Zum Inhalt springen

Anerkennung für Frauenbands

Zukunftsmusik in MV

Von

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Karte von MV. Musikerinnen auf Festivals von MV. Anzahl Frauenbands: Jamel Rockt den Förster 2022: 0; Airbeat One 2023: 0; Zappanale 2023: 0; About You Pangea 2022: 0; Immergut 2022: 1, KATAPULT Festival: 0.

Artikel teilen

Was haben Rammstein, Marteria und Feine Sahne Fischfilet gemeinsam? Sie kommen alle aus Ostdeutschland, haben Bezug zu MV und vor allem sind es alles Männer, die Musik machen. Dabei wird selten explizit von Männerpunkbands, männlichen Rappern oder Männerrockbands gesprochen. Wenn jedoch drei Frauen eine Rockband gründen, werde ihr Geschlecht immer erwähnt, positiv wie auch negativ, berichtet Katharina „Rina“ Luck,  Frontsängerin und Bassistin der Rockband Jesters aus Rostock. Zusammen mit ihren Bandkolleginnen Vivi Tesch und Nicole Seeger feiert sie dieses Jahr zehnjähriges Bandjubiläum.

Nicole Seeger, Vivien „Vivi“ Tesch und Katharina „Rina“ Luck (v. l.) von der Rockband Jesters aus Rostock

Die Musikerinnen lernten sich in der Rostocker Rock & Pop Schule kennen. „Wir haben nach dem ersten Auftritt direkt weitergemacht und sind seit 2017 in unserer Dreier-Formation.“ Drummerin Vivi schätzt an der Band, dass „wir untereinander so sein können, wie wir sind. Und wenn wir Songs schreiben, ist das ein richtig intensiver Prozess“.

Männer erklären ihnen ihre Instrumente

Ihre selbstgeschriebenen Lieder hat die Band bisher auf vielen lokalen Bühnen in Rostock wie im Moya oder Mau, aber auch bei einem Nachwuchswettbewerb in Kühlungsborn gespielt, wo sie den zweiten Platz belegten. Auch auf Auftritte über die Grenzen von MV hinaus, auf der Reeperbahn in Hamburg und in Polen, blicken Jesters zurück. 

Dass sie als Frauenrockband „etwas Besonderes“ sind, ist für sie jedoch nicht unbedingt etwas Positives. Als meist einzige Frauen auf der Bühne würden Jesters oft nicht ernst genommen. „Schon bevor wir angefangen haben, wird davon ausgegangen, dass wir nichts können“, erinnert sich Vivi an einen konkreten Abend. Vor einem Auftritt sei schon mal jemand zu Gitarristin Nicole gekommen, um ihr zu erklären, wie sie ihr Instrument einstellen soll, erzählt Sängerin Rina. „Dabei hatte er vorher weder den Sound noch einen Song von uns gehört.” Gitarristin Nicole sehe sich in der Position, in solchen Momenten Power zu zeigen und dagegenzuhalten, sagt sie. 

Mit viel Power aber auch mit sanften Tönen spielen Lena Amtsberg und Nina Wieben Pop-Cover und eigene Songs auf ihren Ukulelen. „Viele Menschen halten uns für Schwestern. Wir waren beide unabhängig voneinander in Ecuador und dort heißt Schwestern Ñañas, das finden wir schön, weil es uns auf mehreren Ebenen verbindet“, erzählt Lena, die ihre Bandkollegin während des Spanisch-Studiums kennenlernte. 

Nina Wiebmann und Lena Amtsberg von Ñañas

„Ich habe Nina nach unserem ersten Treffen 2017 einen Zettel geschrieben: In case of an ukulele emergency, please call“, erinnert sich die Musikerin. Seitdem spielte die Band bei öffentlichen Veranstaltungen, in Altersheimen aber auch auf der Fête de la Musique. Sie freue sie schon auf ein „Revival“ mit ihrer Bandkollegin, die zur Zeit noch in Argentinien ist.

Fehlende Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit

Ihren Stil beschreibt die Band als der Singer-Songwriter-Stil, aber mit Ukulele statt Gitarre. Auf die Frage, wie Lena die Geschlechterverteilung in diesem Genre wahrnimmt, antwortet sie: „Ich kenne vor allem männliche Singer-Songwriter. Auch dieses Genre, was als ‚softer‘ bezeichnet wird, ist kein so weibliches.“ 

Auch die Erfahrung, bei kleinen Festivals die einzigen Frauen zu sein, habe die Band machen müssen. Lena geht davon aus, dass es viele talentierte Musikerinnen und Sängerinnen in MV gibt. Doch wirklich einschätzen könne sie das nicht, da die Bands untereinander kaum vernetzt seien und sich daher nicht kennen. 

Doch Sichtbarkeit ist nicht das einzige Problem, was eine Erfahrung, die Jesters bei einem ihrer Auftritte gemacht hat, beweist. „Das Publikum hat uns, als einzige Alternative-Rockband des Abends, richtig gefeiert. Die männliche Band wollte wohl die Aufmerksamkeit. Sie sind dann während unseres Auftritts auf die Bühne gekommen, haben uns beiseite geschoben und ‚übermannt‘“, erinnert sich Gitarristin Nicole. Sie hätten sich das nicht bieten lassen und den Auftritt abgebrochen.

Frauenmangel auf Musikfestivals

Aufmerksamkeit bekommen vor allem Männerbands, auch wenn es um Festivals in Deutschland und MV geht. Das Immergut Festival in Neustrelitz hat bisher zehn Musiker:innen für ihr Line-up 2023 bekanntgegeben. Sechs davon sind männlich, die Band Ditz hat eine Frontsängerin, die anderen beiden bestätigten Acts sind Solokünstlerinnen. Beim About You Pangea Festival in Ribnitz-Damgarten sind bisher 43 Künstler:innen bestätigt, unter ihnen 15 Frauen sowie eine reine Frauenband.

Karte von MV. Geschlechterverteilung auf Festivals von MV. Jamel Rockt den Förster 2022: 5 Frauen, 26 Männer; Airbeat One 2023: 7 Frauen, 95 Männer; Zappanale 2023: 6 Frauen, 55 Männer; About You Pangea 2022: 23 Frauen, 97 Männer; Immergut 2022: 29 Frauen, 46 Männer, KATAPULT Festival: 1 divers, 13 Frauen, 37 Männer.

Bei vielen Festivals in MV steht das Line-up bisher noch nicht fest. Es wäre also noch Zeit, das Verhältnis zwischen Männer- und Frauenbands auszugleichen. Und die Textzeile von Blond zu widerlegen: „Das Line-up wird länger und länger und länger, mehr Platz für noch mehr Männer.“

Es gebe noch einiges in der Musikwelt im Land zu tun, darin sind sich auch die beiden Bands einig. Neben mehr Möglichkeiten und Einladungen, live zu spielen, wünschen sich Ñañas und Jesters vor allem mehr Förderung von jungen Menschen, die Musik machen wollen. Damit sei es aber nicht getan. „Wir haben das Gefühl, dass eher Männer gefördert werden“, ergänzen Ñañas. Denn auch in den Machtpositionen der Musikindustrie säßen hauptsächlich Männer. Beide Bands würden eine Konzertreihe für Frauenbands in MV begrüßen, „es hat nur noch keiner angeschoben“, bedauert Lena.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Autor:innen

Neueste Artikel

Kommentar zum 20. Todestag von Mehmet Turgut: „Was ist schon die Umbenennung einer Straße angesichts des Schicksals der Familie Turgut?“ - Victoria Flägel, Redakteurin in Rostock

25.02.2024

Für den Mehmet-Turgut-Weg

Die Stadtpolitik scheint die Forderung nach dem Mehmet-Turgut-Weg aussitzen zu wollen, bis sich niemand mehr für ein würdevolles Gedenken einsetzt. In den letzten Jahrzehnten hat das auch funktioniert. Benennt endlich die Straße um, kommentiert die Rostock-Redakteurin Victoria Flägel.
Deutschlandkarte. Städte, die Orte nach Opfern des NSU benannt haben: Hamburg, Dortmund, Kassel, Jena und zum Teil Nürnberg; Städte, die das nicht gemacht haben: Rostock, Heilbronn, München und zum Teil Nürnberg

24.02.2024

Im Gedenken an Mehmet Turgut

Um 15 Uhr findet am Doberaner Platz in Rostock die Demonstration „Im Gedenken an Mehmet Turgut – Antifaschismus und Antirassismus organisieren“ statt.

23.02.2024

Theater in 100 Akten

Nachdem in der letzten außerordentlichen Bürgerschaftssitzung sowohl die Gäste nach massiven Störungen den Saal verlassen mussten als auch dem rechtsradikalen Sender „Auf1“ Bild- und Tonaufnahmen untersagt wurden, lief die Sitzung am gestrigen Abend vergleichsweise störungsfrei. Die Gräben zwischen den Fraktionen rechts und links der Mitte scheinen zumindest in diesem Gremium jedoch weiterhin unüberwindlich. Anders können die stundenlangen Diskussionen mit teils sehr persönlichen Beleidigungen nicht eingeordnet werden. Der Aufhänger: die Demokratie und die Störerin der letzten Sitzung.