auswirkungen des Brandanschlags auf das Wohnprojekt. Fotos: Privat
Dokumentierte Auswirkungen des Brandanschlags auf das Wohnprojekt. Fotos: Privat

Mücke räumt ein, dass sich in den vergangenen Jahren oftmals Frust gegen das Wohnprojekt aufgebaut habe – Beschwerden gingen über den ehemaligen Vermieter ins Leere und wurden nicht weitergeleitet. Die Bewohner:innen des Bagehl seien, insbesondere gegenüber der Nachbarschaft, sehr offen für Austausch und Kritik und wollen auf jeglichen Frust reagieren. Bei Gewalt höre die Dialogbereitschaft jedoch auf, so die Hausbewohnerin. 

Im Keller des Hauses befand sich ein Proberaum, der durch die Schadstoffe nicht mehr betretbar ist. Der Sachschaden werde noch geprüft, belaufe sich aber auf mehrere tausend Euro, wofür das Bagehl derzeit Spenden sammelt. Von der vielen Unterstützung bisher seien sie alle überwältigt, erzählt Kater zum Abschluss der Demo.

  1. Aus Gründen des Personenschutzes wurde auf die Klarnamen verzichtet. ↩︎

Autor:in

  • Redakteur in Rostock

    An der Küste MVs aufgewachsen und wieder angekommen; feiert Wind- und Wetterfeste, wie sie fallen. Dazwischen Anthropologe und Kulturaktivist.

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