Hennis Herbst ist mit mehreren Geschwistern und etlichen Gastschüler:innen aus aller Welt in der Nähe von Stralsund aufgewachsen. 2015 erlebte er die ersten Pegida-Demos in Stralsund und engagiert sich seitdem politisch. Herbst studierte Politikwissenschaft und öffentliches Recht und war der erste studentische Prorektor der Universität Greifswald. 2020 trat er der Linken bei und ist mittlerweile Bürgerschaftsmitglied in Greifswald, Landesvorsitzender von MV und Teil des Vorstands der Bundespartei.
Herbst engagiert sich online, in Gremien und Parlamenten für soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsextremismus im Land. Dabei ist er – mit allen Höhen und Tiefen – längst selbst zur öffentlichen Figur geworden: nette Begegnungen beim Einkauf, Drohungen im Netz, Wahlkampf zwischen Instagram und Haustüren.
Nun kandidiert der junge Politiker – der MV nur zum Studium für ein Jahr gegen Sachsen eingetauscht hat – zum ersten Mal für den Landtag. KATAPULT MV hat mit dem Wahlgreifswalder über seine Motivation und Ziele für die Wahl im nächsten September gesprochen.
KATAPULT MV: Herr Herbst, wie würden Sie sich Leuten vorstellen, die weder Sie noch ihre Politik kennen?
Hennis Herbst: Wir wollen Haustürgespräche mit den Menschen in Greifswald führen. Das Ziel ist, erst mal zuzuhören und nach den Problemen und Sorgen zu fragen. Da komme ich natürlich in die Situation, mich auch vorzustellen. In dem Fall: Ich bin Hennis Herbst, Landtagskandidat und Kommunalpolitiker. Ich bin eng mit Greifswald verbunden, habe hier studiert und engagiere mich ehrenamtlich in der Stadt. Jetzt möchte ich versuchen, politisch noch mehr zu verändern.
Was für Veränderungen wären das?
Zwei Dinge, die mir besonders wichtig sind: Aus übergeordneter Sich müssen wir unbedingt mal über Verteilungsgerechtigkeit und Vermögen sprechen. Die untersten 25 Prozent der Menschen in Deutschland haben entweder kein Vermögen oder sogar Schulden. Gleichzeitig halten die obersten 10 Prozent der Menschen etwa 60 Prozent des gesamten Vermögens. Diese extreme Ungleichheit wächst. Es wäre im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit konsequent und fair, eine Vermögensteuer einzuführen. Davon würden auch die Kommunen profitieren. Und da braucht es ein Land, das Druck auf den Bund ausübt, damit wir an die Millionäre und Milliardäre rangehen. Damit in den Kommunen und bei den Menschen, die es nicht so leicht haben, mehr Geld ankommt.
Zum anderen ist das Thema Wohnraum ein greifswaldspezifischer Dauerbrenner. Im Oktober beginnt das neue Semester an der Universität und etwa 1.500 Menschen kommen in die Stadt und suchen dringend eine bezahlbare Wohnung. Da haben wir in Greifswald extremen Nachholbedarf, was zusätzliche Wohneinheiten, aber auch Bestandsmieten anbelangt.
Im Sommer 2024 wurden Sie in die Greifswalder Bürgerschaft gewählt. Anfang 2025 haben Sie für den Bundestag kandidiert. Für September 2026 ist der Landtag das Ziel. Warum eigentlich?
Die zentrale Frage ist: Wo kann ich Veränderungen erreichen? Als Kommunalpolitiker habe ich für Greifswald viel auf dem Zettel, was ich gerne anstoßen würde. Insofern würde ich mir wünschen, dass die Stadt stärker im Landtag vertreten ist. Ich habe oft das Gefühl, dass Greifswald – auch als Universitätsstandort – in der Debatte zu kurz kommt. Es ist wichtig, dass jemand da ist, seine Erfahrung einbringen kann. Ich denke, ich kann die Perspektiven sowohl aus der Kommunalpolitik als auch aus meiner Tätigkeit hier an der Universität einbringen.
Viele Menschen in MV haben das Vertrauen in den Staat, die Politik und die Parteien verloren. Wie wollen Sie diese Leute erreichen?
Es ist noch ein Jahr bis zur Landtagswahl. Wir wollen die Zeit bis dahin nutzen, um mit den Menschen hier in der Stadt ins Gespräch zu kommen. Wir wollen die Leute aufsuchen und herausfinden, wo der Schuh drückt und welche Erwartungshaltung es in Richtung Politik gibt. Wenn man feststellt, dass auf Augenhöhe kommuniziert und man ernst genommen wird, kann das dazu beitragen, Vertrauen zurückzugewinnen. Es ist natürlich ein riesiger Kraftakt, 30.000 Haushalte aufzusuchen, aber wir wollen es probieren. Wir haben über 200 Parteimitglieder hier in Greifswald, die uns dabei unterstützen wollen, die Rückmeldungen aufzunehmen. Wir wollen zeigen: Wir sind da, wir hören zu und das, was ihr uns zurückmeldet, fließt unmittelbar in unsere Politik ein.
Sind die Leute auf der Straße oder an den Haustüren überhaupt offen für solche Gespräche?
Ja, das ist schon so. Wir leben in einer Phase, in der sich viele Menschen Gedanken um Politik machen. Wir stellen sogar oft fest, dass die Bürger:innen proaktiv das Gespräch suchen. Das sind zwar nicht unbedingt immer die Leute, die mit uns einer Meinung sind, aber wir lassen uns dann auch auf Diskussionen ein.
Was nehmen Sie mit aus diesen Gesprächen? Was empfinden die Bürger:innen aktuell als größte politische Ungerechtigkeit?
Das größte Problem ist, dass der Alltag für viele nicht mehr bezahlbar ist. In Greifswald sprechen wir dabei ganz klar über Miete. Aber wir sprechen auch über Heizkosten und über den Einkauf, der teurer geworden ist. Wenn man das weiterdenkt, müssen wir nicht nur die Ausgabenseite betrachten, sondern uns auch fragen: Woher bekommen die Menschen ihre Einnahmen? Wir steht es um die Löhne im Land? Und da haben wir noch immer riesige Unterschiede zwischen West und Ost. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Darauf braucht es politische Antworten.
Wir haben jetzt viel über Probleme gesprochen und kennen alle die Vorurteile, dass in MV wenig Gutes passiert. Welche Beispiele fallen Ihnen aber ein, in denen Ihre Partei oder Ihre Politik etwas Positives beigetragen hat?
Die Linke bildet aktuell zusammen mit der SPD die Landesregierung. Ein Riesenvorteil gegenüber anderen Bundesländern ist der Punkt, dass so die Kitaplätze und Ferienhorte in MV beitragsfrei geworden sind. Was Statistiken zur Chancengerechtigkeit für Kinder anbelangt, ist Mecklenburg-Vorpommern dadurch eines der führenden Bundesländer.
Mit Blick auf Greifswald muss man sagen, dass wir aufgrund schwieriger Mehrheitsverhältnisse häufig Abwehrkämpfe führen und zum Beispiel die Finanzierung von Jugendeinrichtungen sicherstellen wollen. Kürzlich wurde auch über Gelder für Spielplätze und Lehrmaterialien für Kinder aus ärmeren Haushalten diskutiert. Da würde ich schon sagen, es ist unser Verdienst, dass wir diese Mittel retten konnten und gerade die ärmeren Haushalte diese Unterstützung weiterhin erfahren.
Wie können Sie innerhalb Ihrer Partei eigentlich eigene Ideen einbringen und umsetzen?
Wir pflegen als Partei eine Kultur, in der jeder und jede mit ihren Ideen vorkommen können. Hier in Greifswald haben wir zum Beispiel auf meine Initiative hin vorgeschlagen, einen Mietwucherrechner einzuführen. Also, die Stadt sollte ein Portal anbieten, in dem man seine Miete und ein paar Eckdaten zur Wohnung eingeben kann, sodass der Rechner dann ausspuckt, ob man zu viel Miete zahlt. Das kann im Zweifelsfall auch juristisch relevant sein, weil man dann vom Vermieter eine Mietminderung einklagen könnte.
Der Antrag hat leider keine Mehrheit in der Bürgerschaft bekommen, weil uns die Rechten und Konservativen auf die Füße getreten sind. Deswegen setze ich mich gerade dafür ein, dass wir diesen Mietwucherrechner für Greifswald als Partei betreiben, wenn die Stadt das nicht machen kann.
Sie haben Politikwissenschaften studiert, sind Landesvorsitzender der Linken, Teil des Bundesparteivorstandes und der Greifswalder Bürgerschaft. Was treibt Sie dazu an, scheinbar ihr ganzes Leben auf die Politik auszurichten?
Ich empfinde es als Privileg, dass man für Veränderungen kämpfen und sie herbeiführen kann. Sei es jetzt im Kleinen – an der Universität oder in der Stadt – oder eben auch auf großer Ebene im Landtag oder Bundestag. Es motiviert mich total, wenn wir uns was vornehmen, es umsetzen und dann auch merken, dass es bei den Menschen ankommt. Das ist ein Glücksgefühl.
Im September 2026 wird der neue Landtag gewählt. Was wünschen Sie sich dafür?
Ich kämpfe dafür, dass die Linke mit einem starken Mandat in den nächsten Landtag einzieht. Die Linke ist eine verlässliche antifaschistische und soziale Stimme. Es geht aber natürlich auch darum, den Rechtsruck im Land zu stoppen und zu beweisen, dass die Mehrheit im Land demokratisch ist und demokratisch wählt. Für Greifswald heißt das: Wir wünschen uns, das Direktmandat hier zu gewinnen.
Im Zuge der Landtagswahl im September 2026 spricht KATAPULT MV mit Politiker:innen von demokratischen Parteien, die zum ersten Mal für MVs höchstes Parlament kandidieren. Die AfD gehört nicht dazu.

