KATAPULT MV: „Jugend spricht“ möchte der migrantischen Jugend in MV eine Stimme geben – wie genau macht ihr das und warum braucht es einen Migrantischen Jugendverband?
Hümeyra Acet: Wir machen das ganz praktisch: über Empowerment-Trainings, über Social Media, über Veranstaltungen und über die Vernetzung mit anderen Initiativen wie Zusammen Bewegen. Es geht uns darum, Räume zu schaffen, in denen junge migrantische Menschen nicht die Ausnahme sind, sondern die Normalität. Migrant:innen sollen sich nicht erklären oder rechtfertigen müssen, sondern einfach sie selbst sein können.
Einen eigenen Verband braucht es, weil migrantische Jugendliche in den bestehenden Strukturen oft mitgedacht, aber selten mitentscheidend sind. Es gibt viele, die über uns sprechen, aber viel zu wenige Orte, an denen wir selbst sprechen. Genau darum geht es. Wir wollen nicht mehr nur vorkommen, wenn andere über Integration reden, sondern wir wollen unsere eigene Geschichte selbst schreiben.
KATAPULT MV: Welche Bedeutung hat die Landtagswahl für junge migrantische Menschen?
Hümeyra Acet: Die Wahl am 20. September betrifft uns ganz direkt. Bei Fragen wie Sicherheit, Bleiberecht, Förderung von migrantischer Selbstorganisation und Jugendarbeit, aber auch ganz grundsätzlich die Frage, ob wir hier willkommen sind oder nicht. Wahlergebnisse übersetzen sich für uns nicht abstrakt in Prozentzahlen, sondern sehr konkret in den Alltag: ob wir uns auf der Straße sicher fühlen, ob unsere Vereine noch gefördert werden, ob Politik uns als Teil dieses Landes sieht oder nicht.
Deshalb ist auch unsere Veranstaltung „Wir sind da. Keine Angst vor Morgen!“ genau einen Tag vor der Wahl in Rostock. Das ist ein bewusstes Zeichen, um uns sichtbar zu machen. Denn gerade jetzt wollen wir zeigen, dass wir uns von Angst und Verunsicherung nicht die Zukunft diktieren lassen, egal wie die Wahl ausgeht.
KATAPULT MV: Werden die Interessen junger migrantischer Menschen ausreichend in MVs Politik vertreten?
Hümeyra Acet: Nein, leider nicht ausreichend. Migrantische Perspektiven werden in MV oft erst dann einbezogen, wenn es um Integrationsprojekte oder Diversity-Veranstaltungen geht, aber selten, wenn es um die großen Linien der Landespolitik geht wie Bildung, Wohnen, Sicherheit, Wirtschaft. Junge migrantische Menschen sitzen kaum in Parlamenten, Ausschüssen oder Verwaltungsspitzen.
Was wir uns wünschen ist, dass migrantische Selbstorganisationen wie unsere langfristig und verlässlich gefördert werden, statt von Jahr zu Jahr um Projektgelder bangen zu müssen. Dass Politik uns nicht nur anhört, sondern uns tatsächlich einbindet, wenn Entscheidungen getroffen werden, die uns betreffen. Und dass Menschen in politischen Ämtern klar und unmissverständlich gegen Rassismus Stellung beziehen, nicht nur in Sonntagsreden, sondern im konkreten Handeln.

