Warum kann man die Grundfarbe von Fassaden mancherorts vor lauter Graffiti kaum noch erkennen? Und was steht dort eigentlich? Dieser Artikel öffnet ein kleines Fenster für alle, die sich schon mal solche Fragen gestellt haben. Dabei gilt: Nicht alles, was mit einer Farbdose auf Wände gesprüht wurde, ist auch ein Graffito. Über die feinen Unterschiede und das Lebensgefühl dahinter hat sich KATAPULT MV mit zwei Graffitikünstlern unterhalten.
Es gibt ungefähr so viele verschiedene Stile, Motivationen und Zugehörigkeiten, wie es Menschen gibt, die eine Sprühdose in der Hand haben. Das Werkzeug mag das gleiche sein, Beweggründe und Umsetzung unterscheiden sich jedoch enorm. Sicher ist aber: Graffiti sind in MV fast so häufig wie Hansa-Sticker – in jedem Ort sind welche zu finden.
Manchmal ist es schwierig zu erkennen, vor was für einem Motiv man gerade steht und welche Bedeutung es haben könnte. Dabei kann von mutwilligem Vandalismus und politischen Botschaften über künstlerischen Ausdruck und leidenschaftlichem Hobby bis zur professionellen Auftragsarbeit im gleichen Straßenzug so ziemlich alles vertreten sein.
An einem Donnerstag Mitte August haben sich die Graffitikünstler The Nature und Coaster zum Sprühen verabredet. The Nature und Coaster sind ihre Sprühernamen, also Pseudonyme, anhand derer sie nicht ihre Klarnamen offenbaren müssen, ihre signierten Graffiti ihnen aber immer zuzuordnen sind. Beide sprühen seit mehr als zwanzig Jahren und geben mittlerweile auch Workshops für Kinder.
Die freigegebenen Außenwände der Turnhalle im Rostocker Stadtteil Dierkow haben die beiden am Vormittag bereits grundiert und arbeiten nun nebeneinander in der Mittagssonne bei fast vierzig Grad.

Bomberjahre: Die Welt in Chrom und Schwarz
Mittlerweile kenne er in ganz MV in jeder Stadt mindestens einen „Sprüherkumpel“: The Nature ist für die Verabredung mit Coaster heute extra knapp zwei Stunden nach Rostock angereist und beschreibt die Szene im Land insgesamt als lebhaft und gut vernetzt. Die einzelnen Sprüher:innen oder Gruppen würden sich gegenseitig besuchen und zum gemeinsamen Sprühen an verschiedenen Orten treffen. Tatsächlich wurden an manchen Orten bereits Vereine gegründet, wie Urban Art MV in Greifswald oder Graffiti Freunde Schwerin. Mehrmals im Jahr werden außerdem an unterschiedlichen Orten – vom kleinen Jugendklub bis zum großen Event – öffentliche Graffiti Jams oder Sessions veranstaltet. Das sind große Treffen, bei denen gemeinsam auf freien Flächen gemalt wird, aber auch Workshops angeboten werden. Allein in den letzten Monaten gab es solche Jams zum Beispiel im Juni anlässlich der FritzArt in Stavenhagen, im Juli beim Zugeschmiert SummerJam in Wismar und im August am Club Zenit in Schwerin.
Der Anfang sei schwer gewesen. The Nature berichtet, wie Ende der Neunzigerjahre Graffiti vor allem eine sehr territoriale Angelegenheit waren. In der Gegend, in der er in Neubrandenburg aufwuchs, gab es immer „die Großen“, die ihn abzogen oder verprügelten, wenn er in „ihrem“ Viertel versuchte, zu malen. An den Wänden dominierte das sogenannte Bombing, also möglichst schnelle, große und einfache Buchstaben, meistens in Chromfarbe und Schwarz. Legale Flächen hätten noch nicht wirklich existiert und vielerorts galten Graffiti eher als Jugendstraftat.
Mit dem Schülerticket fuhr The Nature nach Berlin, drehte Runden in der Ringbahn, um sich Graffiti anzusehen, und fand bald Anschluss an seine erste Gruppe. Dort ging es besonders darum, „wer die meisten S-Bahnen bemalt hat oder die krassesten Hauptstraßen“. Das Illegale und der Nervenkitzel standen im Vordergrund und die Aktionen waren damals für viele der Einstieg in die Szene. Zum Teil auch, weil es an legalen Flächen mangelte. Wer sich Zeit nehmen will, um sich beim Malen Mühe zu geben oder besser zu werden, weicht auch heute noch auf Lost Places aus, also verlassene oder ungenutzte Gebäude. Das sei zwar „nicht ganz legal, aber es interessiert auch niemanden“, erzählt The Nature.
Botschaften aller Art
Neben den Bombern und ihren schnellen, blockigen Buchstaben prägen noch andere Sprühdosenbotschafter:innen die Fassaden. Die kleinste Einheit ist ein Tag, der als eine Art Kürzel oder Signatur zum schnellen Markieren genutzt wird. Unter diesen Tags finden sich häufig nicht nur Signaturen, sondern auch Ziffern, Codes sowie politische Botschaften. Mit Spraydosen und Schablonen lässt sich öffentlichkeitswirksam auch eine politische Meinung oder Stimmung kundtun. Manche sehr klar und offensichtlich, andere dagegen verschlüsselt. Einige Ziffern entsprechen beispielsweise einem Buchstaben im Alphabet (1 entspricht A, 2 entspricht B und so weiter) und ergeben in ihrer Zusammensetzung einen Sinn, der sich aber oft nur denen erschließt, die diese Codes lesen können. Andere Zahlen zeigen Paragrafen aus dem Strafgesetz und können sowohl als versteckte Drohung als auch als Legalisierungsappell gelesen werden. Eine der bekanntesten dieser Art ist die Zahl 187, die mit einem gleichnamigen Film aus den USA1 und einer Hip-Hop-Gruppe aus Hamburg sogar schon Eingang in die Popkultur gefunden hat. Im kalifornischen Strafgesetzbuch behandelt Paragraf 187 den Tatbestand des Mordes, weshalb die Zahl zunächst von Banden in den USA als Drohung verwendet wurde, mittlerweile aber auch an Fassaden in MV zu finden ist.
In MV nur sehr schwer zu übersehen sind vor allem Fußballtags der Vereinssympathisant:innen um den FC Hansa Rostock. Laut The Nature haben diese Sprühereien allerdings wenig bis gar nichts mit Graffitikünstler:innen oder Graffitigruppen zu tun, sondern stünden vielmehr für sich und einen Teil der Hansa-Szene. Dass Fans ihren Fußballverein auch mit der Sprühdose unterstützen und dessen Farben verbreiten, sei üblich und nicht nur auf Hansa beschränkt.

Mit Stil und Fingerspitzengefühl
„Zum Graffiti gehört immer ein Style“, betont Coaster. Nur weil jemand eine Farbdose benutzt, seien das noch lange kein Graffiti. Beide sind sich einig, dass ein Graffito ein Schriftzug mit einem eigenen Stil ist, keine Landschaften oder Comicfiguren. The Nature und Coaster verstehen sich als Stylewriter, die sich darauf konzentrieren, „das Beste aus den Buchstaben rauszuholen“. Stylewriter widmen sich kunstvollen Schriftzügen und dem Experimentieren mit Schrift und Ästhetik. Dahinter steckt oft jahrelange Übung, deren Ziel es auch ist, den eigenen Stil von dem anderer Graffitikünstler:innen abzuheben.
Schon als Kind hatte The Nature stundenlang mit Buntstiften auf Papier gemalt, bevor er das erste Mal mit einem Edding den Spielplatz in seinem Wohnviertel verschönerte. Coaster zeichnet und malt immer noch viele Skizzen, bevor er mit Farbdosen an eine Wand sprüht. Letztendlich male jede:r anders, weshalb es wichtig sei, sich auszuprobieren, erzählt The Nature. Manche bringen Skizzen mit zur Wand – andere malen freistil.
Um den eigenen Stil zu finden und herauszuarbeiten, brauche es viel Ausdauer. Auch deshalb, weil es viele verschiedene Sprühdosen mit unterschiedlichen Aufsätzen gibt, die sich nicht nur augenscheinlich in der Farbe, sondern auch hinsichtlich Druck oder Farbstreuung unterscheiden. Sprühdosen mit weniger Druck eignen sich gut für langsames Sprühen, während Sprühdosen mit viel Druck beliebter zum Bomben sind, aber auch schneller leer. Die Aufsätze streuen den Farbauftrag und eignen sich entsprechend für saubere, feine Linien oder unsaubere, grobe Flächen. Das Sprühen selbst braucht ziemlich viel Fingerspitzengefühl.
The Nature und Coaster malen in zwei sehr unterschiedlichen Stilen. An der Turnhallenwand in Dierkow kann man das besonders deutlich beobachten, weil beide für heute ausgemacht haben, das gleiche Wort nebeneinanderzusprühen. Coaster malt dabei sehr sauber mit klaren Linien und kräftigen Farben und ist bereits bei seiner sechsten Schicht angekommen. The Nature malt dagegen weniger sauber und viel gestreuter, beinahe abstrakt und mit Pastellfarben. Am Ende machen sie Fotos von ihren fertigen Werken, die sie dann in Fotoalben sammeln.
„Ich bin auch schon Fallschirm gesprungen und habe Bungee-Jumping gemacht“, erzählt The Nature. „Aber das reizt mich alles nicht so wie Graffiti.“ Dass er nie hundertprozentig zufrieden mit seinen Schriftzügen sei, sporne ihn dabei zusätzlich an. Für ihn gibt es da kein Ende, wo er sich immer weiterentwickeln kann, und er fühlt sich darin bestätigt, wenn seine Graffiti an seinem eigenen Stil erkannt werden.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 48 von KATAPULT MV, die ihr im Abo oder im Shop bekommen könnt!
- 187 – Eine tödliche Zahl, Regie Kevin Reynolds, USA 1997. ↩︎

