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Kultur

Jüdisches Leben in Meck-Vorp

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Denke ich an Auschwitz, denke ich an Abbildungen im Schulbuch von abgemagerten, knöchernen Körpern. Kommunisten, Sinti und Roma, Homosexuelle, geistig Behinderte – der Nationalsozialismus zählt Millionen Opfer. In unserem kollektiven Bewusstsein sind es vor allem Jüdinnen und Juden, denen das größte Leid angetan wurde.

Noch heute sind die Folgen der Vernichtung sichtbar. Wobei, sichtbar ist das falsche Wort. Unsichtbar bezeichnet es eigentlich genauer. Ich bin in Meck-Vorp aufgewachsen, lebe wieder hier und habe keine Ahnung vom jüdischen Leben in unserem Land. So wie mir geht es offenbar vielen. In meinem Umfeld weiß niemand etwas über jüdische Kultur oder kennt eine jüdische Person.

Das war einmal anders. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierten 45 jüdische Gemeinden auf dem Gebiet unseres heutigen Bundeslandes. Nach dem Krieg lebten noch 150 Personen jüdischen Glaubens hier; zur Zeit der Wiedervereinigung noch 8 Personen. „Viele sind vorher in den Westen geflohen, weil es in der DDR eine starke antiisraelische Politik gab“, sagt Yuriy Kadnykov, Landesrabbiner von Meck-Vorp. „Die jüdische Gemeinde war nicht willkommen, wurde negativ betrachtet.“

Ich lasse mich von Kadnykov leiten. Er betreut die jüdische Landesgemeinde, die sich auf drei Orte – Rostock, Schwerin und Wismar – mit rund 1.200 Mitgliedern konzentriert. Fast 98 Prozent der im Land lebenden Juden und Jüdinnen kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Gemessen an der Gesamtbevölkerung von Meck-Vorp beträgt der Anteil der jüdischen Gemeinde weniger als 0,1 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, auf der Straße einer Person jüdischen Glaubens zu begegnen, ist sehr gering.

Das Klischee des ultraorthodoxen Juden, mit langem grauen Bart, Schläfenlocken und Mantel, sieht man bei uns sowieso nicht. Vielleicht trage jemand einen Kettenanhänger, aber auch das könne eine Person sein, die als Tourist in Israel war und sich dort einen Schmuckanhänger gekauft habe, meint Kadnykov.

Wer etwas über die jüdische Kultur bei uns erfahren möchte, besucht das Max-Samuel-Haus in Rostock, das sich mit der jüdischen Geschichte im Land auseinandersetzt, oder die jüdischen Kulturtage in Rostock. Seit 2015 finden sie jährlich statt. „Damals entschied sich die jüdische Gemeinde, ein Angebot für die breite Bevölkerung zu machen“, erklärt Kadnykov. Theater, Kinovorführungen oder Buchlesungen gehören zum Programm. Auch jüdische Sänger:innen und Komponist:innen treten auf. Hier treffen sich nicht nur die jüdischen Gemeinden, sondern auch verschieden Vereine und Interessierte. „Eines Tages“, so wünscht es sich der Landesrabbiner, „finden diese Veranstaltungen nicht nur in einer einzigen Stadt statt, sondern überall im Land.“

Dennoch gibt es nur wenige allgemeine jüdische Kulturangebote. „Wenn man sich nicht extra darauf konzentriert, kann man das schnell aus den Augen verlieren“, stellt Kadnykov fest. Innerhalb der jüdischen Gemeinde ist das anders. Gottesdienste, Schabbat, der wichtigste Feiertag in der Woche, sowie ein kulturelles Programm für die Gemeindemitglieder und soziale Arbeit finden statt, werden aber von außen nicht wahrgenommen. „Das ist wie bei jedem Betrieb, wenn er gut funktioniert, kriegt man wenig mit“, lacht Kadnykov.

Gedenken an den Widerstand

Am heutigen internationalen Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus nimmt auch die jüdische Gemeinde an Veranstaltungen teil. Aber sie organisiert keine eigenen Aktionen. Es ist nicht ihr Gedenktag. Der 27. Januar ist verbunden mit Auschwitz und einer Akzentlegung auf die Opfer der Nazis. Doch die jüdische Gemeinde möchte nicht darauf reduziert werden. „Wir sehen unsere Rolle etwas anders als die, die uns gern in die Schuhe geschoben wird. Wir nehmen uns selbstbewusster wahr“, erklärt Yuriy Kadnykov.

Im Judentum gibt es einen anderen Gedenktag. Bald nach der Schoah hatte man sich bereits auf ein Datum geeinigt, das mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto zusammenfällt. Jom haScho’a heißt der Gedenktag, der in diesem Jahr am 28. April stattfindet.

„Wir erinnern nicht nur an die Opfer, sondern auch an die Menschen, die gefallen sind, die Kämpfer“, erklärt Kadnykov. „Viele Juden in der damaligen Zeit haben bewusst gegen die Nazis gekämpft.“ Sei es in der Roten Armee, mit den Amerikanern, mit der britischen Armee, mit der Résistance in Frankreich und auch im Untergrund in Deutschland. „Wir sehen uns nicht als die Opfer von Auschwitz. Wir haben immer gegen diese Barbarei gekämpft“, sagt Kadnykov.

„Fühlen Sie sich sicher?“

Und dann komme ich unweigerlich zu einer für mich wichtigen Frage: Fühlen Sie sich hier sicher, Herr Kadnykov? „Ja“, antwortet der Landesrabbiner nach kurzem Zögern. Generell fühlten er und auch viele jüdische Gemeindemitglieder sich in Deutschland sicher. Doch es gebe auch immer wieder Besorgnis. Antisemitismus sei ein langer Kampf, für den Strategien entwickelt werden müssten. Yuriy Kadnykov sieht die Anstrengungen. Politik und große Teile der demokratischen Parteien nähmen diese Probleme wahr und versuchten, den Antisemitismus zu beseitigen.

Nichtsdestotrotz: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 ist noch präsent. „Es gibt immer wieder Menschen, die ihre Wahrnehmung so weitertreiben, bis sie versuchen, jemanden umzubringen. Aber das hat nichts speziell mit Deutschland zu tun. Das kann überall passieren“, sagt Kadnykov.

Besorgt blickt der Landesrabbiner auf die Einwanderung vieler muslimischer Geflüchteter, die oft eine antiisraelische Politik in der Schule gelernt hätten. „Da kamen Menschen mit bestimmten Vorurteilen und daran muss man arbeiten“, sagt er. Es brauche Aufklärungsarbeit, schulische Bildung und Freizeitgestaltung. „Da kann man mit gutem Beispiel die ganzen Vorstellungen auflösen“, glaubt der Landesrabbiner.

Antisemitismus ist alt. Über Jahrtausende wurden Juden als Fremdkörper wahrgenommen, „weil wir unsere Feste und unsere Kleidung hatten und in Ländern lebten, wo die allgemeine Kultur anders war“. Heute sei es anders. „Wir haben nicht die typischen Merkmale, wie man sie im Stürmer lesen kann. Das ist Propaganda“, hält Kadnykov fest.

Antisemitismus in Meck-Vorp spiegelt sich vor allem in Sachbeschädigungen wider, die meist vom politisch rechten Milieu begangen werden. Da müsse, so Kadnykov, noch mehr sensibilisiert werden. Gleichzeitig betont der Landesrabbiner: „Als damals der Anschlag in Halle war, haben wir gerade Jom Kippur gefeiert. Da kamen in Rostock die Bürger und Bürgerinnen und haben für uns eine Mahnwache abgehalten. Sie haben uns gezeigt, dass wir nicht alleine sind. Es gibt auch Menschen, die ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen wollen.“

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