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Interview

Ehemaliger Glückstadt-Insasse Hossein N.

Von

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Zitat vom iranischen Kurden Hossein N. über Abschiebehaft: „Es ist besser, einmal zu sterben, als gefühlt täglich“

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KATAPULT MV: Herr N., bitte stellen Sie sich kurz vor: Wer sind Sie, woher kommen Sie und warum mussten Sie fliehen?

Hossein N.: Ich bin Hossein N., 52 Jahre alt und ein Kurde aus Iran. Dort war ich Mitglied der kurdischen Partei Komalah, die für die Freiheit für alle Leute in Iran kämpft, insbesondere für Kurdinnen und Kurden. Als meine heimliche Arbeit für die Partei entdeckt wurde, habe ich 1999 aus Angst vor einer Festnahme und um meine Sicherheit das Land verlassen.

Und sind dann Deutschland gekommen?

Dann bin ich zuerst in die Türkei gekommen. Dort wurde nach mehreren Jahren Warten mein Asylantrag abgelehnt. Weil mich die türkischen Behörden nach Iran abschieben wollten, bin ich nach Griechenland geflohen. An der Grenze wurde ich von der griechischen Polizei festgenommen und sollte nach Iran abgeschoben werden. In Griechenland saß ich zwei Jahre in Abschiebehaft. Ich wurde sehr krank, seelisch und körperlich – ich wurde mehrfach geschlagen. Dann wurde ich aus der Haft entlassen und bin noch einige Jahre in Griechenland geblieben. Ohne Aufenthaltserlaubnis, ohne Sozialhilfe, ohne Sicherheit. Ich musste auf der Straße schlafen und wurde von Rassisten bedroht. Aufgrund der Gefahr musste ich 2010 Griechenland wieder verlassen und bin in die Schweiz geflohen. Doch auch dort wurde mein Asylantrag abgelehnt und mir mit Abschiebung gedroht. Daher war ich gezwungen, 2013 nach Deutschland zu fliehen. Nach Dortmund und Neumünster kam ich dann nach Kiel.

2022 mussten Sie ins Abschiebegefängnis in Glückstadt. Wie erfuhren Sie davon?

Es war sehr schwierig. Neun Jahre lang hatte ich damals schon in Deutschland gewartet. Ohne Arbeitserlaubnis, ohne einen bewilligten Asylantrag. Ich habe immer nur Duldungen bekommen. Der Grund: Weil ich über Griechenland geflohen war. Laut dem Dublin-Verfahren müsste ich dahin zurück.

Ich hatte immer Angst vor der Abschiebung. An dem Tag im Jahr 2022, an dem ich einen Termin zur Verlängerung meines Personalausweises hatte, waren sie morgens früh bei mir zuhause: eine Sachbearbeiterin und andere Mitarbeiter der Ausländerbehörde in Begleitung der Polizei. Ich wurde festgenommen und zum Flughafen nach Hamburg gebracht. Dort habe ich mit den Flughafenbeamten über meine Situation gesprochen und gesagt, dass ich nicht abgeschoben werden möchte. Sie haben zugestimmt und mich der Ausländerbehörde in Hamburg übergeben. Die brachte mich in die Abschiebehaftanstalt Glückstadt.

Wie ging es Ihnen, was waren Ihre ersten Gedanken?

Ich war schockiert. Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich konnte nicht glauben, dass sie mich nach neun Jahren wirklich abschieben wollten. Warum? Aus welchem Grund? Was war meine Schuld? Ich hatte bis dahin immer noch eine kleine Hoffnung gehabt, doch noch einen Status zu erhalten.

Wie war es in der Abschiebehaft?

Das Gebäude ist sehr schick und modern. Jeder hat ein Einzelzimmer mit einem Bett, einer kleinen Badewanne und so weiter. Während des Tages durfte man in den Hof gehen.

Aber das hat alles keine Bedeutung. Du hast nur schreckliche Gefühle: Stress, Druck, Schlaflosigkeit, Angst. Das macht krank. Du hast keine Hoffnung, keine Sicherheit. Du kannst nichts genießen, denkst immer nur an deine schreckliche Zukunft.

Ich hatte so schwierige Erfahrungen in Griechenland gemacht, ich konnte nicht zurück. Dann habe ich gedacht: Es reicht. Sterben ist besser, als wieder nach Griechenland zu müssen. Es ist besser, einmal zu sterben, als gefühlt täglich. Also habe ich mit dem Hungerstreik angefangen.

Nach neun Tagen ging es mir gesundheitlich sehr schlecht. Eine Psychiaterin hat mit mir in der Haft gesprochen und mich dann für haft- und reiseunfähig erklärt. Deswegen wurde ich entlassen. Ich habe es erst nicht glauben können, aber sie haben mich entlassen.

Was hat Ihnen damals Kraft gegeben?

Ich habe oft ärztliche Hilfe bekommen. Mir wurde Blut abgenommen und es wurde kontrolliert, wie es mir geht und aufgepasst, dass mir nichts Schlimmes passiert.

Und dann sind 300 Leute nach Glückstadt gekommen, zu einer Kundgebung für meine Freiheit. Bis dahin dachte ich, dass ich alleine bin. Aber im Gegenteil: Es sind viele da, die helfen, unterstützen und Demonstrationen organisieren. Neben Glückstadt haben meine deutschen, iranischen und kurdischen Freunde auch in Kiel mehrmals Demonstrationen und Kundgebungen für mich abgehalten. Das hat mir viel Kraft gegeben und ein gutes Gefühl. Es war unglaublich.

Wie ist Ihr Aufenthaltsstatus heute?

Vor der Festnahme erhielt ich immer eine sechsmonatige Duldung. Seit der Entlassung nur noch dreimonatige. Vor ein paar Monaten wurde mein Aufenthalt statt um drei um sechs Monate verlängert. Aber die vielen Beschränkungen blieben: Arbeitsverbot, Reiseverbot – ich darf Kiel nicht verlassen. Ich habe einen Antrag auf Abschiebeverbot gestellt, aber der wird noch bearbeitet. Doch vor einigen Monaten hat ein Richter vorläufig entschieden, dass ich nicht abgeschoben werden darf. Das ist aber nicht endgültig.

Haben Sie Angst vor einem erneuten Abschiebeversuch?

Einige Monate nach meiner Entlassung hatte ich wieder große Angst vor Abschiebung. Doch nun, nach dem vorläufigen Rechtsspruch, fühle ich mich sicherer als vorher.

Was wünschen Sie sich?

Ich möchte eine Arbeitserlaubnis erhalten und irgendwo arbeiten, egal was. Es macht krank, wenn man jahrelang nicht arbeiten darf. Wenn man Arbeit hat, ist man beschäftigt, hat die Möglichkeit, sich in die Gesellschaft zu integrieren, man kann Steuern zahlen. Ich möchte ein normales Leben, wie ein normaler Mensch.


Das Interview erschien in Ausgabe 29 von KATAPULT MV.

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Fußnoten

  1. Die kurdische Partei wird von dem iranischen Regime als separatistische und terroristische Gruppierung eingestuft und ist in Iran verboten.

Autor:innen

Geboren in Rostock.
Aufgewachsen in Rostock.
Studierte in Rostock. Und Kiel.

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