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Interview

„Ein Pogrom mit Ansage“

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KATAPULT MV: Gerät Lichtenhagen irgendwann in Vergessenheit?

Wolfgang Richter: Ich sehe diese Gefahr nicht. Ich weiß nicht, was in vielleicht zehn Jahren los sein wird, aber jetzt sehe ich sie nicht. Weil ich immer wieder angefragt werde, in Schulen zu kommen, mit Studierenden zu sprechen und in anderen Einrichtungen über dieses Thema zu diskutieren. Und seit 2015 gibt es den Spielfilm Wir sind jung, wir sind stark, der aus meiner Sicht sehr gut darstellt, welche Stimmung, welche Situation damals in Lichtenhagen herrschte. Zu Diskussionen über diesen Film werde ich auch immer wieder eingeladen. Also ich glaube schon, dass es in dieser Stadt nicht vergessen ist und auch in absehbarer Zeit nicht vergessen wird.

Im Zusammenhang mit Rostock-Lichtenhagen redet man viel von Versagen. Wer oder was hat Ihrer Meinung nach genau versagt?

Es war ja damals über viele Wochen absehbar, dass sich eine Stimmung entwickelt, die Gewaltbereitschaft zur Folge hat. (...) Die Zustände um das Sonnenblumenhaus waren für alle unzumutbar. Aber nichts hat auch nur im Ansatz gerechtfertigt, dass solch eine Gewalt ausgebrochen ist.

Trotzdem war diese Spannung zu spüren. Ich war als Ausländerbeauftragter zwei-, dreimal die Woche da draußen und habe gemerkt, wie sich die Lage immer mehr zugespitzt hat, als sich nichts änderte. Ich bin bis heute überzeugt: Wenn die Verantwortlichen von Land und Kommune die Situation so verändert hätten, dass keine Flüchtlinge mehr auf dieser Wiese hätten wohnen müssen, wäre es nicht zu diesem Gewaltausbruch gekommen. Das ist versäumt worden.


Ich habe die Dienstberatungen beim Oberbürgermeister mit zehn Senatoren erlebt – damals hatte Rostock zehn Senatoren und einen Oberbürgermeister.. Und dort hat man Stunde um Stunde diskutiert, dass die Kommune gar nicht dafür zuständig sei, weil die Zentrale Aufnahmestelle ja vom Land betrieben werde und uns das alles gar nichts anginge. Die Lösungen müssten im Innenministerium gefunden werden. Und das Innenministerium hat gesagt: „Ja, die Flüchtlinge, die im Haus sind, für die sind wir verantwortlich. Aber die Flüchtlinge auf der Wiese – die haben ja noch gar keinen Antrag gestellt. Das sind Obdachlose. Und für Obdachlose ist die Kommune zuständig.“ Und in diesem hirnlosen Hin und Her und Zuschieben von Verantwortung sind wirkliche Lösungen auf der Strecke geblieben. Und das war das, was mich eigentlich wütend gemacht hat.

War das ein Pogrom mit Ansage?

Das war absolut ein Pogrom mit Ansage.

In den Tagen nach den Ausschreitungen – was haben Sie da gedacht?

Das waren verschiedene Situationen. Auf der einen Seite waren wir permanent unter Druck, weil es so viele Anfragen von Journalisten gab und Kollegen und Kolleginnen aus anderen Teilen Deutschlands und überall – mit Recht – dieses völlige Unverständnis darüber [hatten], wie so etwas hier in Rostock passieren konnte. Und zum anderen ging unsere Arbeit ja weiter: die Einzelfallberatung, die Menschen, die zu uns kamen ins Büro, um Beratungen zu bekommen – unabhängig von Rostock-Lichtenhagen.

Ich bin manchmal wie in Trance durch diese Tage geglitten, weil es so viele Anforderungen an Themen, an Handeln und Reagieren gegeben hat.

Kann sich Lichtenhagen wiederholen?

Ich habe immer eine zweigeteilte Antwort: Nein, weil Polizei, Kommunalverwaltung und Landesregierung nicht noch einmal so katastrophal versagen würden wie damals.

Aber die Gefahr, dass Menschen aufgeputscht, manipuliert und am Ende gewaltbereit werden, gibt es immer.

Das ganze Interview gibt’s auf der Website des Rostocker Lokalradios LOHRO.


Unsere aktuelle Zeitung ist eine Sonderausgabe zum Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992. Darin geht es unter anderem um das Versagen von Politik, Polizei und Justiz. Die Ausgabe kann auch im KATAPULT-Shop bestellt werden.

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Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Ist in Greifswald geboren, hat in Augsburg studiert und zog für den Lokaljournalismus wieder zurück nach Meck-Vorp.

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