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KATAPULT-Festival

How to Festival

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Ein großer Bildschirm zeigt einen Lageplan des Festivalgeländes. „Das hier ist bis auf den Millimeter maßstabsgetreu“, sagt Patrick kopfschüttelnd. Stolz und Verwunderung schwingen mit. Er sagt auch Sätze wie: „Der frühe Vogel fängt die dicksten Kartoffeln.“ Max spricht von Sonnenaufgängen und Träumen, die er nie zu träumen gewagt hatte. Unterm Tisch liegt Hündin Dina. Sie liegt gern dort. So gern, dass sie zu schnarchen beginnt, während ich mit Max und Patrick spreche. Dina fühlt sich wohl. Max und Patrick auch.

Die beiden erfüllen gerade Wünsche. Ihre eigenen, aber auch die von vielen anderen. Erfahrung haben sie: Patrick war über Jahre hinweg an der Organisation des FiSH-Filmfestivals in Rostock beteiligt und auch privat organisierte er schon Konzerte. Max schuf bereits ein fiktives Festival in Lubmin. Für sein Thesenpapier gab es universitären Applaus.

KATAPULT MV: Wo ist dein Ort für besondere Momente in MV?

Patrick: Ich habe eine Liste mit Orten für besondere Momente. Sie befinden sich hauptsächlich an kleinen Flüssen oder Seen, wo wenig Leute sind. Man kann da baden oder angeln oder mit den Hunden draußen sein. Generell mag ich Orte, an denen möglichst wenig Menschen unterwegs sind.

Wofür steht Meck-Vorp?

Max: Im Land herrscht viel Pragmatismus. Rollkoffertouristen fallen mir immer wieder auf. Hier ist viel Leerstand, aber auch viel Potenzial. Raum für Möglichkeiten und Tristesse im Herbst und Winter gehören für mich zu Meck-Vorp.

Was war dein erster Festivalmoment?

P: 2007 bin ich ganz unvoreingenommen zur Fusion gegangen. Da haben 30.000 Leute gefeiert. Ich habe damals einen Graskeks gegessen und es ging mir 48 Stunden gar nicht gut. Das war zu viel für mich.

M: Ich war beim Ewig-Rocken-Festival in Prora, das es heute leider nicht mehr gibt. Da war Jennifer Rostock und ich habe mir mit Edding auf den nackten Oberkörper „I Herz Jennifer HRO“ geschrieben. So saß ich auf den Schultern eines Freundes und Jennifer hat mich sogar gegrüßt.

Warum gibt es ein KATAPULT-Festival?

P: Unsere Motivation ist es, eine Veranstaltung zu machen, die wir uns als Jugendliche hier in der Region gewünscht hätten. Mit Bands, mit DJs, mit geilen Spielen. So etwas gab es leider nicht, als wir Teenager waren.

M: Es ist eine Veranstaltung für unsere damaligen Ichs. Mir ist auch wichtig, dass Greifswald wieder auf einer Festival-Landkarte erscheint. Das wurde auch schon an uns herangetragen. Wir bekommen immer wieder Rückmeldungen von Menschen, die sagen: „Cool, dass ihr da oben wieder etwas macht.“


Was braucht ein gelungenes Festival?

P: Ein starkes Festival braucht vor allem Leute, die Bock haben, die motiviert sind. Natürlich braucht es auch ein geiles Programm und ein cooles Gelände.

M: Für mich ist ein Festival gelungen, wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Die Leute sollen Lust haben, andere Menschen kennenzulernen. Wenn sie dann noch Inspiration aus der Musik, aus dem Programm oder auch aus den Menschen, die da sind, ziehen können, ist das eine tolle Veranstaltung. Das auf einem Festival Kooperationen und sogar Freundschaften entstehen, finde ich wichtig.

Wird es ein Katapult geben?

M: Aus Sicherheitsgründen gibt es kein Katapult. Das wäre uns zu platt, zu plump, zu offensichtlich. Wir sind ja auch pazifistisch eingestellt. Wir katapultieren Informationen und Neuigkeiten. Das tut niemandem weh, oftmals. (lacht)

Warum organisiert ihr dieses Festival?

P: Wir sind beide interessiert an Musik, spielen selbst in einer Band und kennen die Kulturlandschaft in Meck-Vorp. Für uns war es wichtig, Kunstschaffende aus MV in das Festivalprogramm zu integrieren. Darum habe wir das Booking übernommen. Mit unserem Hintergrund aus dem Veranstaltungssektor macht das ja Sinn.

KATAPULT steht für eine bestimmte Atmosphäre. Auch für eine bestimmte Art, Dinge anzugehen. Was ist in der bisherigen Planung besonders katapultig für euch?

P: Für mich ist es der zeitliche Vorlauf, den wir haben. Wir planen mit einer Auslastung in der Spitze von 4.500 Gästen, die zeitgleich auf dem Gelände sein werden. Ein Festival in dieser Größenordnung braucht eigentlich eine Vorlaufzeit von sechs Monaten. Wir sind gerade dabei, alles in sechs Wochen zu organisieren. Egal mit welcher Behörde, mit welchem Amt oder mit welchem Dienstleister zu sprechen, die Antwort ist immer die gleiche: „Oh, das ist aber kurzfristig.“ Oder es fallen Stichworte wie „ambitioniert“ oder „sportlich“ oder „amtlich“.

M: Gerade fühlt es sich so an, als würden wir ein duales Studium machen. Wir erledigen unsere Arbeit und machen daneben eine Ausbildung zum Veranstaltungsmenschen.

Zur KATAPULT-Atmosphäre gehört aber auch, dass wir etwas machen, von dem wir wenig Ahnung haben und durch das wir gleichzeitig viel lernen. Wir haben in den letzten Wochen immer wieder Spaß gehabt und uns gegenseitig angetrieben. Egal wie kacke es manchmal war. Das macht den Geist bei KATAPULT aus.


Ein Festival auf die Beine zu stellen ist also mehr, als ein Gelände abzustecken und dem Ordnungsamt Bescheid zu sagen?

P: Es sind etwa 30 Seiten mehr. Damit die Veranstaltung stattfinden kann, mussten wir ein extrem umfangreiches, vielschichtiges Veranstaltungs- und Sicherheitskonzept vorlegen. Das haben wir in den letzten Wochen maßstabsgetreu zusammengeschrieben.

M: Wir haben alle Eventualitäten miteinbezogen und mögliche Lösungen und Handlungsempfehlungen aufgelistet. Wir haben wirklich versucht, an alles zu denken, und vielleicht 85 Prozent aller möglichen Situationen abgedeckt.

P: Wir melden ein Festival in einer Größenordnung an, die für Meck-Vorp schon groß ist. Da hängt dann zum Beispiel die Umweltbehörde dran, die guckt, wie das mit den Bäumen ist, was passiert mit dem Abfall, wie ist die Lautstärkeimmission? Dann müssen wir ein Verkehrskonzept erarbeiten. Dazu gehören auch Straßensperren und Parkplätze. Wo können Fahrräder abgestellt werden? Wie funktioniert das Pfandsystem? Wie ist das mit den Sicherheitsleuten? Ist die Veranstaltung bei der Gema angemeldet? Wir mussten auch Besucherprognosen abgeben, wann wie viele Menschen auf dem Gelände sein werden.

M: Bei der ersten Beratungsrunde im Rathaus waren 13 verschiedene Behörden und Ämter mit uns im Gespräch, die alle gesagt haben, was sie von uns erwarten. Wir versuchen jetzt, sie glücklich zu machen. Die erste Pille haben wir per Mail rübergeschoben und jetzt hoffen wir auf leuchtende Augen.

Mit welchen Momenten oder Situationen habt ihr in der Vorbereitung überhaupt nicht gerechnet?

P: Für mich ist das Überraschendste gerade erst vor drei Tagen eingetreten. Da war auf einmal das Forstamt auf dem Festivalgelände und hat sich den Baumbestand angesehen. Dabei haben sie festgestellt, dass ein Streifen dieser Bäume als Wald deklariert wurde. Nun ist es so, dass in MV eine Abstandsregelung von Wald zu allen baulichen Anlagen von 30 Metern gilt. Wir mussten unser Festivalgelände dementsprechend anpassen, damit wir die 30 Meter einhalten.

M: Mich hat richtig genervt, dass wir teilweise nicht auf Augenhöhe mit den verantwortlichen Dienstleistern sprechen konnten. Das war manchmal unfair. Wir haben immer transparent kommuniziert, dass wir zum ersten Mal so ein Festival auf die Beine stellen und kooperativ sind. Wir machen das Festival ja für die Stadt Greifswald und für Vorpommern. Wir finanzieren alles aus eigenen Mitteln. Deshalb fand ich den Umgang manchmal nicht gerade charmant.

P: Die Haltung der Behörden ist eigentlich immer eine ähnliche. Als Erstes wird immer die Gesetzeslage abgesteckt und alle beharren extrem darauf. Aber von manchen Sachen hat man als Laie noch nie gehört. Natürlich weiß ich nicht, was eine Gewerbeabfallverordnung ist. Die besagt, dass ich Restmüll dem Landkreis zuführen muss, während Gelber Sack, Glas und Papier an einen privaten Dienstleister kommen. Da geht es oft gar nicht so sehr um die Sache, sondern um ein Machtverhältnis. Das finde ich schon interessant.

Das klingt sehr anstrengend. Wie geht ihr damit um?

P: Dieses ganze Feedback war hart, aber es war auch hilfreich. Natürlich war es erst mal schwierig, weil wir so grün hinter den Ohren waren. Aber mit all den verschiedenen Rückmeldungen konnten wir ein vernünftiges Konzept entwickeln.


M: Es gibt auch helfende Hände. Die sind erst mal in ihrer neutralen Position der Sachbearbeiter:innen, aber die sagen auch: „Ruft uns an, wenn ihr Hilfe braucht.“ Letztendlich sind doch alle bemüht, dass wir das Festival innerhalb des gesetzlichen Rahmens durchziehen können.

Wart ihr schon an einem Punkt, an dem ihr alles hinschmeißen wolltet?

M: Na ja, hinschmeißen nicht direkt. Aber trotzige Phasen gab es, wo ich dachte, wir lassen das einfach. Vor einer Woche habe ich das zuletzt gedacht.

P: Wir hatten immer wieder die Erkenntnis, dass wir es so nicht hinbekommen. Zuerst wollten wir ein Festival mit 10.000 Personen anmelden. Das hätte nie geklappt.

Caterer und Sicherheitsleute sind gerade alle auf Festivals unterwegs. Wir sind froh, dass wir so kurzfristig überhaupt noch Leute gefunden haben, die bestimmte Aufgaben übernehmen, oder dass wir noch Veranstaltungstechnik bekommen haben. In diesem ganzen Sektor gibt es auch eine Ressourcenknappheit. Zum Beispiel bei Dixis: Wir haben versucht, Toiletten und Duschen zu bekommen, aber das ist aufgrund des Ukrainekriegs schwierig. Die Bundeswehr hat nämlich Klos und Duschkabinen vormerken lassen, um im Notfall irgendwelche Lager aufzubauen. Die haben dann höchste Priorität. Wenn die Bundeswehr sagt, dass sie die Kabinen jetzt braucht, dann müssen die auch verfügbar sein. Es ist irre, dass man über die Drehe schon wieder mit dem Krieg in Berührung kommt.

Auf welches Programm können sich die Festivalgäste freuen?

M: Das KATAPULT-Festival ist eine Mixveranstaltung aus Musik, Lesungen und Kinderspielen. Die Basis ist die Musik. Wir haben angefragt und gepuzzelt, bis wir jeden Tag vier bis fünf Acts hatten. Das Gleiche haben wir mit den Lesungen gemacht. Alles andere ist drum herum entstanden.

P: Es gibt etwa 20 Verlage, die im Verlagsdorf ihre Bücher vorstellen. Die Kinderspiele funktionieren in schnellen Runden. Drohnenrennen, Minispeedbootfahren, Baggerfahren. Dazu gibt es kleine lustige Sachen.


Worauf freut ihr euch am meisten?

M: Wir wissen gar nicht, ob wir uns etwas anschauen können oder nur links und rechts laufen. Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich Goldroger sehen könnte. Und auf Gwen Dolyn + Toyboys habe ich auch richtig Bock. Ich möchte aber gar nichts forcieren, stattdessen freue ich mich auf die vielen kleinen Momente und auf die Gespräche, die entstehen werden.


P: Ich freue mich, wenn wir irgendwann merken, dass es über uns hinausgeht, dass es über KATAPULT hinausgeht. Dass das Festival eine richtig große Sache ist und vielen Leuten etwas gibt. Wir spielen ja auch mit unserer Band auf dem Festival. Nach all den wirklich harten Wochen auf der Bühne spielen zu dürfen, wird ein emotionaler Moment. Das wird schön.

M: Anmerkung: Wir haben uns nicht selbst gebucht. Das hat Benni (Anm. d. Red.: Benjamin Fredrich, Geschäftsführer von KATAPULT) schon im letzten Jahr gemacht. Der hatte uns angefragt, zusammen mit den Ärzten und No Angels. Die haben aber abgesagt. (lacht)


Jetzt, wo ihr wisst, wie ein Festival organisiert wird: Würdet ihr es noch mal machen?

P: Absolut. Ich hoffe, dass wir nächsten Jahr wieder das Rock-und-Pop-Büro besetzen können. Etwas Dauerhaftes zu entwickeln, wäre richtig geil.

M: Dann hätten wir auch einen annehmbaren zeitlichen Vorlauf und könnten weiterhin die Leute vor Ort unterstützen. Wir hätten Künstler:innen von hier, Veranstaltungstechniker:innen von hier, Sicherheitspersonal und Caterer von hier. Und auch Baumaschinen, die wir ab und zu mal brauchen, versuchen wir, von hier zu besorgen.

P: Es melden sich auch viele Initiativen aus dem Land, die sich am Festival beteiligen wollen. Die finden gut, was wir machen. Das sind oft Organisationen, die sozial-gesellschaftlich engagiert sind, auch Musikschaffende. Es macht Spaß, zu sehen, dass sich da etwas entwickelt.

Stellt euch folgende Situation vor: Tobi aus Kummerow ist 18 Jahre alt und möchte ein Festival organisieren. Was ratet ihr ihm?

M: Hab Geduld. Lass dich nicht unterkriegen.


P: Auf dem Dorf gelten andere Voraussetzungen als in der Stadt. Hör dich um, quatsch mit Leuten, die etwas Ähnliches in einer ähnlichen Region gemacht haben. Es gibt jede Menge Baustellen, die man vorher nicht kennt. Aber eine Sache ist sicher: Tobi, du schaffst das.

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