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Abfallwirtschaft

Müllland MV

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Eigentlich wollten sie nur Anregungen für Frühlingsgedichte auf einem Spaziergang sammeln. Papier, Flaschen, Masken, Dosen und Kippenstummel haben sie gefunden. Damit wurde im vergangenen Jahr das Frühlingsprojekt zu einer regelmäßigen Müllaktion. Seitdem sammelt die Klasse 6 der Greifswalder Montessorischule alle zwei bis drei Monate den Müll rund um ihr Schulgelände. Bei der letzten kleinen Aktion Mitte Januar kamen in drei Minuten drei Müllsäcke zusammen. Eine größer angelegte Aktion im vergangenen Jahr erbrachte insgesamt 16 Kilogramm.

Für die Schüler Mattis und Hugo ist das eindeutig zu viel. Das Gleiche beobachten sie auch in anderen Teilen der Stadt oder in nahegelegenen Waldstücken. Da würden manchmal sogar Autoreifen oder Sperrmüll liegen. Für ihre Mitschülerin Raja ist es unverständlich, warum so viel Zeug auf der Straße liegt, wenn es doch überall Mülleimer in Sichtweite gibt. Zumindest um ihre Schule herum. Das sei enttäuschend. Und dass es wirklich so viel ist, dafür würden sich viele gar nicht interessieren.

In drei Minuten sammelten die Schüler:innen der 6. Klasse der Greifswalder Montessorischule knapp drei Säcke Müll. (Foto: M. Rust)

Die Schüler:innen haben das Gefühl, dass es immer mehr wird. Das bestätigt auch die Statistik der letzten Jahre. In Mecklenburg-Vorpommern nahm die Menge an Haushaltsabfällen über die letzten fünf Jahre erheblich zu. Wie Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, waren besonders im ersten Corona-Jahr 2020 die Mülleimer in MV voll. Durchschnittlich 19 Kilogramm mehr landeten im Vergleich zum Vorjahr im Hausmüll – pro Kopf. Das erklärt aber nicht, warum nun auch mehr Müll auf der Straße liegt. Fehlen uns etwa Müllmänner und -frauen?

Fachkräfte und Nachwuchs in der Abfallwirtschaft

Sucht man im Internet nach „Ausbildung“ und „Müllmann“, stößt man schnell auf die dreijährige Ausbildung zur Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft und – auch hier – auf viele offene Stellen: Schwerin, Greifswald, Stralsund – überall suchen Unternehmen Lehrlinge. Jedoch liegt das weniger daran, dass es niemand machen will. Es fehle die Kenntnis über diesen Ausbildungsberuf, erklärt Sabine Schröter von der Schweriner Abfallentsorgungs- und Straßenreinigungsgesellschaft: „Die Ausbildung ist sehr vielseitig.“ Um sie zu absolvieren, benötigt man „ein umfangreiches Wissen in Biologie und Chemie, weil die Labortätigkeit ein wichtiger Bestandteil ist“. Es geht darum, Leute auszubilden, die in Stadtreinigungsbetrieben, Müllverbrennungsanlagen, auf Mülldeponien oder in Recyclingfirmen wissen, wie man mit bestimmten Schadstoffen umgeht oder Stoffgemische trennt. Sehr wichtige Personen bei unserem steigenden Müllaufkommen, sagt Schröter. Doch bleiben die Ausbildungsstellen oft unbesetzt, weil sich Personen bewerben, die etwas ganz anderes wollen: und zwar hinten auf dem Müllauto mitfahren.

Dabei ist die Müllfrau oder der Müllmann oft einfach eine Hilfskraft, die über Zeitarbeitsfirmen oder Arbeitsagenturen vermittelt wird. Die Nachfrage sei groß, so Schröter. Es ist ein begehrter Beruf ohne Ausbildung, lediglich ein Anlernen im Betrieb ist erforderlich, mit gutem Gehalt und besonders wichtig: Müllentsorgung und -sortierung wird es immer geben und ist daher krisensicher. Oft bewerben sich LKW-Fahrer, die aus dem Fernverkehr raus und an einem festen Wohnort leben möchten, erklärt eine Mitarbeiterin der Entsorgungsgesellschaft Vorpommern-Greifswald. Aber es gibt auch vereinzelt Quereinstiege von Menschen, die mehr körperlich arbeiten wollen. Von 20 bis 60 Jahren sei alles dabei. An der Nachfrage nach dem Beruf liegt es also nicht.

Endlosschleife trotz Alternativen

Natürlich könnte man nun die Stadt verantwortlich machen, sie müsse mehr Reinigungsfirmen beauftragen. Sabine Schröter zufolge gibt es jedoch noch eine zweite Möglichkeit: „Wir halten die Stadt selber sauberer.“ Motivieren könnte dabei auch ein Blick auf den aktuellen Bußgeldkatalog des Landes, der das Entsorgen von Hausmüllabfällen in der Natur mit bis zu 200, in besonderen Fällen mit bis zu 2.000 Euro beziffert. Schröter erklärt, würde man mehr Firmen beauftragen, müsste man Gelder umverteilen. Gelder, die man vielleicht auch für ganz andere Dinge in der Stadt einsetzen könnte.

Städte, Gemeinden und private Initiativen bemühen sich zudem landesweit mit regelmäßigen Müllsammelaktionen, Straßen und auch Strände sauber zu halten. Mit alternativen Pfandsystemen, wie dem Recup-Becher und der Rebowl-Schale in mehr als 50 Orten MVs, sollen die Müllmassen weiter eingedämmt werden. Die Stadt Rostock legt in ihrer Abfallsatzung fest, dass in kommunalen Einrichtungen und bei städtischen Veranstaltungen kein Einwegplastik angeboten werden darf. Dort gibt es wie auch in den Ämtern Recknitz-Trebeltal, Röbel-Müritz und Krakow am See städtische Online-Mängelmelder. Dort gehen ebenfalls nach wie vor regelmäßig Beschwerden über illegal abgeladenen Müll ein. Sogar Kippenbeutel in regionalem Design oder biologisch abbaubare Tüten für das Sammeln des Mülls unterwegs gibt es, beispielsweise aus einer Initiative des Rügener Tourismusverbands zusammen mit dem Biosphärenreservatsamt Südostrügen und weiteren regionalen Partnern. Dennoch finden Suchende immer wieder Müll auf den Straßen, an der Küste und im Wald. Die Grünen in MV fordern mehr wind- und möwensichere Abfalleimer in den Kommunen und unter anderem mehr kostenlose Entsorgungsmöglichkeiten auf den landesweiten Recyclinghöfen.

Mehr Müllbewusstsein

Es müsse viel mehr ins Bewusstsein der Leute, dass der Müll, der auf der Straße liegt, da ja auch irgendwie hingekommen ist, sagt Sabine Schröter. Sie schlägt vor, dass wir mehr über das Thema Müll nachdenken. In Kitas, Grundschulen oder auch bei den landesweit schon zahlreichen Sammelaktionen darüber reden und verstehen, dass nicht nur unsere Wohnung, sondern auch die Stadt der Ort ist, an dem wir leben. Die gesammelten Müllsäcke der Greifswalder Schüler:innen zeigten, dass nicht sogenannte Müllwerker fehlen, sondern jeder sein eigenes Handeln überprüfen sollte, so Schröter. Und dass „wir uns auch einfach mal runterbeugen können und das Stück Papier zum nächsten Mülleimer bringen“.

Alle zwei bis drei Monate will die Klasse um ihr Schulgelände sammeln. (Foto: M. Rust)

Die 6. Klasse der Greifswalder Montessorischule will ihre Ergebnisse der Sammelaktionen im Schulgebäude aufhängen. Laut Lehrerin Juliane Übensee stammt dabei sicherlich auch ein Teil des Abfalls von der Schülerschaft selbst. Und Visualisierungen helfen immer wieder, ein Umdenken zu erreichen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 4 von KATAPULT MV. 

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Fußnoten

  1. VFR Verlag für Rechtsjournalismus GmbH (Hg.): Müll und Müllentsorgung, auf: bussgeldkatalog.org (18.11.2021).
  2. recup.de.
  3. Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern (Hg.): Digitaler Mängelmelder Klarschiff.MV startet bei drei Ämtern, auf: digitalesmv.de (26.7.2021). / Hanse- und Universitätsstadt Rostock (Hg.): Klarschiff.HRO, auf: klarschiff-hro.de.
  4. Tourismuszentrale Rügen (Hg.): Mehrwegprodukte, auf: ruegen.de.
  5. Bündnis 90/Die Grünen Mecklenburg-Vorpommern (Hg.): Kein Müll. Meer., auf: gruene-mv.de.

Autor:innen

Redakteurin bei KATAPULT MV.

Studiert Biochemie an der Universität Greifswald und ist bis März Praktikantin bei KATAPULT MV.

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