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Meeresmuseum Stralsund

Archäologen finden Kirche in einer Kirche und Gräber unterm Fahrstuhl

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Für die Wissenschaft ist der Umbau des Meeresmuseums ein wahrer Glücksfall. Denn das Gelände, auf dem es steht, das ehemalige Katharinenkloster, ist eine echte archäologische Schatzkammer. Für die umfangreichen Sanierungsarbeiten müssen archäologische Gutachten eingeholt werden. Und die bringen so einiges zutage: So haben die Archäologen um Grabungsleiter Jörg Ansorge die Überreste einer Vorgängerkirche innerhalb des Chors des ehemaligen Klosters St. Katharinen entdeckt. Das Feldsteinfundament der Kapelle lag vermutlich auf dem Hof des Rügenfürsten, der dieses Gelände auf dem höchsten Punkt der Hansestadt, neun Meter über Normalnull, schließlich den Dominikanermönchen überließ. Die gründeten 1251 das Katharinenkloster, das bis heute erhalten ist. Seit siebzig Jahren wird es nun vom Meeresmuseum und seit fast 170 Jahren vom heutigen Stralsund-Museum (ehemals: kulturhistorisches Museum und Provinzialmuseum für Neuvorpommern und Rügen) genutzt. Der einstige Chor des Katharinenklosters ist heute ein Teil der Ausstellung im Erdgeschoss, in der die Besucher jahrelang ein hängendes Finnwalskelett bestaunen konnten.

Der Finnwal im Chor des Katharinenklosters ist für die Zeit der Sanierung gut verpackt. (Foto: Anna Hansen)

Fund soll für künftige Besucher erlebbar werden

Die entdeckten Fundamente gehören zur ältesten bekannten Kirche Stralsunds. Museumsdirektor Andreas Tanschus sagt dazu: „Wir vermuteten ja einige interessante Funde im Zuge der archäologischen Untersuchungen, doch mit so einem umfangreichen Bodendenkmal haben wir nicht gerechnet.“ Man wolle sich solch eine einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen und auch künftigen Besuchern zugänglich machen: „Wie genau, wird gerade noch mit den Ausstellungsplanern, Bauforschern und Architekten geplant.“ Der seltene Fund stelle das Team trotzdem vor große Herausforderungen. „Es wird uns aber ganz sicher gelingen“, ist sich Tanschus sicher. „In der Archäologie ist natürlich jeder Fund spektakulär, aber dieser hier ist wirklich herausragend“, freut sich Grabungsleiter Jörg Ansorge. Die Vollständigkeit, in der das Fundament aus dem 13. Jahrhundert erhalten ist, sei ungewöhnlich. Auch dass überhaupt Grabungen in einer Kirche durchgeführt werden konnten, die noch genutzt wird, sei ein seltener Fall. Das Meeresmuseum hat im Zuge der umfassenden Sanierungsarbeiten des Hauses, um den Chor barrierefrei zu gestalten, die etwa 40 Zentimeter bis zum Feldsteinfundament der Vorgängerkirche freigelegt – zum Glück der Archäolog:innen und Stadthistoriker:innen.

Freigelegt: das Feldsteinfundament der Vorgängerkirche. (Foto: Anna Hansen)

Weitere Funde: Vierzig Leichen unterm Fahrstuhl

Doch nicht nur die Vorgängerkirche verblüfft den Archäologen: Auch drei Gruften und zwei Erdgräber wurden gefunden. „Drei aus Backsteinen gemauerte Gruftanlagen und zwei Erdgräber dienten offenbar der Bestattung herausragender Mitglieder der Stifterfamilie und später auch des pommerschen Herzogshauses“, vermutet der Grabungsleiter. Unter dem Fahrstuhl im Erdgeschoss wurden zudem die Überreste von etwa 40 Menschen gefunden, die dort bestattet wurden. „Wir haben schon geahnt, dass sich unter der Kirche einiges verbirgt“, berichtet der Museumsdirektor. „Darüber kann man gewiss Geschichten erzählen, die man aber nicht beweisen kann“, schmunzelt Ansorge. Es soll sich bei den gefundenen Gräbern jedoch um die von höhergestellten Herzög:innen von etwa 1325 handeln. Die Archäologen sind sich sicher, dass sich weitere Siedlungsspuren auf dem Gelände des Meeresmuseums befinden.

Grabungsleiter Jörg Ansorge von der Grabungsfirma „Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern“. (Foto: Anna Hansen)

Die Explosion von 1770

Schon im vergangenen Jahr fanden die Wissenschaftler:innen unter dem Innenhof, dem ehemaligen Klostergarten, Dutzende Skelette von Menschen. Sie vermuten, dass sie einer Explosion zum Opfer fielen. Das Pulvermagazin der schwedischen Garnison befand sich einst nur wenige Hundert Meter entfernt. Es gebe Belege, dass es 1770 hochgegangen sei, erzählt der Ausgrabungsleiter. Auf diese Zeit konnten auch die Skelette datiert werden. Im Kloster waren zeitweise auch eine Schule, das Armenhaus und Magazine des schwedischen und preußischen Militärs untergebracht.

Etwas unspektakulärer, jedoch nicht minder wertvoll ist ein weiterer Fund aus dem 13. Jahrhundert: Im Klostergarten fand das Grabungsteam einen teilweise vergoldeten Siegelstempel. Er gehörte einem dort lebenden Dominikanermönch, sagen die Archäolog:innen. Ähnliche Relikte fanden sie auch schon bei den Grabungen im Zuge des Ozeaneum-Baus.

Gemauerte Gruften und eine vergessene Schaufel zeugen von den Spuren der Vergangenheit. (Foto: Anna Hansen)

Meeresmuseum ab 2024 wieder geöffnet 

Die archäologischen Untersuchungen am Meeresmuseum seien nun abgeschlossen. Für Jörg Ansorge ist die freigelegte Kirche im Meeresmuseum unter den „Top Ten der Denkmäler in der Hansestadt“. Für das Museumsteam steht nun die Überarbeitung der Raumplanung im Chorbereich an, um die Historie des Gebäudes auch zukünftigen Museumsgästen vermitteln zu können. Planungsmäßig wird das Museum 2024 wieder für Besucher öffnen.

Das Obergeschoss des Museums: Wo früher unter anderem die Lederschildkröte und Fischereihandwerk präsentiert wurden, ist nun alles bereit für die Sanierung. (Foto: Anna Hansen)
Bis auf die Weltkugel wurde auch im Erdgeschoss alles freigeräumt. (Foto: Anna Hansen)

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Redakteurin bei KATAPULT MV.

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