Zur Erinnerung: Gegen Fraktionschefin Constanze Oehlrich wurden im vergangenen Jahr Vorwürfe wegen Machtmissbrauch und Belästigung erhoben. Fraktionsvize Damm forderte Aufklärung und beschuldigte Oehlrich, Kritik unter den Teppich kehren zu wollen. Daraufhin sah er sich einem Abwahlverfahren ausgesetzt, das Oehlrich und die Parlamentarische Geschäftsführerin Jutta Wegner gegen ihn anstrebten. Sie begründeten es mit einem „massiven Vertrauensbruch“, ohne dabei konkret zu werden.1 Die Transparenz gegenüber Öffentlichkeit und Wähler:innen fehlt bis heute. Eine eingesetzte Kommission soll aufarbeiten, was geschehen ist.
Mit vier von fünf Stimmen stellte sich die Fraktion gegen Damm und löste damit in der Landespartei enorme Unruhe aus. Zunächst ging Damm beim kurz darauf stattfindenden Listenparteitag Ende September 2025 in Wismar völlig leer aus, während die ebenfalls umstrittene Oehlrich als Spitzenkandidatin für die Landtagswahl aufgestellt wurde.2 Damit ist Damm, der sich als erbitterter Kritiker der Landesregierung und im Untersuchungsausschuss gegen die Klimastiftung MV einen Namen gemacht hat, nach dem Sommer nicht mehr im Landtag vertreten. Doch die Listenwahl bot nicht nur mit diesen beiden Personalien Sprengstoff. Insbesondere die Kreisverbände in Vorpommern waren frustriert und fühlten sich zurückgesetzt, weil die vorderen Plätze ausschließlich mit Kandidat:innen aus Mecklenburg besetzt waren.3
Unter diesen Voraussetzungen und erlittenen Verletzungen braucht der bundesweit kleinste Grünen-Landesverband keine politischen Gegner. Die Partei zerlegt sich in MV selbst. Um die zerstrittenen Grünen im Land wieder zu einen, wurde daher auf der Landesdelegiertenkonferenz am Samstag in Schwerin eine neue Liste für die Landtagswahl am 20. September aufgestellt.
Dass das dringend notwendig war, wurde in verschiedene Redebeiträgen im Vorfeld deutlich. „Keine Probleme sind nur fraktionsintern, sondern immer auch Probleme der Partei“, hieß es. Gestört habe viele Parteimitglieder nicht die Schlammschlacht in der Presse, sondern dass Menschen vergessen hätten, ihre Arbeit zu machen. „Wenn Politiker:innen im Höhenflug festsitzen, müssen wir Grüne Verantwortung übernehmen“, hieß es über die vergangenen Monate. „Die Situation wäre vermeidbar gewesen, wenn der Parteivorstand bei Zeiten konsequent vermittelt hätte“, meldete sich eine Stimme aus dem Kreisverband des Landkreises Rostock zu Wort. Zugleich solle man aber auch der gesamten Fraktion Respekt und Anerkennung für Geleistetes entgegenbringen. Oehlrich und Damm, obwohl so gut wie gar nicht namentlich erwähnt, waren der sprichwörtliche Elefant im Raum. Beide verzichteten auf eine Kandidatur. Oehlrich fehlte nicht nur in den Wortbeiträgen, sondern auch krankheitsbedingt im Saal.
Zur Neuwahl kandidierte auf Listenplatz 1 statt Oehlrich die Bundestagsabgeordnete Claudia Müller mit Unterstützung des Kreisverbands Vorpommern-Rügen. Sie sei bereit, Verantwortung zu übernehmen. Müller ist die Grüne Allzweckwaffe in MV, bewarb sich bereits als Oberbürgermeisterin in Stralsund und Rostock und soll nun die Landesgrüne erneut in den Schweriner Landtag führen. „Dafür sind Klarheit und eine gewisse Härte notwendig“, sprach sie. „Lasst uns gemeinsam für die demokratische Mehrheit kämpfen.“ Mit 91 von 103 abgegebenen Stimmen wurde ihre Kandidatur mit deutlicher Mehrheit angenommen.
Überraschende Stichwahl um Listenplatz 2
Das Spitzenduo komplettieren wollten der Landesvorsitzende Ole Krüger und Jana Klinkenberg aus Teterow, die sich in einer Kampfabstimmung um Listenplatz 2 gegenüberstanden. Krüger hatte bereits bei der vorangegangenen Listenwahl im September 2025 das Vertrauen der Delegierten erhalten. Herausforderin Klinkenberg sprach energisch darüber, dass die Partei Vertrauen zurückgewinnen müsse. „Bündnis90/Die Grünen sind unverzichtbar und heute können wir entscheiden, ob wir im Landtag weiterhin mitreden oder nicht.“ Die Sachbearbeiterin stellte in ihrer Kandidatur feministische Positionen und Nähe zur Basis heraus. „Wenn wir im Flächenland bestehen wollen, müssen wir in die Dörfer und Kleinstädte und dort das Feindbild “Die Grünen“ auflösen.” Sie warb für eine „starke weibliche Doppelspitze“ für den anstehenden Wahlkampf.
Ole Krüger trug als Landesvorsitzender seinen Anteil zum Chaos der vergangenen Wochen und Monate bei und warb dennoch erneut um Unterstützung der Delegierten. „Politik ist hart und ungerecht und mehr als das Aushandeln von Kompromissen“, sagte er in seiner Kandidatur. Die Grünen sollten „nicht als Partei der Besserwisser von oben herab, sondern mit den Menschen reden“.
Im ersten Wahlgang, in dem 52 Stimmen für die Mehrheit notwendig waren, erhielt Jana Klinkenberg 51 Stimmen, während Ole Krüger überraschend auf lediglich 47 Stimmen kam. Daneben gab es drei Enthaltungen und eine Neinstimme. In der anschließenden Stichwahl entschieden sich die Delegierten jedoch für die Rolle rückwärts und den Neubeginn mit altbekanntem Personal. Sie sprachen Krüger mit 61 zu 41 Stimmen das Vertrauen aus.
Auf Listenplatz 3 kandidierte mit Jutta Wegner die parlamentarische Geschäftsführerin der Landtagsfraktion. Auch sie war an der entstandenen Unruhe in Fraktion und Partei maßgeblich beteiligt, vergaß aber nicht gleich zu Beginn ihrer Rede auf die „gute Zusammenarbeit mit Constanze Oehlrich“ hinzuweisen. In der Fraktion hätten sie lange miteinander gerungen, aber „manchmal lassen sich Konflikte nicht lösen“. Es seien tiefe Wunden entstanden, die schwierig zu heilen seien. Wie recht sie damit hat, zeigt ihr Wahlergebnis. Zwar wurde sie ohne Gegenkandidatur auf Listenplatz 3 gewählt, doch zeugen lediglich 60 Stimmen bei 31 Neinstimmen und 9 Enthaltungen nicht von großem Rückhalt.
Grüne als Zünglein an der Waage
Die Grünen in MV brauchen einen Neuanfang und machten das auf der Landesdelegiertenkonferenz deutlich. Sie wollen unbedingt geschlossen in einen möglichst erfolgreichen Wahlkampf gehen. Mit der neuen Landesliste will die Partei bei der anstehenden Landtagswahl im September mindestens fünf Prozent der Stimmen erhalten und so erneut in den Schweriner Landtag einziehen. Doch bis dahin ist es ein schwieriger und vor allem langer Weg. Zunächst müsse die Partei das Vertrauen ihrer Mitglieder und Wähler:innen zurückgewinnen. Dafür besonnen sie sich auf den Kern ihrer Partei. Tier-, Umwelt- und Klimaschutz wurden ebenso angesprochen wie die Potenziale des ländlichen Raumes. Aber auch der Kampf gegen Rechts wird im Wahlkampf ein zentrales Thema sein. Spitzenkandidatin Claudia Müller drückt es so aus: „Eine demokratische Mehrheit steht und fällt mit unserem Einzug in den Landtag. Fünf Prozent für die Grünen heißen Null Prozent AfD-Regierung.“
Die Grünen können zur Landtagswahl im September zum Zünglein an der Waage werden. Ziehen sie in den Landtag ein, ist eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen denkbar. Ohne die Grünen im Landtag verschiebt sich das Mehrheitsverhältnis. Bleibt die CDU in MV beim Unvereinbarkeitsbeschluss gegen die Linke, ist nach momentanen Umfragewerten keine demokratische Mehrheit möglich. Die Grünen zeigen sich auf ihrer Delegiertenkonferenz kämpferisch. „Die Kräfte von gestern haben noch lange nicht die Zukunft unseres Landes in ihren Händen“, erklärte Landesvorsitzender Ole Krüger. „Zukunft ist nichts, was man ertragen muss, sondern was wir selber entscheiden.“
- Ludmann, Stefan: Interne Vorwürfe: Grünen-Fraktionschefin Oehlrich sieht sich entlastet, auf: ndr.de (11.11.25). ↩︎
- Ludmann, Stefan: „Massiver Vertrauensbruch“: Grünen-Fraktion will Hannes Damm abwählen, auf: ndr.de (19.9.25). ↩︎
- Ludmann, Stefan: Interne Vorwürfe: Grünen-Fraktionschefin Oehlrich sieht sich entlastet, auf: ndr.de (11.11.25). ↩︎
