Zum Inhalt springen

„L’Amour toujours“ von Gigi D’Agostino

Ein Lied als Symbol für heiteren Alltagsrassismus

Von

Lesedauer: ca. 2 Minuten

Überschrift: Partyrassismus zum Verwechseln. EIne Gegenüberstellung von einerseits Sylt und andererseits Bergholz, Neukalen, Banzkow und Schwerin. Parole: “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus” (bei beiden); Straftatvorwurf: Volksverhetzung (bei beiden); Vorteile über das Milieu: einerseits Richkids, andererseits Dorfis; Ort: einereits Nobelclub in Kampen, andererseits Erntefest, Dorfdisko, öffentliche Plätze; Reaktion der Öffentlichkeit: einerseits bundesweite Empörung, andererseits landesweite Gleichgültigkeit

Artikel teilen

Erst auf einer Veranstaltung am Pfingstwochenende in Banzkow (Landkreis Ludwigslust-Parchim) sowie am Wochenende darauf auf dem Bertha-Klingenberg-Platz in Schwerin sangen mehrere Personen zu dem Popsong „L’Amour toujours“ des italienischen DJs Gigi D’Agostino rassistische Parolen. Die Kriminalinspektion Schwerin ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Zum Fall in Banzkow am 18./19. Mai bitten die Ermittelnden weiterhin dringend um Zeugenhinweise: telefonisch unter 038208 / 888 2224 oder über die Onlinewache.

Rassistische Gesänge nicht neu

Das erste Mal sorgten die rassistischen Gesänge „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ am 14. Oktober auf einem Erntefest in Bergholz (Vorpommern-Greifswald) für Aufsehen. KATAPULT MV berichtete zuerst. Anfang dieses Jahres kam es zu einem weiteren Vorfall auf einer Abiparty in Neukalen (Mecklenburgische Seenplatte). Nach ähnlichen Vorfällen deutschlandweit hat vor allem das Video einer Party an Pfingsten im Club Pony in Kampen auf Sylt deutschlandweit Empörung ausgelöst. Der Staatsschutz ermittelt.

Medien, die KATAPULT MV zitiert haben: Stern, Tagesschau, WDR, ZDF heute, taz, Correctiv, NDR Schleswig-Holstein; Medien, die KATAPULT MV nicht zitiert haben: Nordkurier, Ostseezeitung, SVZ

Derzeit ermittelt die Polizei zum Fall Neukalen und die Staatsanwaltschaft zum Vorfall in Bergholz. In der Vergangenheit gab es weitere Vorfälle, in denen die Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ ohne Bezug zum Lied von D’Agostino – teils nichtöffentlich – gerufen wurde: zweimal 2023 in Greifswald, einmal 2024 in Stralsund sowie auf einer Gegenveranstaltung zu einer Demokratiedemonstration in Pasewalk im Februar 2024. Viele weitere Fälle dürften der Polizei unbekannt sein.

Die Aussage „Ausländer raus“ allein ist keine Volksverhetzung, dafür müssen weitere Begleitumstände hinzukommen, wie das Verwenden von NS-Kennzeichen, beispielsweise dem Hitlergruß oder der Reichskriegsflagge.

Rassismus als Trend

Begonnen als Gag in Neonazikreisen, wurde das umgedichtete Lied zum Internetphänomen und ist mittlerweile ein Symbol für heiteren und enttabuisierten Alltagsrassismus. Der 25 Jahre alte Song findet sich in Deutschland in unterschiedlichen Versionen mittlerweile sogar auf Platz 1 und 2 der Downloadcharts bei iTunes und wird mit den rassistischen Parolen auf Feiern und auf der Straße gegrölt. Die Polizei rät, sich in solchen Fällen sofort von dem Geschehen zu entfernen und in jedem Fall die Veranstalter:innen oder die Polizei zu informieren.

iTunes-Downloadcharts, Stand 29. Mai, 10:31 Uhr: Platz 1: L'Amour toujours (Small Mix) – Gigi D'Agostino; Platz 2: L'Amour toujours – Gigi D'Agostino; Platz 7: L'Amour toujours (Tanzen Vision Rmx) – Gigi D'Agostino; Platz 19: L'Amour toujours (Original Radio Version) – Gigi D'Amour; Platz 26: L'Amour toujours (L'amour Version) – Gigi D'Agostino

Übrigens, wer diesen geschmacklosen Ohrwurm nicht loswird: „Arschlöcher raus“ passt auch gut auf die Melodie.


Weitere, bekannte Fälle in MV

MV braucht mehr als nur eine Zeitung pro Region. Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Fußnoten

  1. E-Mail des Polizeipräsidiums Rostock vom 29.5.2024.
  2. Auch in dem Club Rotes Kliff sollen Feiernde die rassistischen Parolen gegrölt haben.
  3. E-Mail des Polizeipräsidiums Neubrandenburg vom 29.5.2024.
  4. E-Mail der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg vom 29.5.2024.
  5. E-Mail des Polizeipräsidiums Neubrandenburg vom 29.5.2024.
  6. Rath, Christian: Auch Ras­sis­t:in­nen geschützt, auf: taz.de (27.5.2024).
  7. Polizeipräsidium Rostock (Hg.): Ausländerfeindliche Parolen skandiert – Kriminalpolizei ermittelt, auf: presseportal.de (27.5.2024).

Autor:innen

Geboren in Rostock.
Aufgewachsen in Rostock.
Studierte in Rostock. Und Kiel.

Neueste Artikel

Trock´ne Zahlen zu Rechtsextremen und Antidemokrat:innen. Die wir vor der Wahl recherchiert haben: 70, die davon in die Lokalpolitik gewählt wurden: 46.

19.06.2024

Rechtsextreme und antidemokratische Lokalpolitiker:innen

Sie haben es geschafft: Diese Rechtsextremen und Antidemokrat:innen wurden in Stadtparlamente, Gemeindevertretungen, Kreistage, Bürgerschaften und Bürgermeisterämter in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Eine Übersicht.

19.06.2024

Bunte Bürgerschaften

Mit der Kommunalwahl hat sich auch die Zusammensetzung der Stadtvertretungen von Greifswald, Stralsund, Rostock und Wismar geändert. Anders als in anderen Städten MVs werden diese „Bürgerschaften“ genannt. Kreisfreie und große kreisangehörige Städte dürfen ihre Vertretung so nennen, wenn „dies mit ihrer Geschichte übereinstimmt“. Damit wird auf die hanseatische Vergangenheit der Orte abgestellt. Ob die Wahl am 9. Juni die Zukunft der Städte in eine neue politische Richtung lenkt, wird sich zeigen. Künftig sitzen hier auf jeden Fall viel mehr unterschiedliche Personen zusammen.

18.06.2024

Private Fehde auf Kosten der Stadt?

Eigentlich wollte ein Verein in Waren einen Bauspielplatz errichten. Doch das Vorhaben wurde zum Politikum. Am vorläufigen Ende steht ein Rechtsstreit des Vereins mit einem Stadtvertreter, der sich weniger um die Sache als vielmehr um private Befindlichkeiten zu drehen scheint. Für die Stadt ist das Projekt nun vom Tisch. Doch eine Frage bleibt: Wie weit dürfen Stadtvertreter:innen auf Kosten der Stadt und gesellschaftlich Engagierter eigentlich gehen?