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Medienkritik

Nordkurier normalisiert neurechte Zeitung

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Gestern veröffentlichte der Nordkurier ein ungekürztes Interview der rechten Zeitung Junge Freiheit mit dem polnischen Botschafter in Deutschland, Andrzej Przyłębski. Das Interview war Teil einer Themendoppelseite zur Flüchtlingssituation an der polnisch-belarusischen Grenze. Das Interview wird unkommentiert abgedruckt, einziger Hinweis auf die Urheberschaft des Beitrags bietet der kurze Vortext. Was ist das Problem?

Aus dem Nordkurier vom 11. November 2021.

Anders als es den Anschein macht, ist die Junge Freiheit keine normale Zeitung. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung ist die Wochenzeitung das „Sprachrohr einer radikal-nationalistischen Opposition“, die FAZ nennt sie „rechtskonservativ“, der Deutschlandfunk „konservativ bis rechtsnational“, der Hessische Rundfunk etwas zurückhaltender „rechtsgerichtet“. Günter Rudolph, Parlamentarischer Geschäftsführer der hessischen SPD-Landtagsfraktion, sprach zuletzt von „einem der wichtigsten Organe der ‚Neuen Rechten‘ in Deutschland“. Die politische Ausrichtung der Jungen Freiheit werde „allgemein dem Grenzbereich zwischen Nationalkonservatismus und Rechtsextremismus zugeordnet“. Auch der Verfassungsschutz interessierte sich seit Mitte der 90er-Jahre für die Zeitung, die später offiziell beobachtet wurde. Ab Anfang der 2000er durchlief sie einen „verbalen Mäßigungsprozess“ und klagte gegen die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. 2005 bekam sie vor dem Bundesverfassungsgericht recht.

Wer die AfD verstehen will, muss die ,Junge Freiheit‘ lesen.
Alexander Gauland, AfD

Die Zeitung selbst wünscht sich die „Regeneration deutscher Identität und Deutschland als selbstbewußte Nation“ und beschreibt ihre Werte mit den Schlagworten Nation, Freiheitlichkeit, Konservatismus und Christentum. Alexander Gauland sagte einst: „Wer die AfD verstehen will, muss die ,Junge Freiheit’ lesen.“

17 Männer und eine Frau

Gründer und Chefredakteur der Jungen Freiheit ist Dieter Stein. Obwohl er die Bezeichnung ablehnt, gilt er als Vertreter der Neuen Rechten. Die Redaktion besteht aus einer Frau und 17 Männern. Darunter der Pressesprecher der AfD Berlin, Ronald Gläser, oder etwa der ehemalige Sprecher der rechten Partei „Die Republikaner“ in Berlin und ehemaliges Mitglied der rechtsextremen Organisation „Deutsche Liga für Volk und Heimat“, Thorsten Thaler. Auch Felix Krautkrämer, der das Interview mit dem polnischen Botschafter führte, gilt als Autor der Neuen Rechten. Er schrieb unter anderem für die Zeitschrift Sezession, die vom Institut für Staatspolitik, einer neurechten Denkfabrik, herausgegeben wird. Der Landesverfassungsschutz Sachsen-Anhalt ordnet das Institut der rechtsextremen Szene zu.

Der Onlineshop der Jungen Freiheit bietet eine wilde Mischung aus harmlos nostalgischen Filmen sowie politisch und journalistisch fragwürdigen Publikationen: neben der „Gender-Fibel. Ein irres Konversationslexikon“ findet man Ernst-Jünger-Porträts, Aufkleber und Tassen gegen „Political Correctness“, den Film „Die Drei von der Tankstelle“, ein Buch des amerikanischen Impfgegner-Arztes Joseph Mercola oder DVDs wie „Mythos Energiewende“, „Mythos Klimakatastrophe“, „Die Feuerzangenbowle“ und „Die unbequeme Wahrheit über den Islam“.

Normalisierung der Jungen Freiheit für Nordkurier unproblematisch

All das lässt sich ohne größeren Rechercheaufwand im Internet nachlesen. Der Nordkurier findet das offensichtlich weder erwähnenswert noch problematisch. Stattdessen druckt die Zeitung unter dem rechten Interview einen Kommentar der taz ab, als handle es sich um eine normale Presseschau mit kontrastierenden Blickwinkeln. Das Abdrucken eines Beitrags einer neurechten Zeitung aber, zumal ohne kritische Einordnung, führt zu einer Normalisierung des Mediums. Leserinnen und Leser des Nordkuriers bekommen den Eindruck, die Junge Freiheit sei eine ganz normale Zeitung.

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