Die Fahrradkurier:innen der Cykelbude wollen den innerstädtischen Lieferdienst in Rostock ökologischer und sozialer gestalten. Hinter gut geölten Ketten und wetterfesten Packlösungen steckt deshalb mehr als bloße Zustellarbeit – die nebenberuflichen Kurier:innen fahren als Kollektiv mit demokratischen und nachhaltigen Werten. Über verteilte Lasten, Wochenbettversorgung und verschüttete Suppe auf den kürzesten Umwegen der Stadt.
Helm auf! An einem nieselgrauen Dienstag fährt Kurierfahrer Leo ratternd über grobes Kopfsteinpflaster, neben Autos auf Asphalt und rot gepflasterten Fahrradwegen. Seit Januar fährt er als Kurier für die Cykelbude, früher auch schon mal als Pizzalieferant, aber immer mit dem Fahrrad. Auf schnellen, kurzen Wegen liefert er während seiner Frühschicht Sterilgut, Mittagessen, Bücherpakete, Kontaktlinsen und Blumen aus.
Das Kurierkollektiv Cykelbude übernimmt in Rostock Aufträge für die sogenannte letzte Meile, also den letzten Streckenabschnitt einer Lieferung vom Unternehmen zu den Endkund:innen. Sie gilt „als einer der kostenintensivsten und komplexesten Abschnitte moderner Logistikprozesse“, weil diese innerhalb wachsender urbaner Räume vor großen Herausforderungen stehen. Dazu gehören etwa die Effizienz und Wirtschaftlichkeit vieler zeitnaher Zustellungen auf kurzen Strecken und die dadurch erheblich zunehmende Umweltbelastung in den Städten. Innerhalb der Lieferkette ist die „letzte Meile“ außerdem die sichtbarste und entsprechend eng mit der Kund:innenzufriedenheit verknüpft. Gute Voraussetzungen also für alternative Lösungen. Um das letzte Glied der Lieferkette zu optimieren, arbeitet das Fahrradkollektiv eng mit seinen Auftraggeber:innen zusammen.
Wozu ein Kollektiv?
Etwa 15 bis 20 Leute fahren regelmäßig für das Kurierkollektiv. Aber was bedeutet Kollektivarbeit und warum braucht es das überhaupt, um Dinge von A nach B zu transportieren? „Es ist der Versuch, mit einer Gruppe von Menschen so hierarchiearm wie möglich zusammenzuarbeiten“, beschreibt Jule den Ansatz. Seit mehreren Jahren fährt sie schon für die Cykelbude, die 2019 gegründet wurde. „Für mich ist die Arbeit im Kollektiv auch mit der Sicherheit verbunden, dass Verantwortung und Wissen im Team auf viele Schultern verteilt sind, um gegenseitig eine Unterstützung zu sein.“
Dies zeichne sich dadurch aus, dass beispielsweise nicht nur eine einzelne Person den Überblick über die Buchhaltung hat, Kontakt zu den Kund:innen pflegt oder weiß, wie etwas Bestimmtes funktioniert. Eine wichtige Basis ihrer Zusammenarbeit sei daher vor allem das sogenannte Skill-Sharing, also die gegenseitige Vermittlung verschiedener notwendiger Fähigkeiten rund um den Betrieb eines Kurierdienstes mit Fahrrädern. Wie etwa das Wechseln einer Scheibenbremse bei einem Lastenfahrrad – etwas, das Jule selbst zwar nicht sonderlich liegt, aber: „Selbst wenn das dann nicht weiter zu meinen Aufgaben gehört, habe ich eine ganz andere Wertschätzung für die Leute, die das tun, weil ich das auch mal probiert habe.“ Abgesehen davon gebe es aber Fertigkeiten, die alle können müssen, wie etwa eigenständig eine Schicht zu fahren, mit Auftraggeber:innen und Kund:innen zu kommunizieren oder grundlegende Fahrradreparaturen, die unterwegs schon mal anfallen.








Vom niedrigschwelligen Nebenverdienst zum engagierten Stadtklima
Neben der flexiblen Wissenshierarchie besteht die Cykelbude auf demokratische Entscheidungsstrukturen. Auf seinen regelmäßigen Versammlungen bespricht das Kollektiv gemeinsam unter anderem die Finanzen, stimmt über den gemeinsamen Stundenlohn ab und schlüsselt alle Ausgaben transparent auf. Auch, wer neu ins Team aufgenommen werden soll, wird gemeinsam entschieden. Ihr Lieferdienst gehe ganz klar über „reines Schichtenfahren“ hinaus, weil er das Engagement der Einzelnen voraussetzt, den ganzheitlichen Betriebsablauf kennenzulernen, erklärt Jule. Und auch ein bisschen Idealismus. Alle von ihnen sind neben ihrem eigentlichen Beruf an der Cykelbude beteiligt.
Jule arbeitet hauptberuflich als Projektleiterin für die Initiative Plastikfreie Stadt und bringt von dort wiederum Impulse für den Kurierdienst mit. Die gastronomischen Lieferungen, zum Beispiel, funktionieren mit Mehrwegverpackungen – dadurch würden sie den Gebrauch von Einwegplastik in diesem Bereich erheblich reduzieren. Hinter diesen Aufträgen sieht Jule aber auch eine soziale Verantwortung und verweist dabei auf das „Kantinensterben“ in Städten. Deshalb fährt die Cykelbude regelmäßig für Großküchen, um zu gewährleisten, dass der Mittagstisch zu den Unternehmen kommt.
„Wir stellen uns immer die Frage: Wie können wir Arbeit nach den drei Säulen der Nachhaltigkeit gestalten? Also wirtschaftlich, ökologisch und sozial. Die wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit fällt bei uns zusammen, weil wir wirklich günstiger und schneller in der Stadt unterwegs sein können. Wir wissen aber auch, dass es unter konventionellen Lieferdiensten immer noch ausbeuterische Strukturen gibt – das wollen wir anders machen und überlegen, wie man diese Dienstleistung auch gesund anbieten kann, ohne Menschen zu verschleißen“, sagt Jule.
Gefahrere Kilometer
sind es bis zum 21. April bereits 5.782km.
Im Jahr 2025 waren es 21.189km – das ist einmal um die halbe Welt.
Das Wochenbettwunder
Eine Dienstleistung, die sich vor allem an die Gesundheit der Kund:innen richtet, ist das Wochenbettangebot des Kurierkollektivs. Eine der wenigen Leistungen, die von Privatkund:innen direkt in Auftrag gegeben werden können, und ein Herzensprojekt von Jule. Im eigenen Freundeskreis habe sie mitbekommen, dass sich viele Eltern kurz nach der Geburt am meisten über Verpflegung freuen, die ihnen einfach vor die Tür gestellt wird. „Eigentlich eine banale Geschichte, aber anscheinend eine Marktlücke“, stellt Jule fest. Die bereits vorhandene Zusammenarbeit mit Gastronomien hat das Projekt schnell ins Rollen gebracht und helfe auch, um Ernährungsweisen von vegan bis Vollkost abdecken zu können.
Ungefähr zwanzig Familien haben den Wochenbettdienst seit seiner Einführung vor etwa zwei Jahren bereits in Anspruch genommen. Eine solche Versorgung sei aber immer noch eine sehr privilegierte Sache, die sich nicht alle leisten können, betont Jule. Im Fall des Wochenbettwunders wollen sie prüfen, ob zukünftig zum Beispiel Soli-Konzepte das Angebot barrierearmer gestalten könnten. Es brauche mehr Unterstützung von Eltern in Wochenbettzeiten und gleichzeitig mehr Förderung von Gastronomien, die ihren Schwerpunkt auf den Mittagstisch oder gesunde Ernährung setzen. Die Arbeit im Kollektiv sei in dem Fall auch deshalb so wertvoll, weil es ihnen ermöglicht, ihre eigenen Dienstleistungen gemeinsam zu hinterfragen und zu verbessern.
Die Flotte der Cykelbude
besteht aus drei Lastenfahrrädern mit den Namen Jolly Jumper, Hidalgo und Rocinante.
Nur was für fitte Radsporttypen?
Was alle Kurier:innen der Cykelbude verbindet, ist natürlich eine Vorliebe fürs Fahrrad. Manche fahren einfach nur gerne und gemütlich, andere interessieren sich leidenschaftlich für Radsport oder Fahrradkurier-Meisterschaften und ein paar von ihnen haben ein Händchen für Zweiradmechanik. Dass es bei dem Kurierdienst durchaus sportlich zugehen kann, wenn mit einem Lastenrad zeitnahe Lieferungen in der Stadt abgewickelt werden, steht außer Frage – dass dieser Aufgabe ausschließlich fitte, junge Männer gewachsen sind, sei aber ganz und gar nicht der Fall, betont Jule. Um auch in diesem Bereich die Bedingungen nachhaltig zu verbessern, seien Flinta*-Personen im Team sogar ausdrücklich erwünscht.
Damit nebenher der Spaß am gemeinsamen Radfahren nicht zu kurz kommt, veranstaltet die Cykelbude seit vergangenem Jahr die Modderbude. Bei dem monatlichen sogenannten Social Ride steht das Soziale im Vordergrund. Alle sind willkommen, um gemeinschaftlich und in moderatem Tempo die schönsten Fahrradwege im Rostocker Umland und nebenbei auch ein paar Mitglieder des Kollektivs kennenzulernen. Jule teilt sogar das Gerücht, dass dabei schon „eine Person mit Klapprad und Flip-Flops heiter und glücklich mitgefahren ist“.
Rostock durch die Zweiradbrille betrachtet
Abseits der malerischen Strecken bekommen die Kurier:innen durch ihre täglichen Schichten einen guten Einblick, wie es um die städtischen Radwege in Rostock bestellt ist. Natürlich gebe es klare Grenzen der Zustellmöglichkeiten per Lastenrad. Natürlich lohnt sich ein voll beladener LKW mehr, um Schwertransporte wie Kühlschränke abzuwickeln. Und natürlich verkippt man auch mal eine Suppe, wenn man über den Bordstein fährt. Die gegebene Infrastruktur für Fahrräder habe aber viel mehr Potenzial – und dringenden Verbesserungsbedarf, meint Jule. Zwar sei einiges an Fahrradpolitik in den letzten Jahren schon gut umgesetzt worden. Einige besonders gefährliche Stellen seien aber lange noch nicht behoben worden, fasst die Wahlrostockerin zusammen.
Im Kollektiv gilt die Faustregel: „Ob ein Fahrradweg sicher ist oder nicht, erkennt man daran, ob man sein eigenes Kind da mit dem Fahrrad langfahren lassen würde.“
Doch auch wenn es an vielen Stellen gefährlich werden kann, eine plötzlich geöffnete Autotür oder lautstark hupende Autos zum alltäglichen Stress im Verkehr beitragen, glaubt Jule, dass dies Anzeichen von infrastrukturell größeren Problemen seien: „Ich finde es doof, wenn Fahrradstrukturen gegen Autostrukturen ausgespielt werden.“ Letztendlich seien alle gleichberechtigte Verkehrsteilnehmende und entsprechend müsse die Infrastruktur auch ohne aufgeladenen politischen Deutungsrahmen für alle gleichermaßen funktionieren.

