Zum Inhalt springen

Innovation in der Medizin

Die Rückkehr der Heilpflanzen

Von

Sonnentau in den Händen einer findigen Biologin (Foto: Philipp Schroeder)

Artikel teilen

Westlich von Schwerin, im Biosphärenreservat Schaalsee, gibt es in MV eine kleine Fläche, für die man Schneeschuhe braucht, um sie zu betreten. So weich ist das Moos, so zart die kleinen Pflänzchen darauf. 20 Zentimeter groß. Auf ihren dünnen Hälsen Köpfchen mit roten Haaren, an denen Wassertropfen das Sonnenlicht brechen. Jenny Schulz, promovierte Biologin, bewirtschaftet das Areal. Per Hand erntet sie die Gewächse: den Sonnentau. Aus der Heilpflanze stellt sie einen Extrakt her. Seit dem Mittelalter ist der Sonnentau für seine beruhigende Wirkung auf das Nervensystem bekannt. Heute wirkt Schulz’ Arbeit wie aus der Zeit gefallen. Doch ist der Anbau von Heilpflanzen in Mecklenburg-Vorpommern zeitgemäßer denn je. Gerade in unseren Tagen hat altes Wissen wieder seinen Reiz.

Sonnentau als Geschäftsidee

Heilerinnen von heute führen Unternehmen. Das von Jenny Schulz heißt PaludiMed, hat seinen Sitz in Greifswald und verkauft Kräuterbonbons aus Sonnentauextrakt. Die promovierte Biologin würde den Extrakt gern auch in pharmazeutisch anerkannten Produkten einsetzen. Doch die Pharmabranche sei schwierig, erklärt sie, der Weg in die Apotheken zwar nicht unmöglich, aber lang.

Sie wurde in der Natur groß, erzählt Schulz. Ihr Vater, Forstmann und Jäger, nahm sie als kleines Mädchen oft mit in den Wald. Rückblickend sagt sie: „Ich hatte schon als Kind eine Verbindung zu diesen Sachen.“ Ein Biologiestudium lag nah. In ihrem Hauptfach Moorkunde und Naturschutz traf Schulz in Greifswald auf Michael Succow, Professor für Landschaftsökologie, der seine Studierenden auf Exkursionen ins Moor mitnahm. „Das fand ich faszinierend, weil es ist so schön grün ist mit Bommeln ringsum, da ist man irgendwie hin und weg.“ Jenny Schulz’ Stimme wird weich, wenn sie von der Natur im Moor erzählt, den Gräsern, den Moosen, den Tieren, „da ist auf jedem Meter ein Frosch im Graben, da schwimmt die Ringelnatter“.

Dem Studium folgten: eine Promotion in Moorkunde, eine Anstellung in einem Greifswalder Torfmoosprojekt, die Bekanntschaft mit Balazs Baranyai, der als ungarischer Doktorand Sonnentau erforschte. Die beiden Moorliebhaber:innen überlegten: Könnte man nicht auf Torfmoosen Sonnentau anbauen? Nicht zur Forschung, sondern kommerziell?

Greifswald, die Start-up-Stadt

Die beiden Biolog:innen bekamen Zuspruch und beantragten Exist, ein Stipendium, das Akademiker:innen fördert, die ein Unternehmen gründen wollen. Und wen trafen sie dort 2016? Das junge KATAPULT. Benjamin Fredrich hatte mit ein paar Freunden ein Jahr zuvor ebenso mithilfe einer Exist-Förderung gegründet. Ein Magazin für Kartografie und Sozialwissenschaft. Das ein Jahr alte KATAPULT gab den Biolog:innen Gründungstipps. Jenny Schulz erinnert sich: „Wir haben uns mit dem Katapult-Team getroffen und ausgetauscht: über Förderungen, oder welcher Drucker gut ist.“ Sie lacht.

Doch während KATAPULT das meiste Fördergeld in die Löhne seiner Mitarbeiter:innen stecken musste, floss es im Sonnentauprojekt in die Standortsuche. Schulz und Baranyai mussten einen Ort finden, an dem ihre kleinen Sonnentaupflanzen wachsen konnten, am besten ein nasses Moor. Jeder Anfang ist schwer. Kurz nachdem KATAPULT mit der Finanzierung der ersten Druckausgabe kämpfte, scheiterte das Sonnentau-Team an einem heißen Sommer. Zwar hatten die beiden ein Moor gefunden, doch trockneten durch unerwartet hohe Temperaturen ihr Moos und die darauf wachsenden Sonnentaupflanzen aus.

Dann verließ Schulz’ Projektpartner Baranyai die Firma. Sie musste entscheiden, ob und wie sie weitermachte. Es waren ein neuer Bewässerungsplan und ein Projekt der Uni Greifswald, die das Sonnentauvorhaben retteten. Die Pharmazie wollte testen, wie viel Wirkstoff Schulz’ Sonnentau enthielt, ob sich vielleicht mehr als Kräuterbonbons aus der Pflanze herstellen ließe.

Antibiotika wieder wirksam machen

Sandy Gerschler, eine junge Apothekerin, wollte 2020 ihre Doktorarbeit über die Wirkung der althergebrachten Heilpflanze schreiben. Mittels Versuchen wollte sie herausfinden, ob sich Sonnentau als Arzneimittel eignete, und PaludiMed neue Kunden verschaffen.

In der Cafeteria „Im Grünen“ am Greifswalder Beitzplatz, wo sich Stimmen von Studierenden mit dem Klirren von Mensatassen mischen, übertönt ihre aufgeregte Stimme den Lärm: „Wir stehen kurz vor einer Veröffentlichung!“ Gerschler erzählt von Keimen, zu denen sie Sonnentauextrakt von Jenny Schulz gab. Dass bestimmte Bakterienkulturen durch ebendiesen Pflanzenextrakt verschwanden. Das Aufregende daran: die Biofilme – Schutzschichten, in denen sich Bakterien zusammenschließen und so in der Lage sind, Antibiotika unwirksam zu machen. Schafft man es, Biofilme aufzubrechen, könnten nicht mehr wirkende Antibiotika wieder einsetzbar werden. Gerschlers Stimme überschlägt sich, weil sie herausgefunden hat, dass Sonnentau vielleicht genau das kann.

Die Pharmazeutin erklärt, ihr gehe es darum, die Wirkung von Heilpflanzen wissenschaftlich zu beweisen. Sonnentau sei bekannt dafür, gegen Erkrankungen der oberen Atemwege wie Husten und Bronchitis wirksam zu sein. Aber: „Wir wollen nicht sagen, ‚es war schon vor tausend Jahren so‘, sondern wir wollen auf Grundlage von Daten, von Studien, von Untersuchungen sagen: ‚Ihr könnt das nehmen, weil wir eine Wirkung nachgewiesen haben.‘“ Die junge Forscherin ergänzt, entscheidend sei eben, dass Sonnentau anscheinend nicht nur gegen obere Atemwegserkrankungen, sondern auch gegen multiresistente Bakterienschutzschichten wirkt.

Gerschler grenzt ihre Forschung ausdrücklich von homöopathischen Mitteln ab. Sie erklärt, es gebe zwar Heilpflanzen in Lifestyleprodukten, wie zum Beispiel Kräuterbonbons. Aber möchte man Sonnentau auf dem Arzneimittelmarkt etablieren, müsse die Heilpflanze viel härtere Prüfkriterien erfüllen. Kriterien, die für den Sonnentau teilweise noch fehlen.

Europäische Arten besonders wirksam

Das Europäische Arzneibuch regelt die Herstellung und den Vertrieb von Arzneipflanzen innerhalb Europas. Darin gibt es für jede Heilpflanze ein Kapitel zur Überprüfung der Qualität und Zubereitung. In diesen Heilpflanzen-Monografien stehen Kriterien, mit denen man feststellt, ob es sich um die richtige Pflanze mit dem richtigen Anteil an Wirkstoff handelt. Neben ihren Bakterienversuchen arbeitet Gerschler daran, so ein Kapitel über Sonnentau zu schreiben. Sie erklärt, die bestehende Monografie von Sonnentau sei veraltet und fehlerhaft. Sie möchte Kriterien festhalten, anhand derer man einheimische Arten von Importsonnentau unterscheiden kann, um solche aus Deutschland stärker in den Arzneimittelmarkt zu integrieren.

Denn Gerschlers Versuche ergaben, dass besonders europäische Arten einen hohen Wirkstoffanteil haben. Sie enthalten mehrere sogenannte Flavonoide, die sich in ihrer Zusammensetzung gegenseitig begünstigen und deshalb sehr wirksam sind. Für Medikamente lassen sich einzelne Flavonoide zwar auch synthetisch herstellen. Doch liegt die Stärke des Sonnetauextraktes gegenüber synthetischer Medizin genau in der besonderen Zusammensetzung dieser Moleküle. Eine Zusammensetzung, die die Evolution über Jahrtausende perfektioniert hat. Schließlich, erklärt Gerschler, produzieren Heilpflanzen ihre Stoffe ja primär, um sich selbst gegen äußere Einflüsse zu wehren.

MV – das Land der Arzneipflanzen

Weshalb kommen nun ausgerechnet in MV Forscher:innen und Unternehmer:innen auf den Gedanken, altes Wissen zu Heilpflanzen neu anzuwenden? Im Fall des Sonnentaus sei es eindeutig, sagt Sandy Gerschler. Die Pflanze wächst am besten auf Moosen, die in Mooren vorkommen. Mecklenburg-Vorpommern, als eines der moorreichsten Bundesländer, hätte zwar viele Moore entwässert und begradigt, doch „könnte man Moore wiedervernässen und dort Sonnentau anbauen. So schaffen wir Klimaschutz in Kombination mit einer Arzneipflanze – das Notwendige und das Nützliche.“

Aber auch andere Heilpflanzen werden für MV derzeit interessant. Und zwar wegen des Klimawandels. Wurden Heilpflanzen bisher meist in Bundesländern wie Bayern, Hessen, Niedersachsen und Thüringen angebaut, rückt nun der Norden Deutschlands stärker in den Fokus. Prognosen zufolge wird dieser zukünftig weniger von Sommerhitze und Trockenheit betroffen sein.

Was man noch so anbauen kann

Auch Niclas Neumann, ebenso Pharmaziedoktorand an der Universität Greifswald, sucht nach Möglichkeiten, Arzneipflanzen anzubauen, und zwar mit einem noch größeren Spektrum an Pflanzen. Im Fokus stehen Baldrian, Rosenwurz und Johanniskraut für das Nervensystem, Süßholz gegen Atemwegserkrankungen und Pfefferminze für die Verdauung. Im Rahmen des Projekts „Innovationsverbund Heilpflanzen in MV“ möchte er gemeinsam mit dem Institut für Botanik der Uni Greifswald und der Forschungsgemeinschaft IBZ Hohen Luckow herausfinden, welche dieser Pflanzen sich in Mecklenburg-Vorpommern anbauen lassen.

Neumann steht noch am Anfang seiner Forschung. Sein Vorhaben ist nicht arm an Herausforderungen. Er musste bereits andere Heilpflanzen von seiner Liste streichen, weil es kein Saatgut gab. Dann galt es Landwirte zu finden, die bereit für das Experiment „Heilpflanze“ waren. Zwar fanden sich Interessenten, die Pflanzen dieses Jahr mit aufs Feld nehmen werden, doch fürchtet Neumann beim großflächigen Anbau Schädlingsbefall oder geringere Wirkstoffkonzentrationen in den sonst natürlich vorkommenden Heilpflanzen.

Es gibt aber auch Lichtblicke. Schafft Neumann es, in Kooperation mit Landwirten neue Heilpflanzenarten anzubauen, könnte das Projekt die Landwirtschaft verändern. Auf kleinen Flächen ließen sich mit geringen Mengen Arzneipflanzen bereits hohe Gewinne erzielen, erklärt der Forscher. Dazu könne Deutschland durch eine eigene Arzneimittelproduktion unabhängiger gegenüber Importen aus dem Ausland werden. „Man kommt weg von der Wildsammlung“, sagt der Pharmazeut. Weltweit sind 15.000 Heilpflanzenarten durch unkontrolliertes und nicht fachgerechtes Sammeln gefährdet. Neumann versucht mit seiner Forschung zu zeigen: „Hey, wir können das auch anbauen. Ihr braucht das nicht zu pflücken. Lasst die Natur lieber in Ruhe.“

Laut Maik Orth, Projektpartner im Innovationsverbund Heilpflanze, basiert die Hälfte der Arzneimittel in Deutschland auf Arzneipflanzen. 90 Prozent davon seien importiert, von denen wiederum 70 Prozent aus Wildsammlungen stammten. So könnten Qualität und Nachhaltigkeit von Importen nicht gesichert werden. Großes Potenzial sähen die Projektpartner daher in einem Anbau von Heilpflanzen in Deutschland.

Die Nachfrage ist da

Sonnentau-Heilerin Jenny Schulz, Wirkstoff-Nachweiserin Sandy Gerschler und Heilpflanzen-Vordenker Niclas Neumann – sie alle machen deutlich: Arzneimittelherstellung und -pflanzenanbau müssen wieder vermehrt nach Deutschland geholt werden. Die Möglichkeiten hierzulande würden noch nicht ausgeschöpft. Wir müssten altes Wissen hervorholen und daraus Neues schaffen.

Und in Deutschland bestehe Interesse, ein Markt. Sandy Gerschler erzählt von ihrer Zeit als Apothekerin in der Greifswalder Ratsapotheke: „Sobald ich sage, es gibt zur synthetischen eine pflanzliche Alternative, kommt das immer gut an. Das wollen die Menschen lieber. Pflanzen gehören einfach zu uns.“

Dieser Text erschien in Ausgabe 5.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 5.533 Abonnent:innen

196,6 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Fußnoten

  1. Telefonat mit Jenny Schulz am 7.2.2022.
  2. Gespräch mit Sandy Gerschler am 2.2.2022.
  3. Umweltbundesamt (Hg.): Neue Analyse zeigt Risiken der Erderhitzung für Deutschland, auf: umweltbundesamt.de (14.6.2021).
  4. Telefonat mit Niclas Neumann am 1.2.2022.
  5. Institut für Pharmazie Universität Greifswald (Hg.): Forschung, auf: pharmazie.uni-greifswald.de.
  6. Innovations- und Bildungszentrum Hohen Luckow (Hg.): Start „Innoverbund Heilpflanzen MV“, auf: ibz-hl.de (März 2021).

Autor:innen

Studiert Biochemie an der Universität Greifswald und ist bis März Praktikantin bei KATAPULT MV.

Neueste Artikel

Keine Rotorblätter mehr aus Rostock

Bei einer Betriebsversammlung wurden die Angestellten des Rotorblattwerks des Herstellers Nordex heute über die endgültige Schließung ihres Standorts informiert. Ab Ende Juni werden damit an der Warnow keine Rotorblätter mehr gefertigt. Nach NDR-Informationen besteht für die Angestellten nun die Möglichkeit, in eine Transfergesellschaft zu wechseln und eine Abfindung anzunehmen. Das zweite Nordex-Werk, welches Gondeln für Windräder fertigt, bleibt erhalten.

Es war der Trockenmörtel

Die Untersuchungen um die 2017 abgesackte A 20 bei Tribsees haben ergeben: Die eingebauten Säulen aus Trockenmörtel, die den Untergrund stabilisieren sollten, waren überlastet.

Neonazis nutzen illegal öffentliche Flächen

Rechtsextremisten haben im Dorf Jamel offenbar mehrere Flächen vereinnahmt, die der Gemeinde Gägelow gehören. Eines der Grundstücke dient als Lager, ein anderes als illegale Mülldeponie. Zumindest in einem Fall ist die Verwaltung bereits aktiv geworden.