Stephanie Nelles – Integrationsbeauftragte der Hansestadt Rostock – über die Herausforderungen der Zuwanderung in Deutschland, Mecklenburg-Vorpommern und Rostock.
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Interview

„Integration ist, wenn Menschen sich als fester Bestandteil einer Gesellschaft zugehörig fühlen“

Stephanie Nelles ist seit 2011 Integrationsbeauftragte der Hansestadt Rostock. Zuvor arbeitete sie viele Jahre als Sozialarbeiterin in Berlin-Neukölln, im österreichischen Graz und als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Göttingen und Rostock. Die politische Stimmung und die aktuelle Haushaltslage in Bund, Land und Kommune erschweren ihre Arbeit.
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KATAPULT MV: Was bedeutet für Sie Integration?
Stephanie Nelles: Ich finde, der Begriff „Integration“ wird überstrapaziert. In den aktuellen Debatten bekommt man den Eindruck, es gehe nur darum, dass sich die zugewanderten Menschen möglichst schnell anpassen sollen.

Deutsch lernen und unsere Kultur annehmen wird immer wieder als Integration verstanden. Diese Sichtweise ist jedoch sehr verkürzt, denn Integration ist ein Prozess und kein Endzustand. Menschen kommen hierher und haben die Möglichkeit, in unserer Gesellschaft ihren Platz zu finden und sich einzubringen. Integration ist ein dynamischer und wechselseitiger Austausch von zugewanderten Menschen und der Aufnahmegesellschaft. Integration ist keine einseitige Aufgabe.

Als Integrationsbeauftragte gestalte ich diesen Prozess gemeinsam mit vielen anderen Akteurinnen und Akteuren in der Stadt. Dazu gehören die Erarbeitung von Integrationsstrategien, Koordination von Maßnahmen sowie Netzwerkarbeit. Dabei ist es mir besonders wichtig, das Verständnis zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und den Abbau von Diskriminierung zu fördern.

Wie gelingt Ihnen diese Aufgabe im Arbeitsalltag?
Meine Aufgaben sind sehr vielfältig. Ich bezeichne mich selber oft als „Spinne im Netz“. Ganz viele Informationen kommen bei mir zusammen. Wir haben viele Programme, die vom Bund oder Land finanziert werden, und sich beispielsweise auf die schulische, sprachliche oder berufliche Integration beziehen. Ein großes Netzwerk an Trägern und Vereinen in unserer Stadt setzt diese Programme um und schaut, welche Ressourcen und Rahmenbedingungen sie benötigen, damit Menschen gut in unserer Gesellschaft ankommen können.

Aufgrund der schwierigen Haushaltssituation in Bund, Land und Kommune haben sich die Rahmenbedingungen auch für die Integrationsarbeit in den vergangenen Jahren verschlechtert. Es gibt, wie in anderen sozialen Bereichen, einen hohen Bedarf an Unterstützung, aber dafür fehlt Geld. In Rostock wie in ganz Deutschland haben es viele zugewanderte Menschen schwer, sich in die Gesellschaft einzubringen. Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten, eine bezahlbare Wohnung zu finden, müssen sie häufig in sogenannten Gemeinschaftsunterkünften leben, die eine Integration in die Stadtgesellschaft erschweren. Darüber hinaus fehlt es an ausreichenden Sprachkursangeboten, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Integrationsarbeit ist eine freiwillige Leistung der Kommune. Das heißt, dass die Stadtverwaltung genau prüft, ob dafür Finanzmittel im Haushalt zur Verfügung stehen. Und das ist angesichts der aktuellen Haushaltslage eine besondere Herausforderung.

Wenn Sie die Spinne sind, wie sieht dann das Netz aus Vereinen und Trägern aus, die sich in Rostock um Integration kümmern?
Wir haben in Rostock ein großes und aktives Integrationsnetzwerk, in dem verschiedene Träger, Vereine und die Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Zu meinen Aufgaben als Integrationsbeauftragte gehört es unter anderem, dieses Netzwerk zu koordinieren.

Um einen Platz in der Gesellschaft zu finden, braucht es Rahmenbedingungen, die über die Kommune hinausgehen. Wie blicken Sie auf die Integrationsbemühungen in Deutschland?
Das Thema Integration polarisiert die Gesellschaft wie kaum ein anderes. In der öffentlichen Wahrnehmung scheint es nur noch darum zu gehen, wie wir die Zahl der Menschen, die zu uns kommen, begrenzen können. Es ist ein sehr schwieriges Terrain, denn auch politisch werden die unterschiedlichsten Gründe hervorgebracht, die das Thema Integration erschweren.

Wir sprechen gefühlt nur noch darüber, wie wir Menschen abschieben, und nicht darüber, wie wir die Situation für alle verbessern können. Die ehemals vielgerühmte Willkommenskultur haben wir in Deutschland nicht mehr. Wir haben vor zehn Jahren im Rahmen der großen Fluchtbewegungen aus Syrien und dem Nahen Osten nicht alles richtig gemacht, aber wir waren gefühlt weiter als heute. Damals haben wir Vielfalt als etwas Positives geschätzt. Mittlerweile wollen viele vor allem abwehren und diskutieren gar nicht mehr darüber, wie stark wir auf Zuwanderung angewiesen sind. Der Fachkräftemangel ist im Moment überhaupt nicht im Fokus und dringt auch nicht durch. Es werden keine positiven Beispiele, keine erfolgreichen Integrationsgeschichten erzählt. Stattdessen fokussieren einige Nachrichten nur in eine bestimmte Richtung.

Leider gibt es auch immer wieder schlimme Geschehnisse, die dann wie Wasser die Mühlen der Populisten antreiben, die mit fürchterlicher Rhetorik auf uns einreden. Dabei vergessen wir aber die vielen sehr guten Beispiele in unserer Gesellschaft und auch in unserer Nachbarschaft. Wir vergessen die Menschen, die als Flüchtlinge hergekommen sind und sich jetzt stark für andere engagieren, die hier arbeiten, angestellt sind, etwas Eigenes aufgebaut haben, Steuern zahlen, das Sozialsystem unterstützen. Über diese positiven Beispiele wird oft nicht gesprochen.

Welche Aufgaben übernehmen Sie in Ihrem Arbeitsalltag?
Das strategische Integrationsmanagement ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Im Netzwerk haben wir ein Integrationskonzept erarbeitet, das von der Bürgerschaft beschlossen wurde. So ein Konzept braucht in der Umsetzung politischen Willen und einen dazugehörigen Raum, um sich damit auseinanderzusetzen. In guten Zeiten kann man viel bewegen, in schlechten Zeiten verwaltet man den Mangel. Wir sehen Probleme, haben aber zu wenig Mittel, um sie anzugehen.

Die konkrete und facettenreiche Integrationsarbeit macht viel mehr Spaß. Bei mir kommen viele Fragen an, die Menschen, Vereine und Gesellschaft zum Thema Integration haben. Oft melden sich Personen und bitten um Unterstützung mit dem Verwaltungsapparat oder bei Themen wie Diskriminierung und Rassismus.

Ich bin aber auch Ansprechpartnerin für die Beratungsinstitute und Vereine, organisiere Konferenzen. Wir haben die App Integreat eingeführt und führen gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Urbanistik ein Projekt durch, das Ankunftsquartiere stärken soll. Stadtteile mit hoher Zuwanderung wollen wir mit dem Aufbau von Strukturen und Integrationsangeboten unterstützen.In Rostock wie in anderen Städten konzentrieren sich Beratungsinstitutionen, Ämter und Verwaltung auf die Stadtmitte. Alles ist in relativer Nähe zueinander. Aber da, wo die Menschen wohnen oder untergebracht sind, gibt es kaum Angebote oder Möglichkeiten der Begegnung. Das wollen wir ändern und haben uns dafür die Stadtteile Schmarl und Groß Klein für das Projekt Ankunftsquartiere stärken ausgesucht. Dort versuchen wir, mit konkreten Projekten Hilfestellungen zu geben, sodass die Menschen sowohl in der Stadtgesellschaft, aber vor allem in ihrem Stadtteil ankommen können. Es ist wichtig, dass wir zu ihnen gehen und nicht erwarten, dass sie in die Kröpeliner-Tor-Vorstadt oder Stadtmitte kommen.

Welche konkreten Dinge können Sie aus Ihrer Position heraus tun, wenn Menschen Sie um Hilfe bitten?Häufig wenden sich Menschen an mich, die Beratung und Unterstützung bei behördlichen Angelegenheiten benötigen oder Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. Meine Aufgabe als Integrationsbeauftragte ist es, hier zwischen den verschiedenen Positionen zu vermitteln. Es passiert tagtäglich, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden und Rassismus erfahren. Allerdings ist es nicht immer einfach, das zu belegen. Aber es gibt viele Fälle, die eindeutig sind, und die müssen dann auch klar angesprochen werden.

Ein weiteres Problem, das bei mir fast täglich aufläuft, sind die langen Wartezeiten bei Terminvergaben in den Ämtern. Ich kann den Unmut der Menschen sehr gut verstehen. Ich weiß aber auch von der enormen Arbeitsüberlastung meiner Kolleginnen und Kollegen. Das ist ein Spagat, bei dem es aktuell für keine Seite eine befriedigende Lösung gibt.

Rostock ist eine der Städte in Deutschland mit der höchsten Segregation. Ist diese Situation in Ihrer Arbeit eine spürbare Herausforderung?
Das Thema Segregation ist durch eine Studie von Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin sehr präsent geworden. Da sind Schwerin, Rostock und Neubrandenburg leider weit oben auf der Liste der Städte mit der höchsten Armutssegregation. Die Studie hat für Rostock ergeben, dass in den Großwohnsiedlungen viele Familien und insbesondere Kinder leben, die von Armut betroffen sind.

Zur DDR-Zeit waren diese Großwohnsiedlungen sehr begehrt, während der Gebäudebestand in der Rostocker Innenstadt baufällig war. Nach der Wende wurde in der Innenstadt viel saniert. Im Vergleich dazu sind die Wohnungen im Nordwesten und Nordosten jetzt günstiger und dadurch für viele Menschen bezahlbar. Das ist auch der Grund, warum viele Migrantinnen und Migranten dort wohnen. Es ist ganz klar, dass die Integration in diesen Stadtteilen stattfindet und nicht am Neuen Markt.Im Rahmen unseres Projektes Ankunftsquartiere stärken etablieren wir in Schmarl und Groß Klein gerade das Projekt Stadtteilmütter Rostock. Es geht darum, dass Frauen mit einer Zuwanderungsgeschichte qualifiziert und als Mentorinnen für andere Frauen und Mütter eingesetzt werden. Für das Projekt konnten wir sehr engagierte Mitarbeiterinnen des Kinder- und Familienzentrums in Groß Klein als Projektpartnerinnen gewinnen. Vielleicht kommen auch Frauen ohne Zuwanderungsgeschichte dazu. In Wismar gibt es bereits ein ähnliches Projekt vom Roten Kreuz, das seit einigen Jahren erfolgreich ist.

In Rostock leben Menschen aus über 100 Ländern. Wie viele Sprachen sprechen Sie?
Leider nicht genug. Wer zu mir kommt und in der Herkunftssprache sprechen möchte, muss einen Dolmetscher oder Sprachmittler mitbringen. Allerdings ist das in meiner gesamten Zeit sehr selten passiert. Entweder sprechen die Personen schon so gut Deutsch, dass wir uns problemlos unterhalten können, oder ein Familienmitglied beziehungsweise eine Begleitung ist dabei, um sprachliche Hilfestellung zu geben.

Zu mir in die Beratung kommen in der Regel aber auch Menschen, die bereits längere Zeit in Deutschland leben. Ich bin keine Juristin, muss keine Verordnungen und Gesetze erklären und fälle keine Entscheidungen. Ich bin nicht das Migrationsamt oder das Jugendamt und vergebe weder Aufenthaltstitel noch entscheide ich über elterliches Sorgerecht. Ich habe nur die Möglichkeit des Gesprächs mit den Menschen.

Wann verzweifeln Sie am System?
Ich habe bereits angesprochen, dass sich Integrationsarbeit momentan so anfühlt, als wären wir um Jahre zurückgeworfen worden. Ich frage mich schon, warum wir immer wieder von vorne anfangen müssen. Warum lernen wir nicht aus unseren Erfahrungen und nutzen die vielen positiven Effekte der Zuwanderung. Mecklenburg-Vorpommern ist eines der Bundesländer, die am stärksten vom demografischen Wandel betroffen sind. Deutschlandweit brauchen wir einen Nettozuwachs von mindestens 400.000 Menschen pro Jahr. Das schaffen wir nicht ohne Zuwanderung und darauf müssen wir uns einstellen.

Wir brauchen Systeme für die Aufnahme von Migranten, die dauerhaft funktionieren und nicht immer wieder runtergefahren werden. Menschen, die nach Deutschland kommen, müssen Anerkennung und Wertschätzung erfahren, damit sie sich als Teil der Gesellschaft sehen können.

Aber auch die ständige Projektarbeit ist ermüdend und frustrierend, weil man immer wieder neu erklären muss, warum etwas wichtig ist und warum gute fachliche Arbeit Förderung braucht. Die Fluktuation in der Integrationsarbeit ist sehr hoch, weil die Leute bis an ihre Leistungsgrenze und darüber hinaus gehen und irgendwann die Reißleine ziehen.

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Wie motivieren Sie sich, wenn es schwierig wird?
Ich bin motiviert, wenn ich auf persönlicher Ebene hilfreich bin und das Leben einer Person oder einer Familie ein Stück besser oder leichter machen kann. Dazu gehören auch kleine, wirksame Projekte wie die Stadtteilmütter.

Wir feiern jedes Jahr die neuen Einbürgerungen in der Hansestadt. Das ist etwas, was mich sehr motiviert, weil ich sehe, dass es Menschen schaffen, sich hier ein Leben aufzubauen und Teil der Gesellschaft zu sein. Das ist nur ein Tag, aber solche Veranstaltungen zeigen mir, warum wir das alles machen. Diese kleinen Inseln sind wichtig für die Arbeit.

Außerdem gibt es so viele tolle Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten darf. Die vielen Menschen mit und ohne Zuwanderungserfahrung, die sich zivilgesellschaftlich in unserer Stadt engagieren, beeindrucken mich sehr. Das motiviert mich besonders und gibt Hoffnung.

Wenn Sie in die Stadtgesellschaft schauen: Wie nehmen Sie den Umgang von Rostockerinnen und Rostockern mit Zugewanderten wahr?
Es ist eine Sache, zu sehen, dass wir im gesellschaftlichen Umgang mit Integration gefühlt einen Rückschritt gemacht haben. Aber unsere Stadt ist in den vergangenen Jahren immer vielfältiger geworden, auch wenn es für einige Zugewanderte sicherlich nicht überall einfach ist, akzeptiert zu werden. Ich höre natürlich auch immer wieder von zugewanderten Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen.

Wenn Sie unbegrenzte Mittel hätten, welches Integrationsprojekt würden Sie gern umsetzen?
Es gibt so viele tolle und wichtige Projekte, die ich gerne finanziell unterstützen würde. Ein wichtiges Anliegen wäre das Thema Wohnraum für alle. Vielleicht sollten wir dabei auch einmal mutig sein und neue, innovative Wege gehen. Eine Idee wäre, in Modulbauweise barrierefreie und kostengünstige Wohnungen zu schaffen, die dann als Mehrgenerationen- und Vielfaltshäuser bewohnt werden. Solche Wohnprojekte, in denen verschiedene Menschen zusammenkommen, stärken die Integration enorm.

Haben Sie eine Argumentationshilfe gegen den Vorwurf, Integration sei gescheitert?
Wer behauptet, dass Integration gescheitert ist, macht unsere Zukunft kaputt. Integration darf gar nicht scheitern. Wir haben keine andere Wahl, denn Integration ist alternativlos und eine große Chance. Wir brauchen Menschen, die zu uns kommen. Ohne sie wird es nicht gehen.

Natürlich müssen die Strukturen für Zuwanderung da sein. Das ist momentan das Grundproblem: Wir scheitern nicht an der Integration, sondern an den Strukturen, die dafür notwendig sind und leider an vielen Stellen fehlen.

Natürlich gibt es Probleme, die benannt werden müssen, aber die gehören dazu, wenn Menschen zusammenwachsen und wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln. Wir neigen dazu, Dinge schlechtzumachen, und sprechen viel zu wenig über die vielen Menschen, bei denen es gut läuft. Wenn wir es schaffen, unseren Blick auch auf die vielen positiven Beispiele zu lenken, ist Integration definitiv nicht gescheitert.

Autor:in

  • Freier Redakteur

    Ist KATAPULT MVs Inselprofi und nicht nur deshalb gern am Wasser. Nutzt in seinen Texten generisches Femininum.

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