Der Klassenraum ist laut und voll mit Jugendlichen. Ich bin leise und wiederhole in Gedanken immer wieder meine vorbereitete Erklärung. Es ist der 17. September und wir stecken mitten in der ersten Schülerwahl, die die Greenhouse School in Graal-Müritz je hatte. Seit 1999 gibt es in Deutschland die Juniorwahlen, die bundesweit durchgeführt werden. So auch in MV. Doch da wir an unserer Schule bisher noch keine Erfahrung mit einer Juniorwahl hatten, ist diese ganz klar eine große Verantwortung und eine Herausforderung für alle Beteiligten.
Was sind die Juniorwahlen?
Die Juniorwahl ist ein Konzept, bei dem Lernende der Klassen 7 bis 12 zeitgleich mit der echten Landtags-, Bundestags- oder Europawahl eine Wahlsimulation an ihrer eigenen Schule veranstalten und ausrichten. Hinter der Juniorwahl steht der gemeinnützige und überparteiliche Verein Kumulus aus Berlin. Er organisiert das Projekt seit 1999, um die politische Bildung und das Demokratieverständnis von Jugendlichen zu stärken.1
Jugendliche sollen sich auf diese Weise trotz ihres Alters mit politischen Themen vertraut machen und politische Entscheidungen treffen können. Dabei helfen die simulierten Wahlen den Schulkindern, ein Verständnis für Politik zu entwickeln und sich eine eigene Meinung zu wichtigen Themen zu bilden. Vor allem an Haupt- und Realschulen ist mehreren Begleitstudien zur Folge das Wissen über Politik sehr gestiegen. Außerdem hat sich durch die Juniorwahl die Wahlbeteiligung bei den Erstwählenden um 9,2 Prozent erhöht, wurde das Vertrauen in das deutsche Wahlsystem gestärkt und Jugendlichen mit Migrationshintergrund geholfen, dieses besser zu verstehen.2
An meiner Schule haben wir kurz vor der regulären Landtagswahl mit den Vorbereitungen der Juniorwahlen begonnen. Gleich zu Beginn haben wir die Aufgaben verteilt: Wir haben eine Wahlleitung gewählt und Verantwortliche für die Organisation der Teilnehmerlisten sowie eine Aufsicht für die Durchführung der Wahl bestimmt.
Mein Job war es, meinen Schulkameradinnen3 den Wahlzettel zu erklären: „Ihr dürft nur zwei Kreuze setzen. Solltet ihr etwas anderes auf den Zettel schreiben oder malen, wird eure Stimme ungültig“, sagte ich x-mal an dem Tag. Dabei musste ich besonders darauf achten, keine Partei oder Person in den Vordergrund zu stellen, damit ich die Entscheidung meiner Mitschülerinnen nicht versehentlich beeinflusse. Darauf hat natürlich auch das restliche Team genauestens geachtet, ebenso unsere Lehrerinnen. Im Unterricht müssen die Lehrkräfte dafür Sorge tragen, dass sie den Jugendlichen nicht ihre eigene politische Meinung aufdrängen. Dabei müssen sie sich an den Beutelsbacher Konsens halten, in dem Leitlinien für die politische Bildung in der Bundesrepublik festgelegt wurden:
- Kein Zwang: Lehrkräfte dürfen Schülerinnen keine eigene politische Meinung aufdrängen (Überwältigungsverbot)
- Vielfalt zeigen: Was in der Gesellschaft umstritten ist, muss auch im Unterricht umstritten bleiben (Kontroversitätsgebot)
- Haltung zeigen: Bei den Grundrechten gibt es keine Neutralität – Lehrkräfte müssen die demokratische Verfassung aktiv verteidigen.
- Ziel: Lernende sollen sachlich informiert werden, um sich eine eigene, unabhängige Meinung bilden zu können.
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Eine Schülerwahl ist sehr aufwendig. Die Lehrkräfte haben schon Wochen vor der Wahl im Unterricht das Thema behandelt. So hat sich unser Sozialkundelehrer für jede Klasse zwei Unterrichtsstunden genommen, um sie auf die Juniorwahl vorzubereiten. Die Jugendlichen konnten in den Klassen diskutieren und verschiedene politische Meinungen kennenlernen. Dies ist besonders deswegen wichtig, weil Kinder und Jugendliche meist durch ihr Umfeld nur eine bestimmte politische Richtung kennen.
Nachdem alle ihre Aufgaben bekommen hatten, mussten wir dann natürlich auch Werbung für unsere Wahl machen. Auch hier achteten wir wieder genau darauf, dass keine Partei oder Person im Vordergrund steht, wenn wir Poster oder Plakate erstellen. Dann mussten wir nur noch warten, bis es endlich so weit war.
Wie treffen Jugendliche ihre Wahlentscheidung?
Ich erinnere mich noch gut daran, dass ein Freund und ich online zusammen die Fragen vom Wahl-O-Mat beantwortet haben. Wir wollten unsere politischen Einstellungen vergleichen. Der Wahl-O-Mat ist ein digitaler Fragebogen, bei dem man herausfindet, welche Partei am besten zu einem passt. Eine gute Methode, wenn man sich mit den Parteien noch nicht so gut auskennt, finde ich. Dabei haben wir 38 Thesen entweder zugestimmt oder widersprochen. Hatten wir keine klare Meinung, konnten wir „neutral“ oder „These überspringen“ auswählen. Das Schwierige dabei war, uns auf eine Antwort zu einigen, wobei wir sehr oft unterschiedlicher Meinung waren.
Ich habe auch noch ein paar Klassenkameraden gefragt. Sie haben mir erklärt, dass sie ebenfalls online den Wahl-O-Mat gemacht haben.
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Einfluss Sozialer Medien
Mir ist auch aufgefallen, dass sich viele aus meiner Schule über Sozialen Medien informieren. So hat mir zum Beispiel ein Schüler der 9. Klasse verraten, dass er sich auf Tiktok über verschiedene Parteien schlau macht. Doch sind Soziale Medien nicht immer eine verlässliche Informationsquelle, da sie Situationen überdramatisieren und aus dem Kontext gerissen darstellen können.
Gute Informationsangebote hingegen sind nicht werblich, sachlich, prüfen ihre Fakten und nennen ihre Quellen. Glaubhafte Informationen kommen von Fachleuten, offiziellen Seiten oder vertrauenswürdigen journalistischen Medien.4
Der Tag der Wahl
Eine Juniorwahl läuft genauso ab wie eine richtige Wahl, damit alle Teilnehmenden das komplette Wahl-Erlebnis nachempfinden können. Einziger Unterschied: Am Wahltag selbst hatten wir gerade einmal zwei Schulstunden Zeit. Daher mussten wir durch perfekte Organisation glänzen. So begannen wir zuerst, die Wahlkabinen aufzubauen, die Stimmzettel und die Wahllisten bereitzustellen.
Als dann die erste von zehn Klassen zum Wählen kam, steckten die anderen vom Organisationsteam und ich schon mitten in der Arbeit. Die Klassen wurden von einem Schüler aus ihrem Klassenraum abgeholt und zu den zwei Räumen gebracht, die wir extra für die Wahl vorbereitet hatten – einen zum Erklären der Abläufe, den anderen zum Kreuze setzen. Die höheren Klassen machten den Anfang. Deshalb musste ich am Anfang nicht so viel erklären. Immerhin wissen die meisten aus den 12. und 11. Klassen, wie eine Wahl abläuft. Denn in Mecklenburg-Vorpommern darf schon ab 16 gewählt werden.
Ganz anders war es dagegen bei den jüngeren Schülerinnen der Klassen 7 bis 9. Hier musste ich mehr erklären, zum Beispiel, dass es eine Erst- und Zweitstimme gibt, welche Parteien gewählt werden können und wie die Wahl ablaufen wird. „Wenn ihr in den Raum kommt, geht ihr gleich zum Tisch und tragt euch in eine Liste ein“, war ein oft gesagter Satz von mir.
Angespannt schaute ich auf die Uhr. Die erste Stunde war schon fast rum und es fehlten immer noch zwei Klassen. Doch die zweite Stunde mussten wir dafür nutzen, die Wahlzettel auszuwerten.
Als dann endlich alle Klassen gewählt und auch wir unser Kreuz gesetzt hatten, wurde ich wieder etwas entspannter. Jetzt ging’s ans Zählen: Bei der Stimmenauszählung haben unser Lehrer und unsere Wahlleitung darauf aufgepasst, dass jede Stimme korrekt gezählt wurde. Dafür haben wir eine Menschenkette gebildet und den Zettel von Person zu Person weitergereicht. So haben immer mehrere Augen auf den Wahlzettel geschaut, bevor der Strich in die Liste gesetzt wurde. Das haben wir doppelt gemacht, damit uns auf keinen Fall ein Fehler unterläuft.
Wie jede Schule haben wir dann unsere Ergebnisse an den Verein Kumulus weitergeleitet, der die Ergebnisse für jedes Bundesland ausgewertet und veröffentlicht hat.5
Welche Auswirkungen haben die Juniorwahlen?
Die Juniorwahlen führen dazu, dass sich Jugendliche mit Politik beschäftigen und bei ihren ersten echten Wahlen tatsächlich eher wählen gehen. Darüber hinaus hat das Angebot auch Auswirkungen auf Erwachsene. Denn auch die Eltern von Kindern, die an Juniorwahlen teilgenommen haben, weisen eine erhöhte Wahlbeteiligung auf, die in manchen Regionen um bis zu neun Prozentpunkte gestiegen ist.6
Und auch für die Politik sind die Ergebnisse der Jugendwahlen wertvoll. Denn immerhin kann man so ziemlich gut einschätzen, wie die neue Generation Politik wahrnimmt. Parteien sehen so die Haltung der jungen Zielgruppe und ob sie möglicherweise etwas an ihrer Strategie ändern müssen. Aber auch für die gesamte Gesellschaft ist es wichtig zu verstehen, wie die junge Generation auf die Politik blickt, denn schließlich werden die jetzigen Jugendlichen und Kinder die Zukunft prägen.

Finn Kolbe aus der 9a sagt: „Ich finde die Juniorwahlen gut, würde mir jedoch wünschen, dass man das Ergebnis mehr mit den Schülern bespricht und auswertet.“ Und ein anderer Schüler meinte zu mir: „Die Juniorwahlen sind echt toll. Mir wäre es nur wichtig, dass die Lehrer das Thema vor der Wahl noch stärker behandeln.“
Dennoch bleibt die Juniorwahl eine Simulation, bei der viele Jugendliche zwar gehört werden, sie aber trotzdem keinen unmittelbaren Einfluss auf das politische Geschehen haben.
Was meint ihr, sollten Kinder und Jugendliche sich mehr in Politik einbringen können?
Transparenzhinweis: In einer ersten Version des Artikels war der Anteil der gewählten sonstigen Parteien falsch dargestellt. Wir haben beide Grafiken korrigiert.

Mehr zu den Landtagswahlen wie den Kleinparteien im Check: Themenseite Landtagswahlen 2026
- Kumulus e.V. (Hg.): Juniorwahl. Deutschlands größtes Schulprojekt; auf: kumulus.de. ↩︎
- Kumulus e.V. (Hg.): Evaluation, auf: juniorwahl.de. ↩︎
- Die Autorin benutzt das generische Femininum. ↩︎
- Universität Greifswald (Hg.): Seriöse vs. unseriöse Quellen, auf: uni-greifswald.de. ↩︎
- umulus e.V. (Hg.): Endergebnis Juniorwahl 2026, auf: juniorwahl.de. ↩︎
- Kumulus e.V. (Hg.): Evaluation, auf: juniorwahl.de. ↩︎

