Zum Inhalt springen

Rostock Lichtenhagen 1992

Streetart-Projekt von Hafenamt vorläufig beendet

Von

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Fotos von zwei bemalten Stromkästen. Aufschriften vorher: “Erinnern heißt kämpfen” und “Nie wieder”. Hinterher: Aufschriften mit grauer Farbe übermalt.

Artikel teilen

„Erinnern heißt kämpfen“, „Lichtenhagen“ und „Gegen das Vergessen“ sowie „Nie wieder“ und „No to Racism“ stand noch bis zum 7. November auf zwei Stromkästen am Stadthafen in Rostock auf der Höhe des Kabutzenhofes. Nicht mal ein Monat, nachdem vier Jugendliche unter Anleitung des Streetwork-Teams des Vereins Soziale Bildung (SoBi) die Stromkästen bemalt hatten, mussten diese Botschaften vom Verein wieder übermalt werden. Aber warum?

Anlass des Streetart-Projekts zu Rostock-Lichtenhagen am Stadthafen war der 30. Jahrestag des Pogroms. Zunächst sollten sich Jugendliche inhaltlich mit dem Thema auseinandersetzen, im Anschluss durch jugendkulturelle Ausdrucksformen selbst zu Akteur:innen von Erinnerungskultur im öffentlichen Raum werden. In einem Workshop während der Herbstferien Mitte Oktober wurden die Graffitis von den Jugendlichen entworfen, die im zweiten Teil des Projekts an drei Stromkästen am Stadthafen gesprüht wurden.

Entwürfe mündlich abgestimmt?

„Aus unserer Arbeit als Streetworker*innen wissen wir um die Bedeutung des Stadthafens als Ort für Kinder und Jugendliche“, heißt es von Sven Gottwald, einem Mitarbeiter des Streetwork Teams, und Ira Leithoff, Vorstand von SoBi. Im Vorfeld sei das Projekt sowie die endgültige Gestaltung der Stromkästen mündlich mit ihrem Ansprechpartner beim Hafen- und Seemannsamt abgesprochen und freigegeben worden. Dieses ist als Eigentümerin für Ordnung und Sicherheit des Hafengebiets zuständig. 

„Ein Dissens bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung zwischen dem  Hafen- und Seemannsamt und uns als Streetworker*innen lag bis zu dem Tag nach der Gestaltung nicht vor“, heißt es in dem Schreiben von Gottwald und Leithoff. Laut dem Hafenamt seien keine Entwürfe eingereicht worden, sodass auch keine Freigabe erteilt worden sei. 

SoBi ist über diese Aussage verwundert. Einer der Entwürfe sei von dem Hafenamtsmitarbeiter sogar zurückgenommen worden, „so dass wir davon ausgehen, dass es eine amtsinterne Kommunikation zu unseren Entwürfen gegeben haben musste“.

Politische Statements oder Gefährdung?

Am 24. Oktober habe der Verein die Aufforderung vom Hafenamt erhalten, alle Schriftzüge zu übermalen beziehungsweise zu entfernen. „Begründung hierfür ist, dass die Stromkästen politische Botschaften enthielten und dies den Auflagen der Gestaltung der Stromkästen widerspräche“, so Gottwald und Leithoff. Laut der Eigentümersatzung der Stadt Rostock an SoBi „sind ausschließlich unpolitische Symbole, Farben, Claims zugelassen“.

Doch dem Hafenamt ginge es nicht um die politischen Botschaften der Schriftzüge auf den Stromkästen. Da diese beidseitig bemalt waren, sehe das Hafenamt eine Gefahr für Betrachter:innen der Stromkasten: „Diese Gefährdung begründet sich dadurch, dass die Betrachter der Stromkästen dazu verleitet werden, auch die wasserseitige Rückseite der Stromkästen in Augenschein zu nehmen. Dies resultiert im Wesentlichen daraus, dass sich die Aussagen der Bemalung nicht landseitig vollumfänglich erschließen lassen und weitere Claims auf der Rückseite angebracht wurden.“ Die Kästen sind weniger als einen Meter von der Kaikante entfernt.

Foto von der Rückseite eines bemalten Stromkastens. Aufschrift vorher: “No to racism”. Hinterher: Aufschrift mit grauer Farbe übermalt.

Auf der Rückseite eines Stromkastens stand „No to Racism“, auf dem anderen „Gegen das Vergessen“. Auf die Frage, ob das Entfernen dieser Schriftzüge ausgereicht hätte, ohne die Verständlichkeit der Frontbeschriftung „Erinnern heißt kämpfen“, „Lichtenhagen“ sowie „Nie wieder“ zu beeinträchtigen, habe das Hafenamt keine weiteren Fakten beizusteuern.

Foto von der Rückseite eines bemalten Stromkastens. Aufschrift vorher: “Gegen das Vergessen”. Hinterher: Aufschrift mit grauer Farbe übermalt.

„Im Laufe der gesamten Projektabsprache als auch -umsetzung wurden wir durch das Hafen- und Seemannsamt nicht darauf hingewiesen, dass die Darstellung von Schriftzügen auf der Kaikante eine Gefahr bergen würde“, so Gottwald und Leithoff. „Es ist in keinster Weise unser Interesse, Mensch zu gefährden.“

Erweiterung der Hafengalerie

Sascha Hofmann, Mitorganisator der Hafengalerie im Rahmen der Initiative Mein Hafen dein Hafen und Mitbetreiber des Rost Dock, wundert sich über diese Aussage. Bis September des vergangenen Jahres wurden 31 Trafokästen am Stadthafen im Rahmen der sogenannten Hafengalerie von Künstler:innen aufgewertet. Bei diesen sei eine 360-Grad-Bemalung möglich gewesen, auch wenn sie in der Nähe der Kaikante standen. Die von SoBi und den Jugendlichen bemalten Trafohäuschen gehören nicht direkt zur Hafengalerie, sondern sind ihre Fortführung.

Gleichzeitig betont Hofmann, dass die Zusammenarbeit mit dem Hafenamt für die Hafengalerie immer „fluffig“ verlaufen sei, insbesondere Dank eines Mitarbeiters, der sich über seinen Aufgabenbereich hinweg engagiere. Ziel der Initiative sei es nicht nur gewesen, den Hafen schöner zu gestalten, sondern die Kommunikation zwischen Initiativen, sozialen Trägern und der Verwaltung zu erleichtern. Auch er sehe die Relevanz des Stadthafens für Jugendliche und Jugendbeteiligung in Rostock und SoBi daher als wichtigen Kooperationspartner.

Zu dem Projekt gehörte außerdem ein dritter Stromkasten, welcher mit Regenbogenfarben und der Aufschrift „#MahsaAmini“ als Statement gegen Ausgrenzung, für Geschlechtergerechtigkeit und Diversität bemalt wurde. „In der Auseinandersetzung mit dem Pogrom Rostock Lichtenhagen 1992 sind wir im Workshop mit den Jugendlichen auf aktuelle Themen gestoßen, die sie bewegen und beschäftigen“, heißt es von SoBi. Auch dieser Schriftzug musste entfernt werden. Auf der Rückseite war der Stromkasten mit einem Regenbogen bemalt.

Was passiert jetzt mit den Stromkästen?

Wir sind mit den Jugendlichen dazu im Austausch und besprechen das weitere Vorgehen dazu. Diese sind selbstverständlich empört und traurig darüber.
Sven Gottwald und Ira Leithoff von SoBi

Auch das Hafenamt möchte das Streetart-Projekt des SoBi zum Gedenken an das Pogrom in Lichtenhagen weiter unterstützen, „in der Hoffnung, dass, wie mit dem SoBi e. V. vereinbart, Entwürfe zur Bemalung vorgelegt werden“. 

SoBi stellt die Bilder der Original-Kunstwerke mit Hintergrundinformationen nun vorerst online zur Verfügung. Auch QR-Codes an den Stromkästen verweisen auf diese Seite.

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Fußnoten

  1. E-Mail von Sven Gottwald und Ira Leithoff vom 17. November 2022.
  2. E-Mail von der Pressestelle der Hanse- und Universitätsstadt Rostock vom 18. November 2022.
  3. E-Mail von Sven Gottwald und Ira Leithoff vom 24. November 2022.
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. E-Mail von der Pressestelle der Hanse- und Universitätsstadt Rostock vom 21. November 2022.
  7. E-Mail von Sven Gottwald und Ira Leithoff vom 24. November 2022.
  8. E-Mail von der Pressestelle der Hanse- und Universitätsstadt Rostock vom 14. November 2022.
  9. Telefonat mit Sascha Hofmann vom 29. November 2022.
  10. E-Mail von Sven Gottwald und Ira Leithoff vom 24. November 2022.
  11. E-Mail von Sven Gottwald und Ira Leithoff vom 17. November 2022.
  12. E-Mail von der Pressestelle der Hanse- und Universitätsstadt Rostock vom 18. November 2022.
  13. E-Mail von Sven Gottwald und Ira Leithoff vom 1. Dezember 2022.

Autor:innen

Geboren in Rostock.
Aufgewachsen in Rostock.
Studierte in Rostock. Und Kiel.

Neueste Artikel

12.04.2024

Wie lukrativ ist er wirklich?

Erst musste die Kreuzfahrtbranche einen Tiefschlag durch Corona hinnehmen, dann wirkte sich der russische Angriffskrieg negativ auf Anlauf- und Passagierzahlen in der Ostsee aus. Vom Vor-Corona-Niveau ist noch keine Rede. Dennoch gelten Kreuzfahrten in MV weiterhin als wichtiger Wirtschaftsfaktor. Trotz ihres ökologischen Fußabdrucks und der Frage, wie sehr die angelaufenen Städte tatsächlich profitieren.

12.04.2024

Umstrittene Betriebsgenehmigung sorgt für weiteren Protest

Das Unternehmen Deutsche Regas hat vom Umweltministerium einen Genehmigungsbescheid für den Betrieb des umstrittenen Flüssiggasterminals im Hafen von Mukran auf Rügen erhalten. Während der Bescheid einige Auflagen vorsieht, geht der Protest gegen die LNG-Infrastruktur auf der Insel weiter.
Europakarte mit Abschiebungen nach dem Dublin-Verfahren, in ausgewählte Länder, 2022 aus Deutschland und nach Deutschland. Gesamt: 4.158 Menschen aus Deutschland abgeschoben, 3.700 nach Deutschland abgeschoben. Quelle: BAMF

10.04.2024

Eingesperrt ohne Verbrechen

Mehr und schneller abschieben: 2023 wurden etwa ein Viertel mehr Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern abgeschoben als im Jahr zuvor. Für die Betroffenen heißt das: wieder keine Hoffnung auf Asyl, stattdessen Unsicherheit und Gefahr. Manche von ihnen werden vor der Abschiebung sogar in ein Gefängnis gesperrt – laut den Behörden aus Sicherheitsgründen. Ein Blick hinter die Zahlen und ins Abschiebegefängnis in Glückstadt.